Meine Debüts.

Ich müßte lügen, wenn ich sagen wollte, daß Rosing mich ermunterte, auf der Bahn fortzugehen, die ich einmal eingeschlagen hatte, obgleich keineswegs weil er mich für untauglich dazu hielt; im Gegentheil, er glaubte, daß ich mich auszeichnen könnte, wenn ich älter geworden und bessere Manieren angenommen haben würde. Aber er fühlte, wie alle ausgezeichneten Künstler seines Faches, das Drückende und Peinliche seines Standes, und wollte mich wohl vor etwas Aehnlichem schützen. Er litt es gern, daß ich mit ihm scherzte. Einmal, als er mich unterrichtete, drückte er sich etwas undeutlich aus, als er mich auf die Harmonie der körperlichen Grazie aufmerksam machen wollte, und sagte: „Der kleine Finger und die große Zehe müssen zusammenhängen!“ — „Ja!“ — entgegnete ich, und hob den Fuß zur Hand auf, um Zehe und Finger in Berührung zu bringen. — „Du bist ein Eulenspiegel!“ rief er. — Wir hatten King's Rolle in Tode's „Seeoffizieren“ zu einem meiner Debüts gewählt. King ist ein braver Kerl, der gut für sich spricht, und das, meinte Rosing, würde ich schon können; aber King ist etwas langweilig und predigt zu viel; und das Männliche, welches er haben mußte, konnte mein knabenhaftes Wesen nicht durch eine Kunst ersetzen, in deren Besitz ich damals eben so wenig war. Indessen hörte man bei diesem Auftreten, daß ich ein gutes Organ und eine gute Diction hatte. Das Ritterliche im Torben Oxe, den ich auch spielte, konnte ich natürlich auch nicht darstellen, und die Schüchternheit und Furcht erlaubten mir nicht, Gefühl zu äußern, was übrigens auch in den kurzen Scenen dieses unglücklichen Liebhabers mit der Dyveke, die ihn nicht liebt, schwierig ist. Erst im Cederström in Kotzebue's „Armuth und Edelsinn“ ließ ich mich in den zärtlichen Scenen mit der liebenden Luise gehen — und erntete lauten Beifall.


Ewald's Fischer.

Aber ich fühlte bald, daß ich keinen Beruf zur Schauspielkunst habe. Das Vorurtheil, welche dieselbe noch zu bekämpfen hatte, genirte mich durchaus nicht; sie reizte im Gegentheil meinen Stolz zu Trotz und Verachtung; aber zwei Dinge waren mir zuwider: die Subordination und das Auswendiglernen. Es war mir unerträglich, langweilige Rollen, in schlechter Sprache geschrieben, auswendig zu lernen; ich wollte im Grunde am liebsten ganz frei sein, die Anderen spielen sehen, und mich damit amüsiren, als Zuschauer ins Theater und in die Singschule unter den Haufen junger Leute und hübscher Mädchen gehen, — kurz: Es drängte den werdenden Dichter, das Theater, wie ein Baumeister seine Maurer und Zimmerleute, kennen zu lernen. Aber dessen war ich mir damals noch nicht bewußt. Ich ließ mich gern von Rosing unterrichten, um nur in seiner Gesellschaft sein zu können. Er erzählte mir, daß er Ewald gekannt habe. Rosing hatte zuerst Balder's Tod und die Fischer auf die Bühne gebracht; er spielte selbst die Rolle des Hother im Balder und des Knud in den Fischern. Zur Aufführung des letzteren Stückes hatte er die wirklichen Fischer von Hornbeck, welche mit größter Lebensgefahr die edle That ausgeführt hatten, welche Veranlassung zu diesem Stücke gewesen, eingeladen. Die historischen Helden des Stückes saßen während der Aufführung in einer Loge und sahen die scenische Darstellung ihrer That. Als es zu Ende war, kamen sie auf die Bühne. „Nun“ — fragte Rosing den Knud, dessen Rolle er gespielt hatte — „war es ungefähr so, wie Ihr es damals gemacht habt?“ „„Ja““, — antwortete Knud ernsthaft, — „„grad' so war es; nur sangen wir nicht!““


Peter Heger.

Rosing war auch ein Freund von Thaarup. Thaarup war von Natur entsetzlich faul, aber Rosing hatte ihn dahin gebracht, das Erntefest zu beendigen, indem er ihn scherzend auf einem Zimmer in seinem Hause mit Schreibmaterialien bei einem guten starken Kaffee einschloß. Im Sommer wohnten Rosings auf Friedensburg. Ich war oft ihr Gast, und machte hier mit meinem zukünftigen Schwager Peter, oder wie wir ihn nannten, Peer Heger, Bekanntschaft, einem raschen, hübschen Seemann, der als Steuermann mehrere Reisen nach Ost- und Westindien gemacht hatte, und mit Rosings zweiter Tochter verlobt war. Die älteste Tochter, ein schönes Mädchen, war mit einem Sohne des älteren Drewsen, dem Besitzer der großen Papierfabrik: „die Strandmühle“, versprochen. In dieses Haus, wo Wohlstand und Geschmack herrschten, kam ich oft zum Besuch und lernte hier Frau Drewsen kennen, deren Schönheit, Grazie, Verstand und Bildung allgemeine Bewunderung erregten. Sie war eine vertraute Freundin der ein paar Jahr jüngeren Christiane Heger, meiner zukünftigen Frau. Peer Heger hatte mich lieb, aber da er ein ausgezeichneter Gymnastiker war, der oft, wenn er ganz ruhig im Zimmer saß, plötzlich im Sopha auf dem Kopfe stand — hatte er immer sehr viel an meinem Wesen auszusetzen, das ihm zu unbeholfen war, und dies ging soweit, daß wir zuletzt uneinig wurden. Einmal wollte er zur Strandmühle reiten, und lud mich ein, ihn zu begleiten. Obgleich ich noch nie zu Pferde gesessen hatte, außer einige Augenblicke, wenn ein Reiter meinen Vater besuchte, und ich Erlaubniß erhielt, einige Schritte hin und her zu reiten, — so nahm ich doch die Einladung an. Ich miethete mir nun ein Pferd, und folgte ihm mit lustiger, ruhiger Miene wie ein alter, geübter Reiter. Es ging nach der Strandmühle hinaus. Heger fing zu traben an; aber ich, der den Trab zu beschwerlich und stoßend fand, galloppirte ihm nach. Nun begann auch er zu galloppiren; sein Pferd warf mir Sand in die Augen, weil das meine immer dicht hinter ihm war. Um nun nicht die Augen voll zu bekommen, machte ich sie zu, galloppirte darauf los, und befahl mich in Gottes Hand, der sie auch über mich hielt. Ja, ich hatte sogar, die Satisfaction, daß Peer, der mich den ganzen Weg über ausgelacht hatte, auf dem Hofe, als er vor den Damen Kapriolen machen wollte, vom Pferde fiel; ich dagegen blieb fest im Sattel sitzen.