Mit meinem späteren zweiten Schwager Stephen Heger wurde ich bald bei dem Theater befreundet. Er war seiner Stellung durchaus müde, und beklagte es in hohem Grade, Schauspieler geworden zu sein. Dies trug auch zu meiner Verstimmung bei.


Das Inquisitionsgericht.

Noch ein anderes Ereigniß traf ein, das mich ärgerte. Knudsen war ein vortrefflicher Schauspieler, nicht allein in dem Burlesken, sondern auch in dem Rührenden, und besonders wo beide Elemente sich begegneten, wie z. B. in Falsen's „Findelkind“, wo er den armen Schuhmacher unvergleichlich gab. Einmal spielte er den Juden im „Einzuge“, und da bildete er sich ein, daß ich — der ihn stets bewunderte, — ihm als Bauerjunge im Chor einen unverschämten Stoß gegeben hätte. Er klagte mich bei der Direction an. — Ohne das Geringste zu ahnen, wurde ich eines Morgens vor das Inquisitionsgericht gerufen. In einem großen Saal, in dem Hause des Generalmajors Waltersdorff, saß er selbst nebst Thaarup und Kjerulf, als Mitdirectoren, an einem grünen Tische. Von Kjerulf, Professor bei der Universität, habe ich erzählt, daß er mich, als ich die Schule verließ, eine ganze Stunde zu seiner vollkommenen Zufriedenheit in der Geschichte examinirte. Hier beim Theater sprach er niemals mit mir, und ich auch nicht mit ihm. Thaarup war ein wahrheitsliebender Mann, aber ziemlich stolz, größtentheils ohne Kenntniß von dem, was beim Theater vorging, und liebte sehr zu hofmeistern. Bei meinem Eintritt hielt er mir gleich eine lange Rede über meine vermeintliche Unart, und verlangte, daß ich Knudsen um Verzeihung bitten solle. — Als er fertig war, antwortete ich kurz: „Das ist nicht wahr!“ — Nun begann er wieder, mir eine moralische Vorlesung zu halten, und ich entgegnete wieder eben so kurz: „Das ist nicht wahr!“ Die Directoren sahen einander bedenklich an, und Thaarup äußerte: Noch nie habe ein Schauspieler in einem solchen Tone zur Direction zu sprechen gewagt. — Nun fing die Sache an bedenklich zu werden; die Thränen traten mir in die Augen, ich wandte mich zum Chef und sagte: „Was soll ich antworten, wenn ich mich ganz unschuldig fühle? Ein Anderer muß es gethan und mich bei Knudsen verleumdet haben. Er selbst hat ja mit dem Rücken nicht sehen können, wer ihn gestoßen habe. Ich achte sein Genie, unsere Kunst und die Würde der Bühne zu hoch, als daß ich mich zu einer solchen Grobheit herablassen solle. Aber ich bitte ihn auch nicht um Verzeihung! Meinetwegen mögen Sie mich in Arrest werfen, oder mir den Abschied geben!“ — Statt ihn zu erzürnen, gewann ich den Generalmajor durch diese Antwort, und er sagte: „Sein Sie ganz ruhig! Ich bin vollständig von Ihrer Unschuld überzeugt. Knudsen muß sich getäuscht haben.“ — Von diesem Augenblicke an konnte Waltersdorff mich gut leiden. Knudsen und ich sprachen gar nicht über die Sache, und später wurden wir, wie gesagt, gute Freunde.“


Der Schauspieler Foersom.

Zu der Zeit war Foersom, ein tüchtiger Student und Predigerssohn von Jütland, auch Schauspieler geworden. Wir gingen täglich mit einander um; er wohnte in einem, dem Einsturze nahen Hause auf Christianshafen, wo ich ihn oft besuchte; aber ich glaube, daß er daselbst frei wohnte; denn der Wirth, ein junger Handwerksmeister, hatte große Vorliebe für die dramatische Kunst im Allgemeinen und für Foersom im Besonderen. Man sagte im Scherz, daß dieser mit dem Regenschirm Nachts im Bette läge, wenn es regnete, so viel ist gewiß, daß das Haus kaum noch zusammenhalten konnte, und ich kletterte selten die Treppe hinauf, ohne die erste Zeile eines alten Psalmes zu summen: „David's morsche Hütte wankt auf ihren letzten Pfeilern.“ Uebrigens dachte ich nicht weiter daran, als nur um darüber zu scherzen. In jenen Jahren ist das Herz nicht empfänglich für Sorgen. Ich lag sogar oft halbe Tage dort knieend auf dem Fußboden und malte Coulissen, die wir zu unserm Privattheater gebrauchen wollten. Mein Maler-Atelier befand sich in einem eigenthümlichen Hinterzimmer, wo die Decke gestützt war, und herabgefallene Steine in allen Winkeln lagen.


Laurits Kruse.