Eine ritterliche Achtung, ja Anbetung für das schöne Geschlecht, eine starke Begeisterung für das Hohe in der Natur zeichnete ihn vor anderen humoristischen Dichtern aus. Daß er nicht den gesunden Verstand eines Holberg's und eines Wessel's hatte; daß er wohl brillanter in seiner Satyre, aber weniger wahrheitsliebend und billig war, daß seine Begeisterung sich oft in einem Schwulst verlor, konnte ich noch nicht recht bemerken. Ich liebte diesen Proteus:

Erstlich ward er ein Leu mit fürchterlich wallender Mähne,
Drauf ein Pardel, ein bläulicher Drach' und ein zürnender Eber,
Floß dann als Wasser dahin und rauscht' als Baum in den Wolken.

ich wollte ihn gern fassen und ihn einmal in der Nähe betrachten, ehe er sich ins Wasser verlor, und vielleicht für ewig unser Eiland verließ. Auf dem Theater hatte ich ihn freilich oft als administrirenden Director in seinem großen gelben Ueberwurf umhergehen sehen. Aber da lief er umher, wie auf dem Deck in Meeresnoth ein Schiffer, der selbst das Steuern nicht versteht und den Nächstkommandirenden schalten und walten läßt. Dort war er mir auch zu vornehm; der Abstand zwischen uns war zu groß, und ich mochte mich ihm nicht nähern, aus Furcht, daß er zu stolz sein würde.

Alles, dessen ich mich von seiner Administrationszeit erinnere, ist, daß mein Auge oft auf dem Fleck in seinem Ueberwurf ruhte, der mit einem Pletteisen eingebrannt war. Auch entsinne ich mich deutlich, wie eine Schauspielerin ohne viel Talent, aber stets häuslich mit Nähnadel und Zwirn in der Tasche versehen, ihn eines Abends im Foyer aufhielt, um ihm einen Riß zuzunähen, der eine allzuweite Fortsetzung des Schlitzes an seinem Mantel bildete; unter dieser Operation verhielt er sich sehr höflich, aber auch etwas passiv. —

Nun wollte er fort und uns vielleicht auf ewig verlassen! Er hatte gesagt, daß er in der Zukunft nicht mehr dänisch schreiben wolle. Dies Alles betrübte uns, seine jungen Bewunderer. Wir hatten den allzufrühen, nationalen Tod eines schönen Geistes zu beklagen.

In diesem Gefühle faßten Hans Christian Oersted und ich den Entschluß, ein Fest in Dreyer's Klub, dessen Mitglied ich geworden war, zu veranstalten. Wir ließen eine Einladung umhergehen, und, obgleich Baggesen schon damals viele ausgezeichnete Männer gegen sich hatte, welche gerade heraus sagten, daß er es nicht verdiene, so setzten wir es doch durch. Er wurde zu einer Abendgesellschaft eingeladen, bei welcher Gelegenheit ich folgendes Gedicht an ihn verfaßt hatte, das die Gesellschaft für ihn begeisterte:

Der mit Geistes Waffen schweigen machte
Dummheit, der die Lüge kühn bezwang,
Der ins Auge frohes Lächeln brachte,
Aus dem eben noch die Thräne drang;
Der Gefühl und Wärme hat gegossen
In die Brust uns, wo sein Bild jetzt weilt,
Sei von unserm Bruderarm umschlossen,
Eh' von Dänemark er nun enteilt.
Darum hörst Du, seltner Dichter, klingen
Unsre Stimme, die im Chor sich hebt,
Darum, edler Dichter, wir Dir bringen
Was für Dich in unserm Herzen lebt.
Schwach ist unsre Stimme! Gleich der Deinen
Steigt sie nicht zum Pindus hoch empor,
Voller Wehmuth nun wir uns vereinen,
Rufen Lebewohl Dir zu im Chor.
Habe Dank für jedes Deiner Lieder,
Das bei frohem Mahle hier erklang!
Oft wohl singen wir sie freudig wieder,
Denken stets des Dichters beim Gesang.
Wenn die Stimmen dann sich laut erheben,
Wenn sie tönen an dem dän'schen Strand,
Möge ahnend dann Dein Herz erbeben,
Wenn Du denkst ans theure Vaterland.
Willst Du jetzt auch in die Ferne ziehen,
Kehrst Du doch, wir hoffen's, einst zurück.
Sahst ja hier die ersten Tage fliehen,
Hier verlebtest Du der Jugend Glück.
Nirgends blühen ja die Rosen reicher,
Nirgends sind die Dornen ja so klein,
Nirgends, nirgends ist das Lager weicher,
Als, wo unsre Wiege stand, allein.
Aber mußt Du Sein Gebot erfüllen,
Giebt das Schicksal Dir ein fernes Grab,
Soll die fremde Erde Dich umhüllen —
Blick' von dort auf Dän'mark dann herab!
Jedes Auge wird die Thräne feuchten,
Jede Lippe flüstert weh und bang:
Möge Freud' für jede Freud' Dir leuchten,
Die den Dänen schenkte Dein Gesang.

Ein Exemplar dieses Gedichts, das er während des Absingens in der Hand gehalten hatte, gab er mir von Thränen durchnäßt zurück, indem er mich umarmte, mich küßte und mir seine „dänische Lyra“ vermachte, die er nun nicht mehr zu schlagen gedachte. — Einige Tage darauf reiste er fort und ich übernahm die Korrektur des ersten Theils seiner Werke, die er bei Brummer herausgab.

So machte ich die Bekanntschaft des Mannes, der einige Zeit darauf eifrig meine Freundschaft suchte und später, ohne Grund, mein bitterster Feind wurde.