„Es ist wirklich nichts drin.“
Leopold hob das Kind auf seinen Schoß, fragte, wie es ihm die ganze Zeit ergangen, und plauderte halblaut mit der wortkargen Kleinen. Die Leute gingen allmählich wieder an ihre Arbeit, aber keiner verließ die Stube, ohne daß er dem Heimgekehrten einen guten Rath zu geben suchte. Was half da alles rathen, der Arm war fort.
„Ein Krüppel bleibt halt ein Krüppel!“
„Ja, ja!“ flüsterte die Frau Weiß dem zu, der ihr das in’s Ohr raunte, als er durch die Küche ging.
„Was wird der Vater sagen?“ murmelte sie dann, lehnte sich weiter in den offenen Herd hinein und blies in die Flamme. Das Holz wollte nicht recht anbrennen, der Rauch wirbelte auf und erfüllte die ganze Küche, der alten Frau lief das Wasser immer stärker aus den Augen, je emsiger sie anblies...
Drinnen in der Stube saß die Lene noch immer auf den Knieen des Invaliden, sie drückte ihr ausdrucksloses ebenmäßiges Gesichtchen an seine Schulter und schaute gedankenlos auf ihre Gespielin herab. Die Hanne hatte einen niederen Holzschemel herbeigeholt und sich leise neben dem Heimgekehrten niedergesetzt... durch den Thürspalt zog der Rauch aus der Küche herein und schwamm wie ein durchsichtiger Streifen dem Fenster zu; an die weitoffenen Scheiben schlugen einzelne große Regentropfen, und nur manchmal fiel ein bleicher wässeriger Sonnenstrahl in die Stube. Immer seltener wurden die Lichtblicke und immer hastiger und geräuschvoller strömte der Regen nieder; die Menschenstimmen, die erst so lebhaft durcheinander geschrieen hatten, erstarben draußen auf dem Hofe, denn die Waschfrauen, die bei klarem Wetter vor ihren Thüren hantierten, hatten ihr Arbeitszeug rasch in die dunsterfüllten Küchen geschafft. Nur ein paar Kinder spielten noch mit der knarrenden Stange des Brunnens, als aber ein tüchtiger Regenguß kam, liefen auch die lärmend davon und auf dem Hofe der „blauen Gans“ war es so still, als ob ein Feiertag wäre...
Der Leopold hielt die kleine Lene noch fest in seinem Arm, er legte seine Schläfe an ihren rothen Kopf und lächelte, als er sah, wie die großen kalten Augen sich erst ein wenig verschleierten und dann mit einmal die Lider herabsanken, das eintönige Regenplätschern hatte sie in den Schlaf gesungen... Der Leopold schlief aber nicht ein, obwohl er bewegungslos wie das schlummernde Kind dasaß, seine Gedanken flogen zurück in die eigene Kindheit, zurück in alle die verrauschten Jahre, die er da in dieser Stube verlebt hatte. Das Holz zischte und schnalzte in der Küche draußen genau so wie damals, wenn es nicht anbrennen wollte, und ebenso ausdauernd blies die Mutter immer noch in die Flamme. Die alte Schwarzwälderuhr tickte genau so schwerfällig und einförmig, nur manchmal überhaspelte sie sich, wie eine alte Frau mitten in ihrer gleichmäßigen Rede. Die hochaufgerichteten Betten von Vater und Mutter hatten noch genau dieselbe Höhe, und sein Bett stand dort, als ob es Tag für Tag seiner gewartet hätte... Hinter dem Spiegel, der selbst aus dem vergnügtesten runden Menschengesicht ein grämliches Viereck zog, steckten heute wie immer einige Palmzweige, die paar kleinen Heiligenbilder mit den leeren oder süßlichen Köpfen hingen an derselben Stelle, Tisch, Stühle, Schränke, der ganze Hausrath, den er kannte, seit er zu denken angefangen, stand genau so sauber da wie immer. Alles war wie angenietet, nicht um eine Linie verschoben, nichts fehlte...
Und doch... das kleine Bett, das rechts im Winkel hinter dem Bettschirm — der mit unzähligen Bildern beklebt war — stand, das Bett fehlte, und am Fenster saß auch das junge Mädchen nicht, das ehemals in dem Bette schlief... Das feingewachsene Ding mit dem lieben Gesicht und der sanften Stimme saß seit Langem nimmer dort; die fleißigen Hände, die von früh bis Abend fort und fort mit Draht, Seide und Flor herumgewirthschaftet und aus all dem Zeug Blumen geschaffen hatten, welche so schön waren als jene, die aus der Erde wachsen, diese zarten, geschickten Hände waren längst zu Staub zerfallen.... Alles war da, nur die gute kleine Marie und ihr Bett fehlten.
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„Mein gutes Schwesterl! Du hast mich so gern gehabt!“ sagte der Leopold vor sich hin, und er preßte in überwallender Sehnsucht das Kind in seinem Arme fester an sich. Die Lene hob die Lider ein wenig, zog die Glieder an sich wie eine Katze, schmiegte sich enger an die Brust des Heimgekehrten, schluckte zwei-, dreimal, als ob sie trinken würde, und schlief wieder weiter...