Von dem Eindrucke, den Fiesco und Kabale und Liebe damals auf mich machten, kann ich mir keine klare Rechenschaft geben. In Fiesco habe ich gewiß ein lebendiges Bild von Italiens Ueppigkeit und Leidenschaft gesehen; in Kabale und Liebe glaubte ich meinen alten Bekannten, Iffland, mit dem Cothurne statt der gewöhnlichen Socken zu erblicken. Don Carlos las ich mit großer Ehrerbietung. Ich liebte den Marquis Posa, weil er liebenswürdig war; das Unhistorische in seinem Wesen bemerkte ich damals noch nicht. Das herrliche Portrait Philipps II. machte mich schaudern; ich erstarrte zu Eis, indem ich seine kleinliche Größe betrachtete. Wie lieb mir Schiller's Geisterseher war, entsinne ich mich noch ganz deutlich. Ich fühlte tief das Wunderbare darin, das nicht in dem Uebernatürlichen besteht (denn dies, ahnt man gleich, ist Betrug), sondern in der Schilderung des geistigen Zustandes, in welchem, wie Lessing sagt: „das Samenkorn zu dem Glauben an das Uebernatürliche liegt.“ Das interessante Buch bereitete mir Tantalusqualen, weil es nur ein Fragment war. Ich sah noch nicht ein, daß es nie etwas Anderes sein konnte, und daß die Dissonanz nie aufgelöst werden durfte, wenn das Geheimniß hier — wie in der großen Natur — ein Geheimniß bleiben sollte!

Götz von Berlichingen.

Nun las ich Götz von Berlichingen mit demselben Genusse, mit dem ich in der Kindheit meine Lieblingsbücher gelesen hatte. Das heißt, ich merkte gar nicht, daß ich las, daß es Poesie war. Es war die Begebenheit selbst, die ich erlebte. Ich war nach Deutschland in die Zeiten des Faustrechts hingezaubert, und genoß den herrlichen Anblick eines Ritters, der das treueste, edelste Herz, den liebevollsten Character zeigt, ohne sich doch ganz von den Vorurtheilen und übeln Gewohnheiten seiner Zeit loszureißen, deren Opfer er wird. Aber gerade dies macht ihn in hohem Grade poetisch. Ich folgte Göthe's Geist, wie der treue Knabe Georg seinem Herrn in der Schlacht. Ich kroch in den großen Dichterharnisch; und obgleich ich ihn noch nicht ausfüllen konnte, tröstete ich mich mit Götzens Worten: „Die künftigen Zeiten brauchen auch Männer.“ — Ich erquickte mit Götz den armen Mönch, besuchte den Bischof von Bamberg und trank noch besser, als seine Gesellschaft; denn sie bekam nur guten Rheinwein, aber ich trank den herrlichsten Dichterwein. Ich hörte Liebetraut mit der Leier tändeln, während Göthe die Harfe mit tiefem Ernst schlug. Ich verliebte mich in die schöne, stolze, sinnliche Adelheid, ebenso wie Franz; beklagte aber, daß er nicht, wie ich, Götzens Georg zum Freunde hatte, denn dieser würde ihm gewiß von jenem Schurkenstreiche abgerathen haben. Ich bewunderte den vornehmen, feinen, wankenden Ultra-Weißlingen; ich haßte ihn; aber als der Tod seine kalte Stirn küßte, war ich mit ihm versöhnt und es freute mich, daß Maria ihn noch einmal in seiner Todesstunde besucht hatte. Bei Götz auf der Burg war ich zu Hause, wie bei meinen Aeltern auf dem Friedrichsberger Schloß. Es freute mich, daß es dort nicht vornehmer herging, daß der Ritter so patriarchalisch und idyllisch, wie Abraham, zwischen seinen Dienern saß. Die letzte Flasche, der letzte Tropfen und „es lebe die Freiheit!“ füllten meine Augen mit Thränen und meine junge Brust mit großen Ahnungen. Ich habe bereits erzählt, daß ich zuweilen den Bleideckern auf das Dach folgte, und so war es mir ein Leichtes, Georg bei dem Herunterholen der Dachrinnen zu helfen. Freilich hielt ichs mit den Bürgern. Aber Bürgerdummheit war mir ebenso zuwider, wie Adelsdummheit; und es entzückte mich, als Götz mit der Eisenhand die drohenden Philister von Zahnschmerzen, Kopfschmerzen und allen anderen Uebeln curiren wollte. Wie gern streifte ich im Walde mit den Zigeunern umher! ihr wildes Wesen hatte bei alle Dem doch etwas Tröstliches. Bei ihnen ging es doch ordentlicher zu, als in dem heiligen römischen Reiche zu Götzens Zeiten. Mitten in dem Taumel und unter den vielfältigen Verbrechen, erscholl die Stimme des heimlichen Gerichtes, wie der Posaunenton des jüngsten Tages; da hörte ich wieder Vogler's Orgel. Und in dem kleinen Klostergarten sah ich die unsterbliche Seele des sterbenden Helden sich gleich einem schönen Vogel durch die Bäume in die Wolken schwingen.

