Wiedererwachende Lust zum Studiren.
Aber was sollte ich anfangen? Mit dem Studiren glaubte ich, sei es zu spät. Ich verbarg meine Verzweiflung im eignen Busen, nicht einmal meinen Freunden Oersted vertraute ich den Kummer an. Hans Christian war Bibliothekar im Collegium, das eine schöne, große Büchersammlung in dem großen Saale gerade gegenüber dem Auditorium hatte, — wo ich zehn Jahre später als Professor meine Vorlesungen begann und sie sechsundzwanzig Jahre fortsetzte. In dieser Bibliothek stand ich einmal einsam da und stellte traurige Betrachtungen an. Ich starrte auf die vielen Bände, besonders auf die alten Folianten, wie auf Schätze, die mir ewig verschlossen waren. Die Thränen strömten über meine Wangen herab. In diesem Zustande fand mich der ältere Hans Christian, tröstete mich und versicherte mir, daß es durchaus noch nicht zu spät zum Studiren sei, wenn ich es wolle. Er brachte mich zu seinem Bruder, der gleicher Ansicht war. Wir wurden darüber einig, daß ich etwas mehr Latein lernen und das lateinische juridische Vorbereitungsexamen ablegen solle; dann wollte Anders Repetitorien mit mir halten, und wenn ich dann das Examen gemacht hätte, sollte ich eine Probe als Advokat ablegen und vor die Schranken des höchsten Gerichts treten. Das war nun herrlich! Indessen beschloß ich doch mit dem Abschiede vom Theater zu zögern, bis die Saison vorüber war. Aber als ich einmal neben anderm Verdruß in Strafe genommen wurde, weil ich mich in einer kleinen Rolle mit einem Worte versprochen hatte — wurde ich ärgerlich und dachte, es ist am Besten, das Ding gleich abzumachen, worauf ich am nächsten Tage der Direction schrieb:
„Gründe haben mich bewogen, das Theater zu verlassen. Die erste und letzte Freundlichkeit, die mir die Direction beweist, wird darin bestehen, mir je eher je lieber meinen Abschied zu geben.“
Abschied vom Theater.
Es währte noch eine Zeitlang, ehe ich loskam. Vermuthlich hielt man meinen Brief für eine Uebereilung, die mir bei kälterem Blute leidthun würde. Baggesen kam eines Tages auf dem Theater ganz freundlich zu mir und sagte, daß mein Brief ihm aus zwei Gründen auffallend gewesen sei: erstens habe er seit langer Zeit nicht eine so schöne Handschrift gesehen, zweitens sei ihm noch kein Brief an die Direction, in diesem Ton geschrieben, vorgekommen. Ich antwortete ihm: daß Alles einmal zum ersten Male geschehen müsse, und daß die Direction mich selbst zu diesem Tone gestimmt habe.
Da der erste Brief Nichts half, schrieb ich einen zweiten, in welchem der Ton noch schroffer war, und nun bekam ich meinen Abschied. — Als ich zum letzten Male mit Steffen Heger auf dem Theater stand, sagte er: „Nun sollst Du Deinen Fuß nicht eher, denn als Director hieher setzen!“ — Das wurde ich nun freilich nicht; indessen setzte ich meinen Fuß erst zehn Jahre darauf, bei der Probe von Axel und Valborg dorthin, nachdem man zwei Jahre zuvor Hakon Jarl und Palnatoke gespielt hatte.
Das Examen.
Nun begann ich in meinem neunzehnten Jahre wieder fleißig zu studiren, d. h. Latein zu lesen und zu schreiben; denn von dem Uebrigen, das ich zum Vorbereitungsexamen, eine Verschmelzung des examen artium und philosophicum, gebrauchte, konnte ich bis auf das Griechische fast Alles. — Doch mußte ich noch Risbrigh's Logik und Gamborg's Thelemathologie lernen. Jene langweilte mich und ich konnte nicht begreifen, warum man, um gesund und ordentlich zu denken, die Gedanken in ein so steifes Schnürleib spannen müsse. Indessen war der alte Risbrigh ein gelehrter, geistreicher Mann, und ich zweifle nicht, daß der Fehler in meiner Jugend und in meinem Temperamente lag. Das Einzige, dessen ich mich aus seiner Logik noch entsinnen kann, und das ich nie vergesse, ist der folgende, sehr richtige Gedanke, den jeder Richter und namentlich jeder Kunstrichter stets vor Augen haben sollte: