Kalte Menschen klagen darüber, daß Werther's Leiden einige schwärmerische Jünglinge zum Selbstmorde verführt haben. Und darum sollte Göthe sein Buch nicht geschrieben haben? Dann dürfte man auch keinen Brunnen graben, weil unvorsichtige Kinder zuweilen hineinfallen und ertrinken. In Werther's Leiden ist, wie in jedem echten Dichterwerk, eine wahre Lebensquelle, und wie viele geistig Durstige haben sich nicht an dieser schönen Quelle gelabt? Wollte doch die Geschmacklosigkeit bedenken, wie viele langsame Selbstmorde der gemeine Egoismus, der kleinliche Eigennutz, die vorsichtig feige List verursachten! Sie verhalten sich zu den Selbstmorden einer überspannten Begeisterung, wie tausend zu eins! — Denn daß auch mit gefühlvoller Begeisterung coquettirt werden kann, daß kindische Affectation und Narrheit zuweilen einen oder den andern Gelbschnabel dahin brachten, Werther im Tode nachzuahmen, ohne doch nur das Geringste seines Geistes und seiner Kraft im Leben besessen zu haben, ist gewiß. Ich nehme auch nicht den Selbstmord unter irgend einer Form in Schutz; er bleibt immer eine Schwäche, eine Sünde. Meine Ansicht ist nur, daß Werther liebenswürdig, edel und rührend selbst als Sünder ist; und daß viele Sünder, ohne seine Liebenswürdigkeit, seinen Seelenadel und Verstand, mit viel gröberen Sünden, ihn in ihrer eingebildeten Weisheit thöricht tadeln.
Daß übrigens junge Leute mit poetischem Sinn allerdings in Gefahr gerathen können, indem sie mit solchen Gefühlen zu leicht spielen, ist ebenso gewiß. Ich habe selbst ein Beispiel davon erlebt. Zugleich mit mir las einer meiner Bekannten den Werther. Wir fanden es Beide sehr schön, daß Werther sich todt schoß, wir waren darüber einig, daß wir an seiner Stelle ebenso gehandelt haben würden. Einige Zeit darauf kam er finster und bewegt zu mir hinauf, nahm eine Pistole, Pulver und Kugel aus der Tasche und erzählte mir, daß er nun auf den Assistenzkirchhof ginge und sich eine Kugel durch den Kopf schieße, da er sich verliebt habe und seine Geliebte ihn nicht wieder liebe; dies würde er nun zwar ertragen haben, aber daß sie ihn verachte, das könne er nicht überleben. Mir blieb der Verstand stehen. „Bist Du toll?“ rief ich, „das wird nie geschehen.“ — „„Willst Du mich daran verhindern?““ fragte er erstaunt. „„Das hätte ich nie geglaubt. Ich glaubte gerade bei Dir Unterstützung zu finden, und deßhalb bist Du der einzige Mensch, dem ich's anvertraue, und von dem ich Abschied nehme, da ich doch ein Herz haben muß, vor dem ich mich ausschütten kann.““ Ich machte ihm alle möglichen Vorstellungen, um ihn von dem Verrückten in seinem Unternehmen zu überzeugen. „Werther“, sagte ich, „schoß sich gerade todt, weil Lotte ihn liebte und ihn nicht bekommen konnte. Wie kann man sich tödten, weil man von einem Mädchen verachtet wird? Wie die Liebe Gegenliebe weckt, muß ja unverdiente Verachtung wieder Verachtung in einer hohen Seele wecken.“ — Es half Alles nichts; er wollte sich erschießen, weil sie ihn verachtete. Nun nahm ich die Pistole, steckte sie in die Tasche und sagte: „Wenn Du ein ehrlicher Kerl bist, so gehst Du nicht, bis ich wiederkomme, darauf wirst Du mir Dein Ehrenwort geben.“ Das gab er. — „Es muß ein Mißverständniß sein“, sagte ich. „Nun werde ich gleich zu dem Mädchen hinlaufen und Dir ihre Achtung holen.“ Damit ging ich. Ich kannte sie gar nicht, ließ mich melden, und bat, einen Augenblick allein mit ihr sprechen zu dürfen. Sie stutzte, bat mich aber, ihr in ein anderes Zimmer zu folgen. Hier nahm ich die Pistole aus der Tasche, hielt sie ihr hin und sagte, indem ich mich tief verbeugte: „Mit dieser Pistole wollte mein Freund sich eben erschießen, weil er glaubt, daß Sie ihn verachten.“ Sie sank auf einen Stuhl, war einer Ohnmacht nahe, und wenn in diesem Augenblick Jemand ins Zimmer gekommen wäre, und hätte die Dame halb todt hingesunken und einen fremden Menschen mit einer Pistole in der Hand gesehen, so hätten sie mich vermuthlich als einen Mörder gefaßt. Glücklicherweise kam Niemand, sie kam wieder zur Besinnung, dankte mir auf das Verbindlichste und versicherte, daß sie die größte Achtung vor meinem Freunde habe, obgleich sie gestand, daß sie ihn nicht lieben könne. „Ja, das ist schon gut“, sagte ich, „mehr verlangt er nicht.“ Ich verbeugte mich, eilte nach Hause, und brachte dem Unglücklichen die Achtung seiner Schönen; er athmete wieder leicht, beschloß zu leben und lebte noch viele Jahre. — Es waren Narrheiten! wird man sagen. Ganz richtig! Die Jugend begeht, wie das Alter, viele Narrheiten. Aber wo findet man die Grenzlinie zwischen Ernst und Tand in dem menschlichen Herzen, und wie oft hat nicht eine flüchtige Thorheit den Menschen das Leben gekostet. Es ist doch sehr möglich, daß ich das Leben des guten Freundes rettete. Er versicherte mir später oft selbst, daß es sein Ernst gewesen sei; und er war ein junger Mann von Character.
