Sander.

Ein Jahr darauf wurde Sander's Tragödie, Niels Ebbesen aufgeführt. Hier traten alle Schauspieler im Harnische, den Helm auf dem Haupte, mit Schild und Speer auf, und alles ging auf Krieg und Kampf gegen tyrannische Unterdrückung aus. Das Stück hat Werth. Der erste und fünfte Act bedeuten nicht viel; im dritten Act wird man etwas zu sehr durch Stig Andersen's und Niels Ebbesen's Reden an Antonius und Brutus in Shakespeare's Julius Cäsar erinnert; Niels Ebbesen hat einige Aehnlichkeit mit Götz von Berlichingen; aber der zweite Act, der Schluß des dritten und der ganze vierte sind vortrefflich. Der Dichter hat eine alte Kämpeweise benutzt; in welcher die Scene zwischen den Grafen Gerhard und Ritter Ebbesen fast noch besser ist, als in der Tragödie.


Abt Vogler.

Ungefähr zu gleicher Zeit besuchte ein Mann Kopenhagen, der einen großen Eindruck auf mich machte: Abt Vogler, der vortreffliche Orgelspieler. An der Orgel war ich, so zu sagen, halb auferzogen, und obgleich mein Vater mir nur wenig Unterricht in der Musik gegeben hatte, so liebte ich sie doch außerordentlich, und ich componirte zu meinem eigenen Vergnügen kleine Melodieen. Diese Liebe für Musik hat in späteren Jahren eher zu, als abgenommen, und etwas gute Musik täglich ist mir fast eben so unentbehrlich geworden, wie Essen und Trinken. — Es erfreute mich unendlich, den herrlichen Vogler zu hören, der so fertig und genial auf der ernsten Orgel spielte, wo ich nur gewöhnt war, Psalmen und fromme Präludien zu hören, daß seine Musik sogar zu muntern Flötenconcerten wurde.

Auch das Malerische, das Vogler auf der Orgel darzustellen suchte, machte mir Vergnügen. Wenn er mit beiden Armen mitten in der herzergreifenden Musik die Tangenten herabdrückte, um den Klang von Jericho's einstürzenden Mauern nachzuahmen, so schien es mir ein kecker Einfall, der seine Wirkung nicht verfehlte. Ich machte auch gern eine Rheinfahrt mit ihm, lauschte dem Plätschern der Wogen und dem Schlagen der Ruder. Freilich hörte ich ihn von Vielen einen Charlatan schelten; aber ich war schon daran gewöhnt zu hören wie vorzügliche Meister von Alltagsmenschen, die nicht werth sind, ihre Schuhriemen zu lösen, gescholten und gehofmeistert wurden. Daß die Phantasie den guten Vogler zuweilen recht weit trieb, war doch das allgemeine Urtheil, selbst bei den Sachverständigen und Billigen. — Einmal war er zur königlichen Mittagstafel aus Friedrichsberg gewesen, hatte auch gut getrunken und war recht munter. Mein Vater geleitete ihn zum Wagen; es war ein mondklarer Abend. „Ja, Herr Abt,“ sagte mein Vater, indem er ihm in den Wagen half, „noch scheint der liebe Mond so helle, wie er durch Adam's Bäume schien!“ „Nein, mein Herr,“ antwortete Vogler ziemlich langsam, indem er einstieg: „darin hat Hölty Unrecht; der Mond hat sich seit Adam's Zeit bedeutend verändert, denn sehen Sie — —“ Damit fuhr der Wagen davon und mein Vater sah ihn nie wieder.

Herrmann von Unna wurde kurz darauf gegeben, und wie sehr entzückte mich die Musik zu dem heimlichen Gericht, das ich hier zum ersten Male kennen lernte!


Der Schauspieler Bech.

Mein Vater saß oft auf dem Schloßhügel, von wo aus man die schöne Aussicht über Kopenhagen hat, und dort machte er zuweilen Bekanntschaften. Unter Andern traf er da ein Mal einen großen Mann in grauem Fracke. Der Mann hatte Locken hinter den Ohren, einen kleinen dünnen Zopf im Nacken, einen Stock in der Hand, dicken Leib, dünne Stimme, lebendige kleine Augen und eine witzige Munterkeit. Mein Vater brachte ihn zum Frühstück mit herein; es war der Schauspieler Bech. Bech kam nun öfter zu uns und brachte seine Töchter mit, deren Eine, Eline, eine niedliche Blondine, voll liebenswürdiger Schalkhaftigkeit und Grazie war. Diese Töchter wurden bald die Freundinnen meiner Schwester, und ich — der aufgehört hatte, für Marie Smidt zu seufzen, als sie sich mit Stephen Heger (den ich noch gar nicht kannte) verheirathete — ich, der ich durch wiederholtes Verliebtsein zu der Erfahrung gekommen war, daß eine ernste Liebe sich noch gar nicht zu meinen Knabenjahren passe — ich begnügte mich nun mit einem, wenn ich es so nennen darf, muntern Vergaffen in die reizende Eline Bech. Wenn es gestattet ist, das in manchen Beziehungen durchaus Verschiedene mit einander zu vergleichen, so hätte ich große Lust, Philine im Wilhelm Meister zu nennen, in der ich — einige Jahre darauf, als ich diesen Roman las — in dem Aeußern, dem Characteristischen, Poetischen eine frappante Aehnlichkeit mit Eline Bech fand. Denkt man sich nun eine unschuldige und sittsame Philine, so muß sie gewiß eine außerordentlich einnehmende Erscheinung werden, und das war Eline Bech.