Aus dem Vorhergehenden sieht man, daß Melpomene die dänische Bühne damals nur selten besuchte, und daß kaum ein Mal im Jahre der „Geist im Harnisch über die Bretter ging.“ Der kräftige Norweger Nordal Bruun, Verfasser eines unserer schönsten Volkslieder, hatte zwar in seiner Jugend zwei Tragödien Zarine und Einar Tambeskjälver in gereimten Alexandrinern nach französischem Zuschnitt geschrieben, ohne aber doch die Grazie und das Feuer der französischen Werke zu erreichen. So hatte er nur die Fehler nachgeahmt und den Mangel an dramatischen Handlungen und Charakterzeichnungen konnten einzelne hübsche Stellen nicht ersetzen.
Nun wurde im Jahre 1796 Samsöe's Dyveke zuerst aufgeführt; das Stück machte außerordentliches Glück und verdiente es zum Theil. Sigbrit ist vortrefflich gezeichnet. In dem raschen, ehrlichen, warmen Knud Gyldenstjerne hatte der Dichter seinen eigenen treuen Charakter gezeichnet. Christian II. ist gut skizzirt, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten; der Mönch, Frau Mönstrup sind interessant, Dyveke liebenswürdig und rührend. Aber sie ist zu gefühlvoll; in großen Monologen weint sie stets wegen des Christian's, der nichts weniger, als ein treuer Liebhaber ist. Man hat Mitleid mit ihr, aber dies wird durch die Wiederholung ein und derselben Situation abgekühlt. Ihre Scene mit Elisabeth ist schön. Das Stück hat in der Hauptsituation einige Aehnlichkeit mit Göthe's Egmont. Aber wie verschieden ist das kräftige Klärchen mit dem Colorit ihrer Zeit und ihres Landes von Dyveke, welche an Lafontaine's Romane erinnert.
Samsöe.
Ein Stück, das bei alle dem so viele Verdienste hatte, mußte natürlich dem dänischen Publikum, wie eine gut zubereitete geistige Nahrung nach langem Fasten munden.
Die Neuheit übt auch ihre zauberische Macht aus: Die gothischen Rittersäle, die Federhüte, die Mäntel, die Halskrausen und Brustpanzer! Alle Rollen wurden gut gespielt. Madame Rosing war eine meisterhafte Sigbrit, Rosing, Samsöe's Freund, ein ächter Knud Gyldenstjerne; — und Dyveke wurde von Marie Smidt gespielt. Und nun — das letzte Mittel, welches allen Poeten nach einer wohlgeglückten Arbeit empfohlen werden sollte, wenngleich es eine harte Kur ist, — einige Tage vor der Aufführung — starb der Dichter!
Das Stück machte Furore. — Ich hatte es gelesen, aber noch nicht gesehen, obgleich es bereits mehrere Male gegeben war. Aber ich mußte Geduld haben, es war mir nicht möglich, ein Parterrebillet zu erlangen. Ich hatte nur drittehalb Mark, aber wenn ich die einem Billetschacherer anbot, so lachte er mir ins Gesicht und verlangte vier, fünf Reichsthaler. Ich war der Verzweiflung nahe. Drei Mal wagte ich mich in das Gedränge an der Thür, wo die Billetwucherer am kalten Wintertage, wie warme Kartoffeln im Topf dampften; drei Mal schwebte ich in Gefahr, daß mir die Brust eingedrückt oder Arme und Beine gebrochen wurden. Mit Noth und Mühe kam ich mit heiler Haut davon.
Mein Freund Winckler wollte auch gern das Stück sehen, war aber zu klug, um sich in diesen ungleichen Kampf einzulassen. Als ich zum dritten Male aus dem Gedränge mit niedergetretenen Stiefeln und eingedrücktem Hut kam, schlug er mir vor, ob wir nicht lieber an einen Ort hingehen wollten, wo man, wie er gehört habe, eine große Portion vortrefflicher Chokolade für sechs Schillinge bekomme. Da ich nun ganz marode geworden war und die Hoffnung aufgegeben hatte, ein Billet zu bekommen, folgte ich ihm resignirt, und tröstete mich damit, daß es doch wenigstens etwas Gutes in der Welt gebe, das man billig kaufen könne.
Gegen die Chokolade war auch Nichts einzuwenden, sie wurde uns in großen Tassen mit zinnernen Löffeln gebracht. Freilich war das Lokal nicht comfortable und noch weniger fashionable. — Als wir eintraten, rief der Wirth, dem wir durch unsere gute Kleidung imponirten, zu dem Mädchen: „Vorläufig zwei Lichter hereingebracht, geschwind!“ Aber die zwei Lichter erleuchteten ein kleines, schmutziges Zimmer. Gerade, wie wir tranken, kam ein Straßenkärrner herein, während dessen Equipage draußen auf der Straße hielt, und setzte sich neben uns. — Ohne unsere Tassen zu leeren, standen wir auf, bezahlten, gingen fort und fanden, daß die Chokolade doch ein zu schlechtes Surrogat für Dyveke gewesen sei.