Tod meiner Mutter.
Wie ich kurz darauf selbst verliebt wurde, aber glücklicher, als mein Freund, werde ich bald erzählen. Zuerst aber traf eine traurige Begebenheit ein, nämlich meiner geliebten Mutter Tod.
Meine Mutter hatte einen seltenen Verstand, ein starkes Gefühl, das sich in ihrem Krankheitszustande doch etwas der Schwärmerei näherte. In ihren letzten Jahren suchte sie meistentheils Trost in der Religion, las viel in Schmolke's Andachtsbuch, in Gellert's und den alten deutschen Psalmen. Besonders war „Jesus, meine Zuversicht“ ihr Lieblingspsalm. Auch las sie fleißig Predigten, wenn sie nicht in die Kirche gehen konnte. Sie hatte sich stets bemüht, die Herzen ihrer Kinder frühzeitig für fromme Gefühle zu stimmen. Wir setzten in unserer Kindheit am Weihnachtsabend große Zinnteller auf den Tisch im Staatszimmer und gingen in die andere Stube, wo wir das Evangelium lasen und Weihnachtspsalmen sangen. Indessen hörten wir den Engel drinnen im verschlossenen Zimmer die Teller mit Nüssen, Aepfeln und Confect füllen. Mehrere Jahre glaubten wir wirklich, daß ein schön geflügelter Engel vom Himmel herabkam und uns die Gaben brachte. Eines Weihnachtsabends spielte ich vorher mit meiner Schwester auf dem Hofe; der Himmel war mit Wolken bedeckt, nur ein kleiner klarer Fleck war von der blauen Luft zu sehen. „Siehst Du“, sagte ich, „da ist das Loch! da kommt er gewiß durch.“
Während nun vierschrötige, lustige Holsteiner, die mit Grützwaaren und Käse nach Kopenhagen segelten, meinen Vater besuchten und mit ihm von ihrer Jugend schwatzten: suchten in der letzten Zeit, als meine Mutter schwächer geworden war, einige fromme Handwerksmeister von den sogenannten Heiligen, sie für ihre Secte zu gewinnen. Sie brachten Gebetbücher mit, und ich hörte sie viel von „des Lammes Blut“ sprechen. In den Gebetbüchern waren auch Kupferstiche, mit Lämmern darauf, welche Siegesfahnen hielten. Nach einigen vergebens angestellten Versuchen zogen die Frommen sich doch zurück und sollen gesagt haben: Bei der Frau wäre vielleicht noch einige Hoffnung gewesen, aber mit dem Manne sei kein Auskommen. Sie kränkelte nun mehr und mehr und näherte sich dem Grabe. Sie hatte stets innigen Antheil an meinem Schicksale genommen, hatte mir nicht nur das Leben geschenkt, sondern es mir auch durch mütterliche Pflege in einigen Kinderkrankheiten gerettet. Meine Mutter liebte mich innig und ich glich ihr sehr. Das Gefühl der Wehmuth und einen tiefen Ernst bekam ich von ihr, von meinem Vater Gesundheit und Munterkeit. Einbildungskraft und Feuer hatten sie Beide, er mehr für das Lustige; das Tragische erbte ich von meiner Mutter. Und doch sollte sie keine Früchte meiner Muse sehen und sich darüber freuen! Kein Lorbeerblatt sollte ich ihr bringen und es mit ihr theilen; nur auf ihr Grab konnte ich es legen. Und wie groß wäre ihre Freude gewesen, wenn sie nur eine Ahnung davon gehabt hätte, daß ihr Sohn etwas mehr, als das ganz Gewöhnliche werden würde. — Aber die hatte sie doch! Ich theilte ihr meine ersten kleinen Jugendversuche mit, und diese erfreuten sie.
An dem Abend, wo ich zum ersten Male auf der Bühne auftrat, war mein Vater im Theater gewesen, meine Mutter und Schwester waren aber zu Hause geblieben. In dem kalten, dunkeln Winterabend, gerade in dem Augenblicke, wo das Stück anfangen sollte, wurde meine Mutter so unruhig, daß sie es nicht länger im Zimmer aushalten konnte; sie ging in den Bogengang hinaus, weinte und betete für mich zu Gott. Hier traf sie die Frau des Wächters, die ihre Gefühle mißverstand. „Ach, Madame“, sagte sie, „weinen Sie doch nicht, er kann sich ja noch bekehren.“
Von dieser Bekehrung, welche die gute Wächtersfrau prophezeihte, war meine Mutter doch noch Zeuge gewesen; und obgleich sie Nichts gegen mein erstes Vornehmen gehabt hatte, so freute mein veränderter Lebensplan sie doch nichts destoweniger, weil sie fühlte, daß mein schüchternes, empfindliches Wesen der Freiheit und Ruhe bedürfe, wenn es sich recht entwickeln solle.