Ich sah sie also hinsinken, nachdem sie einen zärtlichen Abschied von uns Allen genommen hatte. Ich sah ihre Augen, die den meinigen so sehr glichen, erlöschen und brechen. Die Hände, die mich so oft gehegt und gepflegt hatten, griffen unstet nach dem Bettzeug, und die kalten Fingerspitzen berührten einander in dem gewöhnlichen Todesspiele. Und so schlummerte sie ein; mein Vater drückte ihr die Augen zu, und Gellert's Psalmen, die sie im Leben so begeistert gesungen hatte, legte er auf ihre Brust. Nun ruht sie auf dem Friedrichsberger Kirchhof, wohin mein Vater und meine Schwester ihr folgten, wo Camma Rahbek ruht, und wo auch ich einmal zu ruhen wünsche.
Christiane Heger.
Gleich nach dem Tode meiner Mutter machte ich auf dem Hügelhause die Bekanntschaft der Schwester der Frau Rahbek, einer Tochter des Justizraths, späteren Etats- und Conferenzraths Heger; Christiane Georgine Elisabeth Heger: ein sehr hübsches Mädchen von siebzehn Jahren, gesund und kräftig, mit großen, blauen Augen, schneeweißer Haut, Rosenwangen und mit einer Haarfülle, wie ich ihres Gleichen nie gesehen habe; denn wenn sie die langen blonden Haare herabfallen ließ, so konnte sie sich ganz darin einhüllen. Als ich sie zum ersten Male sah, band sie einen Kranz von Kornblumen, ich habe den Kranz aufbewahrt, und einige der abgefallenen Blätter blieben lange Zeit blau. Jetzt sind auch sie gebleicht. Sie ist nicht mehr! —
Wie gern ich also zu Rahbek's „Hügelhause“ ging, begreift man leicht. Nach einem schönen Spaziergange traf ich dort einen launigen Dichter, eine lustige, witzige Freundin, eine seltne Gastfreundschaft und ein schönes Mädchen, die sehr ruhig bei ihrer Handarbeit saß, in deren Augen ich aber doch, wenn sie von der Arbeit aufblickte, eine gewisse Aufmerksamkeit für mich zu lesen glaubte.
Nun ging es ganz vortrefflich mit lustigen Erzählungen und Gesprächen den ganzen Abend. Frau Rahbek hatte eine eigne Art, sich Freunde und Anhänger zu erwerben: sie neckte sie unaufhörlich, lauschte ihnen ihre Eigenheiten und kleinen Schwächen ab, hatte sie auf die liebenswürdigste Art von der Welt zum Besten, machte mit unendlichem Witz ihre Persönlichkeiten nach (denn sie hatte, wie alle Hegers, das Talent, die Stimme und Bewegung anderer Menschen höchst treffend nachzuahmen), und gab ihnen Spitznamen, und Keiner, der zu ihr kam, wurde von ihr bei seinem rechten christlichen Namen genannt. Mich nannte sie den Adagiospieler, weil ich einem Adagiospieler gleichen sollte, den sie gekannt hatte; ihre Schwester nannte sie Atair, weil Christiane einmal diesen Stern genannt hatte, und weil Camma (eine Zusammenziehung von Karen-Margaretha) fand, das sei zu viel Astronomie für ein so junges Mädchen. Rahbek, der etwas diogenisch in seinen Manieren war, mußte sich als liebes Kind darein finden, viele Namen zu haben. Meine Schwester nannte sie Oder so was, weil Sophie, wenn sie sprach, diese Worte oft wiederholte. Mein Vater hieß Pole, weil er mit seiner weichen, raschen Zunge größtentheils Polekum, statt Publikum sagte.
Auch Freunde wurden von dieser Anabaptistin umgetauft; und dann konnte es zuweilen wohl nach Verdienst treffen, daß die Satyre etwas geißelte. Uebrigens wußte sie stets mit Grazie und Feinheit, Achtung und Schonung mit ihrem Uebermuthe zu vereinigen; so daß sich Jeder sogar einen solchen Beinamen von ihr wünschte.
Da nun alle diese Benennungen eine historische oder allegorische Bedeutung hatten, so bildete sich nach und nach unter uns auf dem Hügelhause eine Art Mythologie, in die man eingeweiht sein mußte, um die Kunstwerke solcher Laune und Munterkeit zu genießen, zu der wir Anderen auch unser Schärflein beitrugen. Ein Fremder hätte nicht ein Wort von unseren täglichen Scherzen verstanden.
Meine Verlobung.
Begleitete ich nun nach einem solchen muntern Abende Christianen im schönen Mondscheine oder in einer sternenklaren Nacht nach Hause, so verstummte plötzlich die Munterkeit; ich wurde stumm, verlegen und ernst, und sie gleichfalls. Größtentheils gingen wir Arm in Arm in unseren eigenen Gedanken. Endlich gab die Liebe mir Muth, nachdem sie ihn mir so lange geraubt hatte; ich stammelte eine Liebeserklärung hervor; sie verstand meine Aphorismen ganz gut, und obgleich sie mir nicht sofort entgegenkam, ließ sie mich doch ohne Verzweiflung nach Hause gehen.