In meiner Spieß'schen Entsetzensperiode wurde gerade ein Verbrecher hingerichtet. An einem October-Nachmittag gehe ich mit meiner Schwester und unserm Dienstmädchen in das Südfeld, um die Wallnüsse von den höchsten Zweigen herabzuschlagen, die der Gärtner sich beim Einsammeln nicht die Mühe machen wollte, herunterzuholen. Das Mädchen war still, verdrießlich und melancholisch. Es war schon spät, die Sonne ging unter und die Dämmerung brach an. Plötzlich sagte sie nach einem langen Schweigen: „Wollen wir auf's Feld gehen und den Sünder sehen, der hingerichtet ist?“ — „„Ja!““ rief ich, und die Wallnuß, die ich aufgehoben hatte, fiel mir vor Entsetzen aus der Hand. Es wurde kein Wort weiter gesprochen, und wir gingen.

Als wir auf der Landstraße dem Hochgerichte gerade gegenüber standen, wagten das Mädchen und meine Schwester sich nicht weiter. Aber eine unsichtbare Macht trieb mich von dannen, so wie den Vogel in den geöffneten Rachen der Klapperschlange. Ich war noch nie dort gewesen, und nun sprang ich über Gräben und Hecken, um mir den Weg zu kürzen. Auf dem einsamen Felde näherte ich mich dem Hochgericht. Die Sonne war untergegangen, ein herbstlicher Abendschleier lag über der Natur. Ich wagte nicht aufzusehen, sondern starrte auf die grüne Erde, und es war mir, als ob die Erdklumpen unter meinen Füßen gleich Wellen wogten. Endlich entdeckte ich die schwarzen Pfähle dicht vor mir. Ich schlage die Augen auf! ein bleiches, blutiges Haupt grinst von der Stange; darunter war eine abgehauene Hand festgenagelt. Auf dem Rade lag ein kopfloser Körper mit herabhängenden Armen und wollenen Strümpfen an den Füßen. Ein panischer Schrecken faßte mich; ich ergriff die Flucht. Es war mir, als ob der Hingerichtete mir auf den Fersen folge, als ob er mir in den Nacken greife. Erst als ich weit hinaus auf die Landstraße, zu meiner Schwester und dem Mädchen, gelangt war, kam ich wieder zu mir selbst.

Eine Spuck-Geschichte.

