„Dummer Kerl!“
Den Schluß dieser Ausrufe machte ein Puff, dann erscholl ein langgezogenes Geheul durch den dämmerigen Dachboden, als aber ein bleicher, wässeriger Sonnenstrahl drüben schräg über den Kirchthurm fiel und die plumpen, grauen Steinzierathen beleuchtete, da schoben sich die Kinderköpfe mit versöhnten Gesichtern schnell zwischen die Gitter des Dachbodenfensters und starrten hinüber auf den Thurm und erzählten sich: „Es ist wirklich nichts drinn in der Glockenstube! Die Glocken sind alle miteinander nach Rom geflogen.“
Fünf Kinder waren es insgesammt, die ihre Schnäbel hinaussteckten, zwei kleine nette Mädchen mit gelben, sorgsam geordneten Haaren, und drei braune, zerzauste Buben. Die „weise Frau“, die unten im Erdgeschoß wohnte, hatte sie je mit einem rothen Ei und einem Stück Osterbrod versehen und so auf den Dachboden gelockt mit der Andeutung, daß sie noch eine oder die andere Glocke, welche sich verspätet habe, davonfliegen sehen könnten. Zuerst freilich hatte sie sich fürsorglich überzeugt, ob nicht mehr als die struppigen Schädel ihrer Buben durch das vergitterte Fenster hinaus könnten, und erst als der Kopf des Jüngsten die Probe überstanden hatte, fuhr sie lustig mit der Hand über alle anderen Köpfe und sagte:
„Bleibt’s nur da, bis ich Euch hol’!“
Dann ging sie hinaus, hakte das Vorhängschloß ein, drehte den Schlüssel um, steckte ihn in die Tasche und kletterte wohlgemuth die steilen Treppen hinab.
Unten im Erdgeschosse des alten Hauses, — es stand gegenüber der Kirche und dem Kalvarienberge, welcher die Kirche umgab, — lag eine bleiche Frau auf einem sorgfältig geordneten Bette, der Schimmer der scheidenden Jugend gab dem Antlitz einen rührendweichen Ausdruck, und wie sie dalag mit den geschlossenen Augen und Lippen, die Hände über der Brust gefaltet, glich sie eher einer Dahingeschiedenen als einer jener Duldenden, die ein neues Leben erwarten ...
„So, Ihre Mädeln und meine Buben sind alle miteinander eingesperrt auf meinem Boden, die werden dreinschauen, wenn’s keine Glocken davonfliegen sehen da droben, aber dafür hier unten einen kleinen Kameraden finden.“
Ein schwaches Lächeln der Kranken war die karge Erwiderung. Frau Huber zog ihre Schürzenbänder fester zusammen, strich mit der Hand über das Kopfkissen und sagte dann mit vertraulicher Lustigkeit:
„Zu den zwei kleinen Mädeln, von Ihrem Mann seiner ersten seligen Frau, jetzt so einen kleinen Buben von Ihnen dazu! Was? Das wär’ halt das Rechte. Der Herr ist soviel auf Reisen — da hätten Sie ein bisserl mehr Zerstreutheit — thäten Ihnen weniger kränken — na ja! so ein neugebornes Kind giebt eine Menge Arbeit, da kommen einem gar keine anderen Gedanken. — Und wenn man den allergröbsten und grauslichsten Mann hat, so kommt er Einem höflich und sauber vor, wenn man so ein kleinbeiniges, rothgesichtlertes Kinderl am Arm hat, zu dem er der Vater und unsereins die leibeigene Mutter ist. — Ich weiß das recht gut, mein gottseliger Mann war auch grad’ kein Engel, aber ein kreuzbraver Mann war er und darum hab’ ich ihn gut leiden können.“
Jetzt öffnete die Kranke die Augen, und zwar erst als sie hörte, daß ihr die Sprechende den Rücken zukehrte. Es waren große, schier zu große, blaue Augen, das Weiße war noch so rein wie es nur bei Kindern ist, aber die Augen hatten einen scheuen Ausdruck... wie hilfeflehend irrten sie von der Frau, die am Fenster stand, hinüber zu der Kirche, dann wieder zu der Thüre und schlossen sich endlich mit ergebungsvoller Demuth wieder. Frau Huber blickte erwartungsvoll auf das Zifferblatt der Thurmuhr, dann zog sie eine große, alte, silberne Männeruhr aus dem Schürzenlatz, verglich beide auf die Minute und ihr lustiges, freundliches Gesicht wurde immer besorgter. Sie räusperte sich verlegen und wandte sich um, als ob sie weiterreden wollte, im selben Augenblick aber rollte lärmend ein Wagen heran und hielt vor dem Fenster jählings an. Als ob sie die Kranke schützen wollte, so rasch eilte Frau Huber an das Bett und nahm sie in ihre Arme. So stark die Frau auch war, die stille Gestalt warf sich doch plötzlich auf den Kissen herum, daß ihr Häubchen zurückglitt und die dichten blonden Haare bis auf den Gürtel niederflossen.