Und dieses Meisterstück — dieses Product des herrlichen Dichtergeistes, hörte ich später herabwürdigen, weil es keinen Zusammenhang habe! O ihr Thoren! ihr zusammenhängenden Menschen! Ihr werdet niemals klug, lernt es niemals, den Kern der Schale vorzuziehen. Wie kalten Chinesen imponirt euch nur die äußere Form. Ein zusammenhängendes Schaffot, auf dem ein tragischer Verbrecher hingerichtet wird, kann jeder poetische Tischler euch zusammenleimen; — aber solch einen Straßburger Münster bauen — —!

Werther's Leiden.

Werther's Leiden erfreuten mich ebenso sehr, wie Götz von Berlichingen, und so verschieden auch diese Werke sind, fand ich in beiden doch eine gewisse Gleichheit. Dort eine schöne Darstellung politischer Verwirrung, wo ein edler Geist mitten in den wildesten Thaten wirkt und endlich den Verhältnissen unterliegt; hier eine ebenso schöne Darstellung von der Verwirrung der Seele, wo ein edles Gefühl sich mitten in den wilden Leidenschaften äußert und zuletzt gleichfalls an den Verhältnissen zu Grunde geht. Das Buch bewegte mich sehr, betrübte mich aber nicht; denn es schilderte ja nur, wie alle guten tragischen Werke, das Schöne im Unglück. Für diese herrlichen Gefühle, Naturanschauungen, großen Ideen, Begeisterungen, für diese meisterlich geschilderten Geistesverwirrungen war Werther's Unglück eben so nothwendig, wie das Wasser es ist, um ein Mühlrad zu drehen; wie die sonnenverhüllenden Wolken, um das schöne Farbenspiel der Morgen- und der Abendröthe hervorzubringen.

Ich fühle wohl, daß, indem ich diese und ähnliche Gedanken ausspreche, sich die Gefühle des Jünglings mit dem reifern Urtheile des Mannes verbinden. Wie wäre es auch anders möglich? Und deßhalb hat Göthe wohl auch seine Lebenserinnerungen „Wahrheit und Dichtung“ genannt. Er will nämlich nicht gerade sagen, daß man etwas Wahres und etwas Erfundenes in seiner Lebensbeschreibung findet, sondern: daß jede Lebenserinnerung, die durch die Kunst zusammengedrängt, von dem Störenden befreit, und mit späteren, reiferen Ansichten vermischt ist, zu einer Dichtung wird und gerade dadurch erst an echter Wahrheit gewinnt.

Ich bin mir bewußt, daß ich nie als Mann einen Gedanken gehabt habe, der nicht bereits als Kind bei mir ein schlummernder Traum war, undeutlich, wie das Blatt in der Knospe, ehe sie sich entfaltet. Und noch jetzt kann ich, wie als Kind, als Jüngling, genießen; mich an allen schönen Einzelnheiten erfreuen und mich so in eine Vorstellung hineinträumen, daß ich für eine Zeitlang Kunst und Reflexion ganz vergesse. Wer das nicht kann, hat durch seine Bildung seine philosophische Erkenntniß nur verloren und Nichts gewonnen. Denn wir sollen von dem Baume der Erkenntniß genießen, ohne aus dem Paradiese gejagt zu werden; wir sollen, wenn wir wollen, wieder zum Baume des Lebens zurückkehren können, sonst hat unser Hochmuth gesündigt und wir erkennen zuletzt nicht einmal mehr unsere eigene Nacktheit.

Die aus unzähligen Blumen herausgepreßte ästhetische Rosenessenz ist stark und riecht gut, oft — fast zu gut — nach Rosen! Aber die kräftigste Essenz ist doch nicht mehr die Rose; und wer (den Destillateur ausgenommen) zöge nicht die einfache, poetische, lebendige Rose, wenn sie wieder blüht, die zwar nicht so stark, aber süßer und himmlischer duftet, vor.

O wie gern, Werther, kehre ich zu Deinen ländlichen Schwärmereien zurück! Wenn Du mit den kleinen Kindern sprichst, im hohen Grase liegst, und Pfänderspiele mit der holden Lotte spielst, während Dein Schicksal draußen donnert und droht. Tag für Tag lebe ich mehr mit Dir und ergehe mich mit Dir in Betrachtungen über Natur und Liebe und sehe den schönen Frühling schwinden, den warmen harmonischen Sommer sich in einen bleichen Herbst verwandeln, in dem der Ossian stürmt und sich als blasser Mond in Trauerwolken zeigt; bis der weiße Schnee Deinen kleinen Grabhügel bedeckt. Ach, Dein Unglück war nicht groß! Du schlummertest im süßen Rausch der Liebe hin, in welchem der Mensch den Egoismus so ganz vergißt, daß selbst die sonst so fürchterlichen Schrecken des Todes verschwinden. Aber Lotte beklage ich mehr, die den langen freudenlosen Weg mit dem kalten Albert gehen mußte, den sie nicht liebte, und wo nur die Pflichten gleich blätterlosen Bäumen ohne Schatten am Wege stehen.