Mein Vater dagegen hatte keine große Gespensterfurcht, was Folgendes bezeugen kann: An einem späten und dunkeln Abend, als er von seiner Quadrillegesellschaft nach Hause gehen wollte, sah er, indem er an der Kirche vorüberging, ein offenes Fenster im Glockenthurme, das vom Winde hin und her geschlagen wurde. Als Kirchenältester that es ihm der Scheiben wegen leid, die jeden Augenblick zerschlagen werden konnten; er entschloß sich also kurz, hinaufzugehen und das Fenster zu schließen. Zufälliger Weise kam gerade ein Gärtnergehülfe vorüber, den er in seinem gewöhnlichen scherzhaften Tone fragte, ob er mitgehen wolle? — Der Gehülfe schämte sich wahrscheinlich Nein zu sagen, und folgte ihm mit beklommenem Herzen. Erst öffnete mein Vater die Kirchhofsthüre mit dem Hauptschlüssel, dann gingen sie über den Kirchhof und kamen zu einer kleinen Hinterthüre, der einzigen, welche er mit diesem Schlüssel öffnen konnte. Es ging doch etwas schwer, und er sagte: „Wir müssen die Thür offen stehen lassen, denn von Innen kann ich das Schloß nicht öffnen.“ Der Gärtnergehülfe sperrte die Thüre so weit, wie möglich auf, und sie gingen hinein. Mein Vater stieg muthig die kleine Treppe hinauf; nun standen sie im Thurme, und er schloß das Fenster. Aber wie sie nun wieder zurückgehen wollten, hörten sie einen entsetzlichen Lärm unten in der Kirche. „Herr Jesus!“ rief der Gärtnergehülfe, „nun geht's los!“ — „„Nein!““ antwortete mein Vater verdrießlich, — „„nun steht's leider erst recht fest. Der Wind hat die Thür ins Schloß geworfen, und von Innen kann ich sie nicht aufschließen!““ — „Ach Du mein Heiland und Schöpfer!“ rief der erschreckte Gehülfe und rang seine Hände, „was haben wir gethan, wozu haben Sie mich verführt? Sollen wir nun die ganze Nacht in der Kirche bleiben?“ — „„Das ist freilich unangenehm““, sagte mein Vater, „„aber fassen Sie nur Muth. Ich höre den Wächter unten in der Weidenallee; ich werde ihn rufen; die Kirchhofsthüre steht offen, dann werde ich ihm den Schlüssel hinunterwerfen, und er kann uns die kleine Thüre von Außen öffnen.““ — „Ach!“ entgegnete der Gehülfe, „das thut er gewiß nicht. Glauben Sie, daß der Wächter ein so gutherziger Narr ist, wie ich? Er wird sich besser in Acht nehmen.“ Indessen waren sie Beide wieder in den Thurm hinaufgestiegen, und mein Vater rief dem Wächter vom Fenster aus zu. Aber kaum hatte dieser um Mitternacht ein Gesicht in dem kleinen Fenster des Kirchthurms gesehen, als er in größter Eile Fersengeld zahlte. „Verdammt!“ sagte mein Vater, „nun müssen wir doch versuchen, ob es nicht von Innen aufgeht.“ Sie gingen hinunter; mein Vater steckte den Schlüssel ins Loch und drehte und drehte lange vergebens, während der kalte Angstschweiß dem Gärtnergehülfen auf der Stirne stand. Endlich glückte es, und die Thür ging auf. Aber solch' einen Sprung — versicherte mein Vater oft später — habe er nie gesehen, wie den, welchen der Gehülfe über drei, vier Gräber von der Schwelle aus machte, als endlich die Thür geöffnet war.


Aber ich kehre zu meinen Theaterbesuchen und meiner ästhetischen Lectüre zurück. Mit den Schröder'schen und Jünger'schen Stücken hatte ich vertraute Bekanntschaft gemacht. Obgleich Schröder solider als Kotzebue war, schmeckte er mir doch, wegen seiner Kälte, nicht so gut. Der große Mann war viel mehr Schauspieler als Poet. Jünger fiel mir schon damals recht leicht. Beaumarchais' Figaros galten für Meisterstücke und ich ließ sie dafür gelten, obwohl meine Phantasie und mein Gefühl stets hungrig von dem Tische gingen, wo, wenn auch reichlich, nur kalte Witze und Intriguen servirt wurden, die bei Weitem nicht so fein waren, wie sie dafür galten.


Ewald und Wessel.

Von Ewald spielte man in meiner Jugend ebenso wenig Etwas, wie jetzt. „Balder's Tod“ von Hartmann in Musik gesetzt war jedoch zur Aufführung gekommen. Die Diction in diesem Stücke kann neben die in Göthe's Tasso und Iphigenia gestellt werden. Nicht als ob man in Ewald's Balder die feinen Bemerkungen, die tiefe Menschenkenntniß und die reife Künstlerbildung, wie in Göthe's Werken fände; ich meine nur mit Rücksicht auf das schöne begeisternde Gefühl, das sich gedankenvoll in originalen Bildern ohne rhetorische Weitläufigkeit und Pracht in einer veredelten Volkssprache bewegt. Von einer hohen Seele, einem kräftigen Fluge hat der große Lyriker starke Proben abgelegt. Gegen den dramatischen Stoff ließe sich Viel einwenden, wenn hier der Ort zu einer Kritik über Ewald's Werke wäre.