Die Bitterkeit und der bewegte ernste Ton schwanden immer mehr aus den Worten des Invaliden und langsam schlich sich der frische lustige Laut ein, in welchem er früher zu den Nachbarn gesprochen hatte. Der Alte horchte hin, kraute sich hinter den Ohren, zuckte die Achseln eine nach der andern und fragte dann halblaut mit der Stützigkeit, die innerlich an demselben Gedanken überzeugungslos festhält: „Ja! — Aber — was bleibt? — Was bleibt?“

Da richtete sich der Leopold in ganzer Länge auf und sagte mit tiefer Stimme: „Der ehrliche Name, die Gewißheit, daß man rechtschaffen seine Pflicht gethan hat... und der zweite Arm, der doch auch noch mitzählt?... das bleibt halt, Herr Vater!“

Kein Athemzug war nach den Worten mehr zu hören in der Stube; der Alte nickte nur, als ob er sich doch selbst Recht geben wollte, und glotzte unbeweglich seine schwarzen Hände an, als wäre es eine Ueberraschung, daß sie breit und rauh seien, daß er stumpfe Finger und beinahe nur messerrückenschmale Nägel habe. Sein Sohn lehnte jetzt mit dem Rücken am Fensterkreuz und starrte an die Zimmerdecke. Das schweigsame Ausweichen mit Wort und Blick dauerte eine geraume Weile, da knarrte die Thüre und die beiden Männer schauten wie erlöst von dem unbehaglichen Drucke hin. Der Thürspalt wurde breiter, unten an der Schwelle kam ein Fuß mit einem großen durchlöcherten Schuh, mitten, in gleicher Höhe mit der Thürklinke, die Hälfte eines dampfenden Topfes und ein gut Stück höher zitterte ein grauer Haarbüschel...

Der Schlosser riß die Thüre weit auf, so daß sein Weib jählings in ihrer ganzen Verzagtheit in die Stube torkelte.

„So, da ist der Kaffee schon!“ stotterte sie verlegen, stolperte zum Tische, stellte ihren Topf in die Mitte und blinzelte mit einem unsicheren Ausdruck noch immer nach den Beiden. Sie rückte die Stühle an den Tisch und schob sich hinter dem Alten vorbei zu dem Schubladenkasten. Fürsorglich wählend überschaute sie ihre Tassenherrlichkeiten und nahm eine der größten mit beiden Händen auf. Der Schlosser stand jetzt neben ihr, und sein kantiges Gesicht wurde beinahe weich, als er mit dem Zeigefinger die Tasse berührte: „Die ist noch älter als wir, Alte, gelt?“

„Freilich, freilich... ja, ja!“ sagte sie zitternd und versuchte zu lächeln.

„Aber aushalten thun sie doch was, die Alten!“ erwiderte er und legte die schwere Hand auf den Kopf des kleinen Weibleins, dann ging er in die Küche und kam bald ohne Schurzfell und mit reinen Händen zurück. Er winkte seinem Sohne, deutete auf den Stuhl, und als der Leopold sich niedergesetzt hatte, setzte er sich breitspurig ihm gegenüber, stemmte beide Hände auf die Kniee und schaute dem Invaliden gerade und fest in die Augen. Die Frau wischte und putzte noch an ihren Tassen herum, und endlich rückte sie ihrem Kinde diejenige hin, auf welcher in verwaschenen Goldbuchstaben „Aus Achtung“ zu lesen war... Dann beobachtete sie verstohlen und zaghaft, wie ihr Sohn mit der linken Hand die Schale an den Mund führte, und athmete erleichtert auf, als sie sah, daß er sich ganz so gut anließ, wie ehemals mit der rechten.

„So, jetzt erzähl’ mir, wie alles so gekommen ist, besser wär’s freilich gewesen, wenn Du uns vorbereitet, wenn Du was von der ganzen Geschicht’ geschrieben hättest.“

Der Alte sagte das mit freundlich-lauter Stimme und schob dem Jungen eine Pfeife und seinen Tabakbeutel über den Tisch zu, die Mutter trank geräuschlos ihren Kaffee und saß recht unterwürfig da, sie las jedes Krümchen Brod mit der feuchten Fingerspitze vom Tischtuch auf, schaute mit den rothgeweinten Augen von Einem zum Andern, drückte das vordringliche Haarbüschel immer wieder hinter ihr Kopftuch und kicherte endlich so sonderbar, als ob sie innerlich weinte und nur zur Entschuldigung für ihre Thränen dieses schüchterne Lachen gefunden hätte...

„Herr Vater,“ sagte der Leopold, nachdem er die Pfeife umständlich gestopft und angebrannt hatte, „Herr Vater! das Schreiben geht bei so einer Geschicht’ Unsereinem viel schwerer als das Reden, weil...“ die Pfeife hatte keine Luft, Leopold mußte tüchtig anziehen, darum schwieg er wieder.