Von englischen Stücken gefielen mir besonders die Lästerschule, und Goldsmith's Irrthum auf allen Ecken. An den vornehmen französischen Conversationsstücken fand ich wenig Geschmack, desto mehr aber an Molière's: Kranke in der Einbildung und seinem Geizigen. Ganz besonders gefielen mir die reizenden Singstücke Zemire und Azor, der Grobschmied, der Faßbinder, der König und der Pächter, die beiden Geizigen (wo Gjelstrup und Knudsen zusammen glänzten), die beiden Savoyarden und vor Allem der Deserteur, ein herrlicher Stoff, von Monsigny eben so schön componirt, wie viele Jahre darauf der Wasserträger von Cherubini, wo Knudsen in Michel's Rolle sein ganzes warmes Herz zeigte.

Ich darf auch nicht die hübschen italienischen Farcen: das Bauernmädchen und die verliebten Handwerker vergessen, in denen südliche Munterkeit in ihrer vollen Glorie strahlt.

Lessing.

Von Lessing spielte man Minna von Barnhelm und Emilia Galotti. In dem ersten Stücke war Rosing ein vortrefflicher Tellheim, in Emilia ein eben so guter Marinelli. Es war merkwürdig, wie der Mann, der die reinen und edeln Gefühle eines Dichters wiedergeben konnte, mit derselben Wahrheit die Geschmeidigkeit und Hinterlist eines Hofmannes darstellte. Aber ein großer Schauspieler muß, wie ein echter Dichter ebensowohl die Schattenseite der menschlichen Natur, wie ihre Lichtseite auffassen, sonst kennt er den Menschen nur halb und kann ihn nicht gründlich darstellen. Mit der schönen Unwissenheit eines unschuldigen Mädchens kann der Künstler sich nicht begnügen, wenn er es in seiner Kunst weit bringen will. Ohne das Lächerliche zu begreifen, begreife ich nicht das Hohe; ohne die Bosheit zu verstehen, fasse ich das Edle nicht; ohne mich über Dummheiten zu ärgern, kann ich mich an Witzen nicht erfreuen. Deshalb werden Schurken schlecht von Schurken, Dummköpfe schlecht von Dummköpfen dargestellt. In dem Erhabenen muß ein humoristischer Zug oft dem Dunkeln ein wärmeres Kolorit geben; und wenn der Komiker gar keinen Sinn für das Edle hat, merken wir ihm diesen Mangel bald an; und können trotz unserer Bewunderung ein Lächeln über Molière's und Holberg's prosaisches Phlegma nicht zurückhalten; während wir erstaunt Aristophanes von seinen Scherzen und Karrikaturen in die Wolken und Shakespeare aus dem Stall in den Rittersaal folgen.

Auch Lessing liebte die Vielseitigkeit, und war nicht nur ernst, sondern auch lustig. Dies, verbunden mit seinem klaren Verstande und seiner Wahrheitsliebe, giebt seinen Werken einen eigenen Wohlgeschmack, etwas Tüchtiges und Nährendes; man schmeckt ihnen den Kern, die Quelle an. Lessing ist liberal; er liebt es, das Hohe und Edle offen und gerade darzustellen; er haßt Koquetterie und Pracht eben so wie Eitelkeit; und darin thut er Recht. Aber die Grazie fehlt ihm als Dichter; für das Erotische hat er keinen Sinn. Dies giebt seinen Schilderungen etwas Frostiges und Steifes, nur nicht in Nathan dem Weisen, wo das Erotische keine Hauptrolle spielt, und wo er Grazie als Philosoph zeigen konnte; denn diese besaß der witzige Denker in hohem Grade.

Seinem Mangel an Sinn für das Erotische konnte man es wohl zuschreiben, daß er der Katastrophe in der sonst so herrlichen Emilia Galotti kein besseres Motiv unterlegte; dies schadet dem Stück und sticht bedeutend gegen die übrige Wahrheit in der Zeichnung ab.

In meiner Jugend fühlte ich die Schwäche dieses Motivs nicht. Ich weinte, wenn Emilia von ihrem Vater durchbohrt wurde (ohne daß er vorher einen einzigen Versuch zu ihrer Rettung machte), damit sie im Hause des Kanzlers nicht zur Wollust verführt werden solle.

Und Alle weinten darüber, und der Norwegische Dichter Zetliz hatte auch geweint, und hierdurch entstand einige Jahre vorher eine komische Scene bei der Aufführung zwischen ihm und einem holsteinischen Schiffscapitain, welcher nicht geweint hatte. Dieser Biedermann war ins Theater gegangen, um sich nach des Tages Arbeit zu amüsiren, hatte sich also vorgenommen, Alles lustig zu finden, was er auch sehen möge. Daß es ein Trauerspiel war, daß stets von ernsten Dingen geredet wurde, brachte ihn weder von seinem Vorsatze ab, noch aus seiner guten Laune heraus. Er lachte über des Prinzen Achtung vor der Kunst, über Angelo's Mordanschlag, über Appiani's Schwermuth und Marinelli's Schlechtigkeit. — Zetliz, welchen ein böses Geschick in die Nähe des Holsteiners gebracht hatte, konnte dieses Lachen zuletzt nicht länger ertragen, sondern wandte sich aufgebracht um und sagte: „Was zum Teufel lacht Er denn immer? Merkt Er denn nicht, daß es ein Trauerspiel ist? Eine ernste, wichtige, traurige Begebenheit, die uns rührt und betrübt? Wie kann Er denn da allein mitten im Unglück lachen und sich freuen? Schäme Er sich! und störe Er nicht das Gefühl anderer Leute, wenn Er selbst keins hat.“ — Der große phlegmatische Holsteiner ließ sich von dem kleinen hitzigen Norweger imponiren, schwieg ganz still und das Stück wurde ohne Störung zu Ende gespielt. — Aber gerade in der Scene, wo Odoardo seine Tochter tödtet und Zetliz in Thränen zerfließt, fällt ihm der unglückselige Gedanke ein: „Aber warum, zum Teufel, lacht denn der Holsteiner jetzt nicht?“ Er wendet sich um, um die Gemüthsbewegung seines Nachbars zu beobachten; und als er nun den Seemann, blau im Gesicht, mit einem Taschentuche im Munde fast erstickt vor unterdrücktem Lachen dastehen sieht, so bricht er selbst in ein schallendes Gelächter aus, in das der Andere einstimmt, da er sich nun nicht mehr zu geniren brauchte. Und so endigte das Stück zur größten Verwunderung aller Anwesenden, die nicht begreifen konnten, warum der Holsteiner und der Norweger so vergnügt waren.

Das Trauerspiel.

Von Trauerspielen wurde nur noch eine französische Bearbeitung eines englischen Stückes Beverley in meiner Jugend gegeben, und Rosing stellte den verzweifelten Spieler, der zuletzt den Giftbecher leert, mit erschütternder Wahrheit dar.