Einer unserer eigenen Färbergesellen sah sehr weich und wehmüthig aus; er betete immer sehr lange, wenn man zu und von Tische ging, mit gefalteten dunkelblauen Händen. Er war ein Verwandter des sel. Etatsrath Prof. Börge Risbrigh, der ihn zu Madame Möller in die Lehre gebracht, „weil er“ — sagte er — „keinen Kopf zum Studiren hat.“ Hierüber wurde Madame Möller, die ihr Geschäft nicht allein als Handwerk, sondern auch als Kunst hochachtete, etwas verletzt, und bemerkte, daß auch Kopf dazu gehöre, Färber zu werden, welches Risbrigh als guter Philosoph nach genauer Ueberlegung durchaus nicht bestreiten konnte, so daß er Mühe hatte, sich gut heraus zu ziehen. Später lud er den Verwandten ein Mal auf folgende Weise zu sich: „Du kannst den ersten Osterfeiertag zu mir kommen und bei mir essen; wenn Du gegessen hast, eine Tasse Kaffee trinken, und dann kannst Du Deiner Wege gehen.“

Die Gebrüder Oersted.

Dies waren also die wichtigsten Planeten in unserm Sonnensysteme. Oft kam noch eine kleine Ceres, Pallas oder Juno, die dem Ganzen entsprach; denn es wimmelte von Tanten und Cousinen. Ich wende mich nun zu den Kometen, die zwar dem Mittelpunkte sehr nahe kamen, aber nur um dann in kühnen Ellipsen in weite Fernen zu eilen. Unter diesen — zu denen ich selbst mich zu rechnen wage — war einer, der vor Kurzem seinen langen hellen Schweif, — ich meine seinen langen, blonden Zopf — verloren hatte, der ihm den Rücken entlang hing; es war dies der Brudersohn der Madame Möller, ein junger Langeländer, der vor nicht langer Zeit Student geworden war. Sein um ein Jahr älterer Bruder hatte dunkles Haar, ebenso wie ich, doch nicht ganz so schwarz; — ob er eben so schönes Haar hatte, wie der Blonde, davon meldet die Geschichte Nichts.

Diese beiden Brüder kamen mir gleich am ersten Tage freundlich entgegen, wir schütteten unsere Herzen vor einander aus und theilten uns unsere Gedanken und Ansichten mit. Ich war ganz entzückt darüber, so viel Weisheit in einem Färberladen bei so jungen Leuten zu finden. Wie sie hießen hörte ich auch, vergaß es aber gleich wieder, da es mir immer schwer wurde, fremde Namen zu behalten. Ich schrieb daher in mein Tagebuch am nächsten Morgen: „Ich habe gestern Abend die Bekanntschaft der jungen Herren (hier war ein offener Raum, um die Namen auszufüllen, wenn ich sie wieder hörte) gemacht. Es sind ein paar vortreffliche Menschen; ich bin überzeugt, daß wir die besten Freunde werden.“ — Am nächsten Tage bei Tisch sah ich sie wieder und es war mir auffallend, daß der Blonde fast einen ganzen Eßlöffel Salz in seine Suppe warf. Ich fragte nun meinen Nachbar flüsternd, wie denn der junge Student eigentlich heiße, und die Antwort war: Anders Sandöe Oersted. Der Bruder, der mit dunklem Haare, hieß Hans Christian Oersted. — Nun vergaß ich sie nicht wieder. Ich wußte, daß es zu Holberg's Zeiten einen Schauspieler gleichen Namens gegeben, der ihr Großonkel gewesen war; und daher kam es vielleicht, daß Madame Möller kein Vorurtheil gegen die Schauspielkunst hatte; ich danke es vielleicht den Manen des sel. Oersted, daß ich in das Haus seiner Nichte gekommen und so früh ein Freund seiner Nachkommen geworden bin.

