„Um nicht ein falsches Urtheil zu fällen, muß man zuweilen sein judicium suspendiren.“
„Rath“:
„Um nicht immer sein Judicium zu suspendiren, muß man sich primo einen Vorrath von Kenntnissen, secundo Klarheit in selbigen erwerben.“
Ich hörte keine Vorlesungen bei den Professoren, bezahlte ihnen auch Nichts, und doch ging es recht gut mit meinem Examen; nur erhielt ich keine öffentliche Auszeichnung, was ich doch gehofft hatte, da ich mehr anzugeben vermochte, als nothwendig war.
Professor Sander.
Kurz darauf erneuerte ich die Bekanntschaft des Verfassers von Niels Ebbesen, des Secretairs, späteren Professors Sander. In der Schule „für die Nachwelt“ hatte er mich ein halbes Jahr lang Deutsch gelehrt, und immer von der Tugend gesprochen, so daß ich ihn für den größten Tugendhelden hielt. Ich las ihm ungefähr die Hälfte des ersten Buches der Aeneide in einer mittelmäßigen Hexameterübersetzung vor, und er lobte meinen Fleiß. Sander war ein kleiner, kränklicher Mann, tüchtiger Kopf, durch die Lectüre der besten deutschen Werke gebildet. Er war Lehrer in einem Erziehungsinstitute mit Basedow gewesen und hatte mehrere deutsche Romane geschrieben, die wenig bekannt waren. Nach Dänemark war er als Hauslehrer der Kinder des Grafen Reventlow gekommen und nun bei der Straßenbaucommission angestellt. Er hatte gute Fortschritte in der dänischen Sprache gemacht und schrieb plötzlich den Niels Ebbesen. Dieses Trauerspiel machte großes Glück und Sander wurde gleich von Vielen als einer der größten Dichter Dänemarks angesehen. Was Wunder, wenn das den kränklichen Mann ganz wirr im Kopf machte: und muß man es ihm nicht verzeihen, wenn er später einen Schüler mit bitterm Haß verfolgte, weil er glaubte, daß dieser ihn mit Unrecht verdunkele? —
So lange ich Sander meine dramatischen Versuche vorlegte und ihn geduldig das Eine nach dem Andern cassiren ließ, hörte er mich mit freundlicher Aufmerksamkeit an, und hatte die beste Hoffnung für mich. Aber als ich selbständig werden wollte, war's mit der Freundschaft aus. —
Zu seinem Lobe muß ich übrigens sagen, daß er im Anfange ganz richtige Bemerkungen machte, als ich ihm meine ersten unreifen Jugendproducte vorlas. Ich verdanke ihm auch meine erste Bekanntschaft mit Göthe. In meinem neunzehnten Jahre hatte ich — unbegreiflich genug — noch Nichts von diesem großen Dichter gelesen. Man hatte ihn mir immer als einen überspannten Schwärmer genannt, der Leute dazu verführte, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Die Uebersetzung von Werther's Leiden war früher hier zu Land verboten gewesen und das Verbot nicht zurückgenommen worden. Ich glaubte lange Zeit, daß Göthe ein unmoralischer Schriftsteller sei, dessen Werke junge Leute nicht lesen dürften. Auch Sander sprach von ihm mit einer Art Grauen, wie von einem Manne mit wilden stolzen Leidenschaften, der sein schönes Genie gemißbraucht habe. Doch könne man ihm Genie nicht absprechen; im Gegentheile müsse man gestehen, daß er eine ungewöhnliche Portion davon besitze. Sander lieh mir einige von Göthe's Werken mit väterlicher Ermahnung und Vorsicht, als ob es Pulver und Blei, oder giftige Medicamente seien, die eben so leicht schaden, wie nützen könnten; und mit großer Neugier nahm ich Werther's Leiden und Götz von Berlichingen mit nach Hause. —
Eindrücke von Schiller.
Schiller's erste Werke hatte ich bereits gelesen. Ich entsinne mich deutlich, daß die Räuber einen tiefen Eindruck auf mich machten, besonders Karl Moor's liebenswürdige Schwärmerei und edler Tiefsinn mitten im Kreise der herrlich geschilderten Verbrecher; wo die schönen Reste der verführten Ehrlichkeit des derben Schweizers einen so interessanten Gegensatz zur Schurkerei des niederträchtigen Spiegelberg bilden. In dem letztern glaubte ich einige Aehnlichkeit mit einem alten Jugendbekannten, dem französischen Cartouche, zu finden. Roller's Abenteuer, wie er vom Galgen mit dem Stricke um den Hals herbeirannte, spannte mich ganz besonders; Karl's unglückliche Liebe rührte mich; und in der letzten Scene, wo er hingeht und sich selbst der Gerechtigkeit überliefert, war ich mit ihm versöhnt und fühlte ein inniges Mitleiden mit dem Unglücklichen.