Mein Schwiegervater.
Bald erlaubte sie mir, mit ihrem Vater darüber zu sprechen. Das war ein merkwürdiger Mann. Er war Witwer und bewohnte die unterste Etage seines eigenen Hauses. Vor dem Bombardement war er sehr wohlhabend. Er hatte eine Brauerei von seinem Vater geerbt; und obgleich er Assessor im Hof- und Stadtgericht war, konnte er doch mit Leichtigkeit die Brauerei verwalten, da er ein entschiedenes Talent für alle mechanischen Arbeiten und Künste besaß. Er stand sich gut und übte deßhalb viele Dinge nur zu seinem Vergnügen, und obgleich er es nicht in Allem zur Meisterschaft brachte, so kam er doch in vielen Dingen außerordentlich weit.
Er hatte sein schönes, großes Haus nach eignem Plane gebaut und außerdem die Zeichnung zu einem andern sehr hübschen Grundstücke gemacht. Er war ein guter Schmied, ein guter Tischler und Drechsler. Auch auf die Gärtnerei hatte er sich gelegt, und wetteiferte mit seinem Freunde Käsemacher, dem Gärtner des botanischen Gartens, wer die frühesten und besten Erdbeeren bekam. Er zeichnete hübsch und beschäftigte einige junge Maler in seinem Hause mit Decorationsmalereien. Auch Thorwaldsen brachte einige Jahre hindurch die Abende bei ihm zu, und zeichnete Bilder mit Bleistift für Karen Margaretha und Christiane, die noch klein war. Der Kapellmeister Schultz war Heger's Freund gewesen; von ihm hatte er Etwas von der Composition gelernt; er las fleißig in Kirnberger, componirte hübsche Melodieen und spielte sie auf dem Fortepiano, das er selbst verbessert hatte. Es konnte ihn amüsiren, ganze Stunden lang zu phantasiren, und wir Anderen hörten ihm gern zu. Er hatte sich fleißig auf die Optik gelegt; schliff Gläser zu großen Fernröhren, machte die Papparbeit dazu selbst, und schrieb ein kleines Buch in französischer Sprache über die Optik zu seinem eigenen Gebrauch. In Papparbeiten war er ein Meister, der in der ganzen Stadt nicht seines Gleichen fand; er machte die schönsten Kasten, außerordentlich dauerhaft mit hübschen, selbstgemalten Landschaften verziert und mit einem unvergänglichen Lackfirniß überzogen. Er war sehr freigebig mit diesen Arbeiten, schenkte deren an alle seine Freunde, und seine Tochter Karen Margaretha lernte von ihm die Kunst und die Freigebigkeit. Er war auch einmal ein eifriger Feuerwerker gewesen und machte Raketen, welche die gewöhnlichen um Vieles übertrafen. Aber als er eines Abends das Unglück hatte, daß eine Rakete, die er von einem Boote aus in die Luft ließ, in eine Scheune fiel, ohne doch weiter Schaden zu verursachen, verlor er die Lust zur Feuerwerkerei. Er liebte die italienische Sprache und erzählte gern von der Zeit, wo Sarti Kapellmeister gewesen war, und wo Alsani und andere Virtuosen italienische Opern auf dem Hoftheater aufgeführt hatten.
Zu diesem seltnen Manne kam ich nun schüchtern und bange; ich sagte ihm Alles rein heraus, daß ich seine Tochter liebe, daß ich hoffe, wieder geliebt zu sein, daß ich Advokat werden wolle, und daß Oersted mir versprochen habe, mich in zwei Jahren so weit zu bringen. Höflich und ruhig hörte er meinen Wunsch, klingelte, ließ seine Tochter rufen, sagte ihr mit wenigen Worten, wovon die Rede sei, legte unsere Hände in einander, und fing darauf gleich an, von anderen Dingen zu reden, womit er mir einen großen Dienst erwies; und mit einem solchen Manne konnte man gewiß über Vieles sprechen.
Mein Schwager.
Christiane's Bruder Karl war stiller, milder, aber auch witzig und satyrisch. Er ließ es bei den dramatischen Privatübungen bewenden, und studirte Theologie; aber so gewissenhaft, daß er niemals fertig werden konnte, obgleich er mehreren Candidaten half, die die beste Censur bekamen. Die theologischen Professoren baten ihn, doch endlich zur Prüfung zu gehen, da sie ihn nichts mehr lehren könnten, und versicherten ihm, er könne überzeugt sein, daß er gut bestehen würde; denn sie kannten ihn von den Examinatorien her. Es half Nichts! Der selige Bischof Münter, damals Professor, besuchte Rahbek, bei dem Karl Heger wohnte, einmal deßhalb, um diesen zu überreden; aber er verbarg sich vor dem Professor im Garten hinter den Bäumen, gleich Adam nach dem Sündenfalle vor unserm Herrgott; obgleich er nicht gesündigt hatte, sondern im Gegentheile für seine Tugenden gelobt werden sollte.
Dieser „kunstliebende Klosterbruder“, mein treuer, vieljähriger Freund, fand später als Bibliothekar bei Sr. Königl. Hoheit dem Prinzen Christian Frederik einen Platz, der sich am Besten für seine stille literarische Neigung und für seine bescheidne, contemplative Natur eignete.
Preisfrage.
Ich studirte nun ziemlich fleißig Jura, doch konnte ich es nicht unterlassen, kleine Streifereien in das Gebiet der schönen Literatur zu machen. Im Jahre 1800 wurde an der Universität die Preisfrage in der Aesthetik aufgestellt: „Wäre es nützlich für die schöne Literatur des Nordens, wenn die alte nordische Mythologie eingeführt und statt der griechischen allgemein angenommen würde?“ Das war Wasser auf meine Mühle; ich hatte mich viel mit der alten nordischen Literatur und mit der nordischen Götterlehre beschäftigt. Oersteds fanden auch, daß es hübsch sein würde, wenn ich eine akademische Preismedaille gewönne; und nun sattelte ich wieder mein Steckenpferd und schrieb eine Abhandlung, in der ich den Charakter der nordischen Götterlehre und ihre noch unbenutzten Schönheiten im besten Lichte darzustellen suchte.