Durch Foersom machte ich mit Laurits Kruse Bekanntschaft. Er gab damals ein Wochenblatt heraus, welches er „Almeenläsning“ (Unterhaltungsblatt für Jedermann) nannte, und dessen Inhalt größtentheils aus Uebersetzungen bestand, doch enthielt es auch originale Arbeiten und Gedichte. Ich hatte eine solche Schreiblust, daß ich fast das ganze Blatt für ihn schrieb, ohne meinen Namen zu nennen und ohne Etwas dafür zu verlangen, nur um meinen Trieb zu befriedigen. Ich schrieb damals auch mehrere Dramen in der Iffland'schen und Kotzebue'schen Manier, ohne aber doch Etwas drucken zu lassen; Alles nur zur eigenen Unterhaltung. Freilich mußten meine Freunde herhalten; und wenn ich — wie Tode sagt — meine Muse gepeinigt hatte, so plagte ich meinen Freund, indem ich ihm schlechte Nachahmungen mittelmäßiger Originale vorlas. Kruse hatte ein Stück geschrieben: „Die Emigranten“, das zur Aufführung angenommen war. Das gab ihm ein gewisses Uebergewicht mir gegenüber, und ich glaubte nicht, daß mir jemals ein solches Glück zu Theil werden könne. Er neckte mich, weil ich so viel und so rasch schrieb, nannte meine Fabrik die Wassermühle, und wenn wir uns sahen, fragte er stets: ob die Wassermühle wieder gemahlen hätte? Im Ganzen genommen hatte mein Wesen damals noch einen starken Anstrich vom Kindlichen, ja beinahe vom Kindischen. Es amüsirte mich gar nicht, den Liebhaber auf dem Theater zu spielen; damals kannte ich die Liebe noch nicht recht, und als ich sie kannte, schien es mir unmöglich, das zu spielen, was so vollkommen Ernst und von so schüchterner verschämter Natur war, daß ich meinte, die Liebe könne eben so wenig ihr Incognito verlassen, ohne vernichtet zu werden, wie die Flügel des Schmetterlings ihre schönen Farben bewahren können, wenn eine rauhe Hand sie berührt hat.
Auch für Trinkgelage hatte ich nicht besonders Sinn; ein kleiner traulicher Kreis war mir viel lieber. Einmal war ich mit Foersom und Kruse an einem Ort, wo tüchtig getrunken werden sollte. Die Punschbowle wurde dampfend auf den Tisch gesetzt, duftete sehr einladend, und Foersom begann — meiner Ansicht nach zu begeistert — die Vortrefflichkeit des Punsches zu loben. Ohne ein Wort zu sagen warf ich mein Taschentuch in die Punschbowle. Foersom sagte: Das ist knabenhaft! — Ich nahm das ganz reine Tuch, welches leicht obenauf schwamm, wieder aus der Bowle, zeigte es den Anderen und sagte: ich hätte es nur gethan, um Foersom zu erschrecken, der Punsch habe keinen Schaden gelitten. Darauf verbeugte ich mich und ging meines Wegs.
Bernstorff und Suhm.
Zwei große Männer starben damals kurz nach einander: Bernstorff und Suhm. Eine große Volksmenge geleitete sie zum Grabe, und ich sang bei der Trauerfeierlichkeit. Von Bernstorff's Verdiensten verstand ich noch nichts, denn die Politik interessirte mich nur wenig; die französische Schreckensperiode fiel in meine Kindheit, so daß ich nicht von einer Schwärmerei erhitzt wurde, welche viele tüchtige Köpfe aus ihrem natürlichen Gleichgewicht brachte. Zwar hörte ich oft meinen Vater und seine Freunde von den blutigen Begebenheiten in Paris sprechen und die Zeitungen lesen, das klang aber für mich so fremd, als ob es dem Sultan und den Janitscharen in Constantinopel gelte.
Suhm kannte ich dagegen gut, obgleich ich ihn nie gesehen hatte. Die ersten Theile seiner Geschichte Dänemarks, sein Buch von Odin hatte ich wiederholt gelesen. Seine Todtenfeier wurde in Dreyer's Club abgehalten. Als das Concert vorüber war, wurden Erfrischungen umhergereicht. Kaum hatte ich ein Glas Punsch in die Hand genommen, als mir ein freundlicher Mann entgegen kam. Ich erkannte gleich Rahbek, denn ich hatte ihn einige Jahre vorher eine Rede in der Schule halten hören; sein witziger geistreicher Zuschauer war meine wöchentliche, seine Minerva meine monatliche Lectüre; seine Lieder und Erzählungen hatten mich oft erfreut; ich wußte, daß er einen großen Einfluß auf den Geschmack und die öffentliche Meinung besaß. — Rahbek also kam lächelnd auf mich zu und fragte: „Ist das nicht Oehlenschläger?“ Und als ich diese Frage bejaht hatte, sagte er: „Nun, dann wollen wir Brüderschaft trinken!“ — Ich der achtzehnjährige Jüngling mit den „verborgenen Talenten“ — erstaunte sehr über diese Ehre, und ließ beinahe das Glas fallen, als er mitten in dem großen Kreise Ernst damit machte. —
Später hörte ich, daß es seine Gewohnheit war, gleich mit den Leuten Brüderschaft zu trinken, die er gut leiden konnte, um einen vertraulichen Ton hervorzurufen, den er gern mochte, da er kein Freund von Komplimenten war. Sein Name, seine Jahre, sein Geist und seine Kenntnisse hielten die jungen Männer doch in einer ungezwungenen Ehrerbietung.
Sommertheater.