Da regte es sich auf der Diele, in der Ecke der Fensternische; es war ein leichtes, kaum hörbares Geräusch, der Leopold wandte den Kopf und lächelte mit einmal freudig, denn ein alter Freund wandelte dort unter dem Sessel der Verstorbenen hin und her. Der alte Kreuzschnabel, der öfter als alle andern Vögel die Federn ablegte, steckte jetzt seinen kahlen Kopf hervor und rief zum Willkomm:
„Zock!... Zock!...“ „Hansel! komm her, Hansel!“ flüsterte der Soldat, „na so komm, ich bin’s ja!“
Der Vogel kam näher, er blinzelte mit schiefgehaltenem Köpfchen hinauf, ließ das durchsichtige Lid über das perlenrunde Aeuglein fallen, hob es wieder und ging dann würdevoll heran bis zu dem Heimgekehrten. Er wetzte sich den Schnabel an der Stiefelspitze, die ihm Leopold entgegenschob, hüpfte dann auf den Fuß und sang ein kurzes Stücklein, dann flog er auf den Stuhl in der Fensternische und endlich auf das Fensterbrett, dort sträubte er seine zerzausten Federn, blinzelte gegen den Himmel, sang wieder seine Weise und schloß mit dem abgehackten Zock-Zock! —
Gedankenvoll schaute der Leopold dem zahmen Thier nach, als sich aber der Vogel aufschwang und durch die Luft flatterte, hinaus in’s Freie, da lief ein Zittern durch den verstümmelten Menschenleib, der Armstumpf zuckte... erhob sich einen Augenblick... und eine unaussprechliche Hoffnungslosigkeit legte sich über das abgemagerte Gesicht, umhüllte schier mit einmal die müde junge Gestalt, und ein anklagender Wehlaut riß sich gleichsam von dem traurigen Herzen los...
Unbeachtet saß die kleine Hanne immer noch neben dem Manne, sie hatte jeden Blick und jede Bewegung des Heimgekehrten verfolgt, jetzt bewegte sie sich zum erstenmal, zupfte schüchtern an seinem leeren Rockärmel und wisperte mit einem fürsorglichen Blick auf die schlafende Lene:
„Mußt nicht so traurig sein, Herr Lepold, der Kreuzschnabelvogel sitzt nur da drüben, oben, dort neben dem Rauchfang, ich hol’ ihn schon gleich wieder herunter. Mußt nicht traurig sein, ich bitt’ Dich!“
Das schwache Geschöpflein hockte so klein neben ihm und lispelte die kindischen liebevollen Worte so leise, daß er es eigentlich erst recht beachtete, als es durch die Thüre hinausschlüpfte und noch einmal wie zum Abschied zurückblickte nach ihm... Es überkam ihn da eine unklare Erinnerung an einen ähnlichen Menschenblick... ein verschwommenes Bild tauchte auf... Er hatte einen solchen Blick gesehen, aber: Wo?... wann?... fragte er sich.
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„Na ja, das haben wir jetzt davon!“ grollte draußen in der Küche eine rauhe verbissene Stimme, „der Kerl, der baumstark fortgegangen ist, kommt jetzt so heim — jetzt können wir wieder anfangen beim Auffüttern!“
Frau Weiß weinte laut und blies dazwischen in die Flamme. „Der Laternanzünder hat mir die Neuigkeit bei dem Werkstattfenster hineingeschrieen — da hab’ ich den Hammer hingeschmissen und —“