Die alte Frau wartete noch eine Weile, ob keiner von den Männern sprechen werde, dann nickte sie ihrem Sohne dankbar zu, gleichsam als ob sie ihm sagen wollte, daß sie wüßte, was es ihm gekostet habe, dem zähen Blut und dem ungerechten Wort des Vaters ruhig Stand zu halten, dabei streifte sie mit den flachen Händen das Tischtuch glatt und endlich sagte sie stockend und nachsinnend:
„Ja, ja... Du hast alleweil Recht, Johann, denn Du bist ein gescheidter Mann, Johann, das sagen alle Leut’, freilich!... Es ist ein Unglück, das mit dem Buben da... aber weißt, Johann, ich denk’ mir halt, die Hauptsache ist doch dabei, daß unser einziges Kind jetzt da lebendig bei uns sitzt... gelt Johann...?“
Das war recht sonderbar, die zwei Männer rückten mit einmal ihre Stühle ganz nahe zusammen, so daß sie Schulter an Schulter saßen und Beide schauten in das glückselige Antlitz des alten hilflosen Weibleins, denn die unendliche Liebe, die durch dieses arme gequälte Mutterherz fluthete, sie verschönte das alte vergrämte Gesicht mit dem grauen Haarbüschel, der jetzt sehr stark zitterte...
Und nun wurde es anders, der Vater erzählte von seinem Handwerk, der Sohn von seinem Soldatenleben, das wurde Alles mit kurzen, bezeichnenden Worten abgethan. Dazwischen pafften sie um die Wette, und die alte Frau wurde nicht müde, ihr einziges Kind zu betrachten. Wenn die Beiden ein Wort lauter aussprachen, fiel sie vor Schreck so in sich zusammen, daß sie beinahe sichtlich kleiner wurde auf ihrem Sessel, sie fürchtete stets, die Zweie könnten doch noch aneinander gerathen. Scheu blickte sie dann von dem Einen auf den Andern, und wenn sie ein paar gutmüthige Gesichter anlachten, so schmunzelte sie pfiffig, als ob sie sich nur einen Spaß gemacht hätte mit ihnen.
Da plötzlich krachte und kollerte es draußen im Hofe; ein gellender angstvoller Schrei jagte die drei Menschen von ihren Stühlen auf, und schon, zugleich fast, hörten sie etwas Schweres niederklatschen... Jetzt begann ein Rennen der Leute, lautes Wehklagen und Hilferufen... Der Leopold stand zuerst da, als ob er sich besinnen müsse, wo er sei, dann sprang er mit einem Satz aus dem Fenster und lief dorthin, wo schon die meisten Leute standen; er drängte sie rechts und links beiseite, ohne zu wissen, warum ihm der Athem verging vor Angst... es flirrte rund um ihn. Alles war undeutlich und verwischt, als ob er halb blind geworden wäre, und jählings stand ihm das hämmernde Herz still... er sah plötzlich nichts mehr, als zwei große Kinderaugen, mit einem sonderbaren, von ihm vergessenen Blick, ihm zugewendet. Und jetzt sah er das Kind selbst deutlich und klar, die kleine Hanne war es, die zu ihm aufschaute, denn sie lag mit kreideweißem Gesicht und mit schlaffen Gliedern da am Boden zwischen den Leuten...
„Vom Dach herunter, da vom Rauchfang ist’s gestürzt, ich hab’s fallen gesehen!“ sagte schluchzend eine Frau.
„Vom Dach?“ fragte der Leopold, und seine Zähne schlugen aneinander, als er sich bückte und den Kopf des Kindes in seinen Arm nahm. „Hannerl, um Alles in der Welt, was hast Du denn auf dem Dach zu thun gehabt?“
Da schaute die Kleine zu ihm auf, in den verschwimmenden Augen blitzte etwas wie ein befriedigtes stolzes Bewußtsein, und abgebrochen wisperte sie:
„Ich... hab’... Dein’... Kreuz... schnabel... vogel... doch... erwischt... beim... Rauchfang... mußt’... nicht... traurig... sein... Herr... Lep...“
Die Stimme brach, der kleine Leib zuckte schmerzlich zusammen und streckte sich, die schwache Hand deutete auf die Brust. „Da... drin’... ist... er...“