Als ich die Studien verließ, um mich der Kunst hinzugeben, versprach mein Vater, mich jährlich mit hundert Reichsthaler zu unterstützen, bis ich seiner Hülfe nicht mehr bedürfen würde. In meinem damaligen Alter und meinen Verhältnissen mir dies Geld selbst geben, wäre dasselbe gewesen, als es in den Brunnen werfen und mich im höchsten Grade unglücklich machen; als guter Vater bemühte er sich also, mich für diese Summe in Kost und Logis zu geben, ebensowie damals, wo ich die Schule in Kopenhagen besuchte; denn er betrachtete mich noch als ein Kind, was ich in meinem achtzehnten Jahre auch wirklich vollständig war.

Die Pension.

Das Glück war mir stets günstig, wenn ich mich auf diese Weise einquartieren sollte; ich hatte es sehr gut bei Gosch, bei Laasbye, ich war nicht minder wohl aufgehoben bei Madame Möller; und zehn Jahr später in Paris war Madame Gauthier eine Mutter gegen mich. Bei Frau Stael-Holstein aber in Coppet lebte ich wie Adam im Paradies.

Mein Vater hatte sich an einen alten Bekannten gewandt, um eine passende Stelle für mich zu finden; dieser brave Mann, den ich selbst nur den Namen nach, und weil wir uns grüßten, kannte, war Herr Hvalsöe, der als Junge von meiner Wiege weggelaufen war, vor Schreck, daß ich keine Arme hatte. Er sprach mit der Färberwitwe, Madame Möller, und diese nahm mich gegen die sehr billigen Bedingungen bei sich auf. Ich hatte ein hübsches Zimmer, das mein Vater möblirte, und bekam Alles so gut, wie die Familie. Daß sie bei diesem Contract nicht Seide spann, versteht sich von selbst; aber es lag ihr auch nichts an Seide; sie und ihre Schwester Benedicte gingen in selbstgewebten Zeugen gekleidet, aber sie war eine reiche Frau. Die Bauern kamen haufenweise und ließen ihre wollenen Stoffe blau, grün, hochroth und violett färben, und die Schürzen der Bäuerinnen druckte sie auf dunklem Grunde voll mit weißen Blumen. Sie war von munterm, naivem Charakter und mochte sehr gern junge Leute um sich haben, um sich ihrer mütterlich anzunehmen. Daran fehlte es denn auch nicht. Das Parterrelocal ihres Hauses bestand aus einem Zimmer nach der Straße, in das die Bauern häufig kamen, aus einem tiefen Zimmer nach dem Hofe zu, in dem wir jungen Leute mit ihr, ihrer Schwester und den Gesellen aßen. Im Anfange stutzte ich freilich etwas darüber, daß diese mit dunkelblauen Händen bei Tische saßen, aber ich gewöhnte mich sehr bald daran, wie an die grünen Gräten eines gekochten Hornfisches. Der Werkführer war ein ächter Troels in Holberg's Wochenstube oder Henrik im Kannegießer, nur mit dem Unterschiede, das er nicht witzig war; aber er war lustig, naiv, durchtrieben und mochte gern mit der Madame scherzen, sie auf alte Weise „Mutter“ und „Ihr“ nennen, was sie nicht leiden wollte, wenn Fremde zugegen waren, weil sie fürchtete, daß es mißverstanden werden könne. —

Da sie selbst aus Slagelse war, so hatte sie eine Vorliebe für die Slagelsener, und hatte eine Art Stipendium in dem vordersten Zimmer für zwei Studenten aus Slagelse errichtet; die dort immer freien Tisch, obgleich nicht immer freie Arme hatten, wenn nämlich allzu große Haufen farbelustiger Bauern mit ihrem Zeug hereinstürmten. Unter diesen stillen ehrbaren jungen Leuten, welche eilig aßen und dann wieder gingen, ohne ein Wort zu sagen, war auch ein gewisser Herr Rosenkilde. Ich hatte nichts weniger geglaubt, als daß er als Schauspieler mir dreißig, vierzig Jahre später das Zwergfell so sehr erschüttern würde. — Das war die Marschallstafel, wir Anderen, die wir zum echten Blute der Familie gehörten oder zu ihr gezählt wurden, aßen an der eigentlichen Familientafel in den inneren Gemächern. Madame Möller stand der Färberei vor, ihre Schwester hatte das Küchendepartement übernommen, und die Köchin bereitete die Speisen unter ihrer — Aufsicht — kann man gerade nicht sagen; denn diese übrigens herzensgute alte Jungfer hatte unglücklicher Weise die Schlafsucht; was dazu beitrug, daß die Speisen, übrigens reichlich eingekauft, zuweilen mißglückten. Ich habe sie in Tante Ursula, in den „Inseln im Südmeere“ geschildert. Sie stand wirklich am Heerde mit hellblauem Filzhut, den sie schräg über eine große Tour gesetzt hatte, und in so vielen steifen Unterröcken, daß ich glaube, sie konnte ohne Füße, ebenso wie die bekannten Nürnberger Puppen, aufrecht stehen; dies ist ihr übrigens oft zu Nutzen gekommen und hat sie von dem Lebendigverbranntwerden, wie die indischen Frauen gerettet, welcher Tod um so trauriger gewesen sein würde, da sie niemals verheirathet war.

Ein Krämer, der nicht weit von Madame Möller wohnte, besuchte uns oft. Er trug eine gepuderte Zopfperrücke, hatte einen dicken Leib und etwas, wie soll ich es nennen, nobel Elephantisches in seinen Bewegungen. Er sprach nur kurz, aber oft, dann stets im Lapidarstyl, und lagen auch nicht viel gute Gedanken darin, so hatte er doch selbst um so bessere Gedanken davon. Ich mußte oft an Ludwig XIV. oder wenigstens an Ludwig XV. denken, wenn ich ihn mit der Würde ankommen sah, die über seinem ganzen Wesen ausgebreitet lag. Er hatte das eigenthümlichste Talent, jeden Augenblick etwas Einfältiges auf eine pikante und imponirende Weise zu sagen.

Einen kleinen, dummen, spitznasigen Schulmeister hatte das Schicksal neben ihn als scharfen Gegensatz zu seiner behaglichen Rundung gestellt. Alles, worin sie sich glichen, waren ihre Geistesgaben und die Perücken. Aber der Krämer war ein Herr „vom Leder,“ wie man es in den deutschen Bergwerken nennt, der Andere „von der Feder.“ Jener konnte mit gutem Profit Waaren verkaufen, Dieser lebte durch sein Latein und sprach von grammatikalischen Fehlern, wie von Handlungen, durch die man sich für ewig prostituiren könne.

Ein fremder Färber, der Madame Möller besuchte, vereinigte Gelehrsamkeit mit dem Handwerk; er hörte Kratzenstein's Vorlesungen über die Experimentalphysik. Am ersten Abend, wo ich mit ihm zusammen war, wollte er mir seine Fertigkeit im Latein zeigen, und da die Rede davon war, das Licht mitten auf den Speisetisch zu setzen, sagte er: „Wir wollen es in centrum gravitatis setzen,“ hob es dann auf und ließ etwas Docht auf die Decke fallen.

Eine erfreuliche Bekanntschaft.