War es nun Apollo mit seinen neun Musen oder Bragi bei der Harfe und Idun mit ihren Aepfeln der Verjüngung, die mich immer, wenn ich recht fleißig Jura studiren wollte, störten? — Ich weiß es nicht. Aber gestört wurde ich; und war es nicht geradezu von ihnen, so riefen sie bald Venus oder Freia, bald Mars oder Thor zu Hülfe; ja wir werden sehen, wie sogar Mimer oder Minerva sich hinterlistig gegen meine Jurisprudenz verbinden.

Der zweite April 1801.

Der zweite April 1801 erschien, an welchem Tage eine große englische Flotte von unserm Dutzend Blockschiffen hart mitgenommen wurde, die nach der Schlacht Wracks waren, wie vorher. Nelson, der Schreck der europäischen Seemächte, wurde in diesem Kampfe durch einen kleinen Haufen dänischer Seeoffiziere überstrahlt. Es ist Wahrheit, es ist ein Factum! Darum achtete Napoleon die dänischen Seeleute hoch und hat von dieser Schlacht stets mit ehrender Bewunderung gesprochen.

Das Gefühl der alten Heldenehre zur See hatte sich ganz der Nation, und besonders der Hauptstadt bemeistert. Alle kleinlichen Laster der Zeit: Mißgunst, Geiz, Hochmuth, Eitelkeit, Verleumdung, hatten sich gleich feigen Verbrechern im Dunkeln verborgen. Dagegen traten überall Brudersinn, Wohlwollen, gegenseitige Hülfe und Beistand hervor. Fremde Menschen, die sich nie früher gesehn hatten, drückten einander begeistert die Hand, wenn sie sich auf der Straße begegneten. Eine unbeschreibliche Munterkeit verbreitete sich über die ganze Stadt. Der alte Matrosenwitz schien sich allen Einwohnern mitgetheilt zu haben, und es regneten Einfälle und Spöttereien über die Engländer.

Bei dieser Gelegenheit wurden, ehe der Feind sich dem Sunde näherte, mehrere Freicorps errichtet; auch die Studenten vereinigten sich, und bildeten unter dem Commando des berühmten Physikers, Oberhofmarschalls Hauch, zwei Bataillone.

Man wußte nicht, ob die Engländer die Stadt bombardiren würden. Die Studenten erhielten die ehrenvolle aber gefährliche Aufgabe das Zündrohr aus den hereingeworfenen Bomben zu ziehen, ehe sie sprangen. Wir lachten, verstanden die Gefahr nicht, und ließen das Schicksal walten. Bald bemerkten wir, daß die englischen Bomben uns nicht erreichen konnten, weil die Blockschiffe einen breiten Wall rund um Kopenhagen bildeten.

Ich stand mit mehreren Bekannten auf dem Altan der Seecadetten-Akademie, und blickte auf die Schlacht, welche nicht weit entfernt, gerade vor unseren Augen gekämpft wurde. Wenn zehn Mal von den englischen Schiffen geschossen wurde, so hörten wir es nur ein Mal von den Blockschiffen donnern. Oft flog eine glühende Kugel von der Quintusbatterie empor. Wir sahen jeden Augenblick englische Kugeln in den Wellen zischen, oder sich matt in den Sand der Küste bohren. Ueber unsere Häupter flogen die Bomben, gleich Raketen dahin, und sprangen in der Luft; nur sehr wenige erreichten das Land. Wir waren Alle in der gespanntesten Erwartung.

Um 4 Uhr war die Schlacht vorüber, und Nelson sandte einen Parlamentair ans Land, der einen Waffenstillstand vorschlagen sollte. Wir waren Alle froh, und gingen nach Hause, um unsern Gründonnerstags-Kohl zu essen. Unten auf dem Platze standen eine Menge bewaffneter Bürger. Ein kleiner jovialer Mann, mit der Kokarde am runden Hut, dem Säbel an der Seite, der Patrontasche auf dem Rücken und dem Gewehr auf der Schulter, stand unter den Anderen, und fragte mich, als ich vom Altan hinunterkam und vorüber ging: „Nun, wie ist es abgelaufen?“ „„Ach, mein lieber Landsmann!““ rief ich, und drückte ihm die Hände, „„Gott beschützt uns, unsere Brüder haben wie Löwen gekämpft!““ Ich würde mehr mit diesem wackern Landsmanne gesprochen haben, aber ein Student meiner Bekanntschaft zog mich an dem Aermel, und flüsterte mir in's Ohr: „Bist Du von Sinnen, daß Du auf offner Straße mit dem Kerl sprichst? das ist ja der berüchtigte Wirth, Prinz Kehraus!“ — „„Ich kenne ihn nicht,““ antwortete ich lachend, „„aber mag er sein, wer er wolle, in diesem Augenblick sind wir Alle Dänen und Alle Soldaten.““

Was weiter kommen würde, wußten wir nicht; aber fürs Erste konnte man nichts Besseres thun, als die Waffenübungen fortzusetzen, da in diesem Lärm doch weder Zeit noch Ruhe zu friedlicher Beschäftigung war. Das Studentencorps wurde unter dem Namen „Leibcorps des Kronprinzen“ organisirt, wir bekamen hübsche Uniformen, dunkelblaue Jacken mit weißen Litzen, grauen Hosen, Halbstiefeln mit Quasten, runden Hüten mit weißen Kokarden und schwarzen Federn. Die Unteroffiziere trugen silberne Epaulettes.