Die kleine Lene stand hinter dem Stuhl, auf welchem früher der Leopold gesessen hatte, sie stützte das runde Kinn auf die Sessellehne und schaute mit neugierlosem Gleichmuth in das Gesicht des zürnenden Hausherrn. Als er plötzlich den rothen Kopf erblickte, schwieg er überrascht, in der nächsten Minute aber wendete er sich zu dem Kinde, die Lene war ihm ja ein willkommener Anlaß, tüchtig weiter zu wettern, denn schreien mußte er nun einmal, wenn er zornig war, oder wenn ihm etwas weh that, was er nicht zugestehen wollte. Daß er sich bei einem Herzeleid doppelt grimmig anstellte, das wußten alle Leute in der „blauen Gans“, darum kam ihm zu solchen Zeiten keiner in die Nähe als sein Weib. Auch jetzt fuhr er grollend auf das Kind los:

„Was willst Du da? — Bei Zeiten tagdieben lernen?“ — er nahm die Kleine bei einem Arm und drehte sie wie einen Kreisel zur Thüre hinaus. „Marsch! zu Deiner Mutter hinüber!“ —

Dem Leopold ging die harte Behandlung des Kindes nahe, er rückte den Sessel geräuschvoll fort, trat an das Fenster und schaute der Lene nach. Die Kleine patschte gleichgiltig, ohne sich umzusehen, durch die Regenpfützen über den langen Hof. Als er so hinausstarrte, blendete ihn etwas in der Luft, und wie er aufblickte, guckte das weiße Gesichtchen der Hanne drüben aus der Dachluke und ihre kleinen Hände winkten ihm tröstend und beruhigend zu...

„Was hat das Kind nur? Es stellt sich an, als wollte es heraus auf das Dach kriechen,“ dachte der Leopold und erwischte sich dabei, daß er es vor sich hin gesprochen hatte, denn der Alte hielt in seinem Hin- und Wiederwandeln inne und schaute auch hinaus in die Luft.

Der Heimgekehrte lehnte sich mit einer Schulter an das Fensterkreuz und blickte empor zu den hastig treibenden Wolken. Er war wie zerschlagen, so müde, so traurig, wie sollte es in Zukunft werden, wenn schon der Tag, an dem er heimkam, so anhub... Immer wieder glitten Schatten über sein junges Gesicht, es wurde dunkel und hell, starr und bewegt, je nachdem droben die verschwommenen geisterhaften Gebilde über den bleifarbenen Himmel eilten. Die Wolken ballten sich zusammen zu menschenähnlichen Gestalten, sie schleppten dunkle und helle Gewänder hinter sich her... und jetzt jagten gar gespenstige Rosse da oben, und der Leopold dachte:

„Vielleicht ist wirklich was dahinter und es geht droben so wild zu wie drunten, nirgend giebt’s eine rechte Ruh!“...

Der Schlosser ging noch immer in der Stube auf und nieder und schielte über die Achsel nach seinem Sohn, plötzlich fragte er:

„Aber stumm bist Du doch nicht worden? — He?!“

„Glaub’ nicht.“

„Warum redest Du also nicht?“