Es währte nicht lange, bis wir vertraute Freunde wurden und ich richtete folgendes Gedicht an sie:

Freundschaft, schönste du der Himmelsgaben,
Ach, den Glücklichsten erscheinst du kaum.
Oftmals träumt' ich, einen Freund zu haben,
Doch er schwand, zugleich mit meinem Traum.
Eigennutz, ein flüchtiges Empfinden,
Laune — wurden Freundschaft oft genannt,
Und da sie die Herzen nie verbinden,
Löste bald sich das geknüpfte Band.
Zweifel schon erfüllt' mich, daß hienieden
Uns bescheert sei diese Seligkeit,
Hier, wo uns so wenig Lust beschieden,
Wo uns trifft so vieles herbe Leid.
Doch da fand ich Euch. Kein Zweifel kränkte
Nun mein Herz. An Eurer warmen Brust
Fühlt' den Trost ich, den der Himmel schenkte
Uns, den armen Sterblichen, zur Lust.
O Ihr Edlen! Laßt mich immer fühlen
Diesen Trost, der meinen Geist durchdringt.
Lasset bösen Neid das Band nie kühlen,
Das uns warm, und fest und treu umschlingt.
Reine Freuden wollen wir genießen
In des Lebens heitrer Frühlingszeit;
Thränen wollen wir vereint vergießen,
Thürmt in Wolken sich das trübe Leid.
Und als Männer laßt uns einig streben,
Laßt uns wirken mit verschiedner That.
Einigkeit wird Kraft und Stärke geben,
Freundschaft leiten uns mit weisem Rath.
Froh dann, an des Grabes dunkeln Stufen
Steigen wir hinab, sobald es Zeit,
Wenn des Todes Engel uns gerufen,
Lächelnd, zu der ew'gen Seligkeit.

Man sieht aus dem Tone, der in diesem Gedichte herrscht, daß ich nicht zufrieden war. Aber Viel Schuld trägt auch der damalige herrschende Geschmack in der Poesie, der elegisch war und ein gewisses sentimentales Wimmern über seinen Zustand forderte. Hierin war besonders Rahbek uns mit einem übeln Beispiele vorangegangen. In einer Elegie, die er in seinem siebzehnten Jahre geschrieben haben soll, beweint er die gute, alte, entschwundene Zeit und die nie mehr wiederkehrenden Freuden.


Die Gebrüder Oersted lebten übrigens sehr einsam. Den ersten Winter, wo ich sie kennen lernte, gingen sie in langen Mänteln, die ihnen wie Schlafröcke, fast bis an die Knöchel reichten. Arm in Arm klammerten sie sich fest und hielten sich an einander, so daß sie beinahe einem zusammengewachsenen Zwillingspaare glichen. Aber vor allen Mitstudirenden strahlten sie wie Dioscuren, selbst ältere Gelehrte merkten bald, was in ihnen lebte. Die Früchte ihres Geistes und ihres Fleißes zeigten sich in Preisabhandlungen und gewonnenen Goldmedaillen.

Nun besuchte ich sie oft in Ehler's Collegium — und wie verschieden war diese Umgebung von meiner früheren. Das war nicht mehr das lustige Friedrichsberg, die lustige Schule, das lustige Theater, die lustige Mittags- und Abendgesellschaft bei Madame Möller. Wie in einer dunkeln Mönchszelle saßen Oersteds hier stumm und studirten! — Hier wurde es mir erst klar was es eigentlich hieße: mit Anstrengung, ernstlich, aus Liebe zur Wissenschaft zu arbeiten. Da ergriff mich ein tiefes, wehmüthiges Gefühl! Ich hatte die innere starke Empfindung, daß auch ich zu einem echten Musensohn geschaffen sei, und nun trieb ich mich umher und wurde Nichts! Rosing war zwar überzeugt, daß ich es als Schauspieler weit bringen könne, aber die meisten Anderen nicht; ich fand keine Aufmunterung, es kam mir keiner meiner Vorgesetzten freundlich entgegen. Und außerdem — wenn auch Alles glückt — war ich bereits dieses Lebens, dieser Kunst müde, die von so vielem Fremdartigen abhängig ist. Meiner Natur war es Bedürfniß, sich in höherem Schwunge auszudrücken, in selbstbewußter Ahnung der Fähigkeiten, die noch nicht entwickelt waren, weßhalb meine Bekannten mich auch zum Spott den „Mann mit den verborgenen Talenten“ nannten.