„Die Freude gleichet dem flüchtigen Freund,
Den leicht wohl auf Reisen man findet;
Und der, indeß er vorüberzieht,
Uns zärtlich küßt — und verschwindet.“
Ich sah die merkwürdige Domkirche; aber das vermehrte nur meine melancholische Stimmung. Sie besteht eigentlich aus vier Kirchen, und eine davon ist unterirdisch. Eine alte Frau, die wie eine Hexe aussah, führte mich umher. Mit einem kleinen angezündeten Lichtchen in der Hand, stieg sie hinunter und führte mich vor den eisernen Kasten, in dem Tezel sein Ablaßgeld gesammelt und dabei gesungen hatte:
„Sobald das Geld im Kasten klingt,
Sobald die Seel' gen Himmel springt.“
Sie zeigte mir auch die Wand, wo eine Nonne früher eingemauert worden war, und wo sie Messe hören konnte, bis sie verhungerte. Dies Alles machte mich nicht munterer. Unglücklicherweise erzählte sie mir auch von den Hussiten vor Naumburg, da fiel mit das affectirte Kotzebue'sche Stück ein; ich sah nun Alles Grau in Grau, ging nach Hause und tröstete mich dadurch, daß ich einen Brief nach Kopenhagen schrieb.
Am nächsten Tage reiste ich nach Weimar; die Luft klärte sich auf, und der Himmel war blau. Göthe empfing mich sehr freundlich, und ich brachte drittehalb Monate in der fast täglichen Gesellschaft dieses großen Meisters zu.
Wieland, Herder, Frau Schiller.
Wie freute es mich, den klassischen Boden zu betreten, auf dem so viel große Geister gewirkt hatten. Der einzige, Göthe, stand dort noch, wenn auch nicht mehr jung, in seiner vollen Kraft. Wieland war alt, doch erquickte es mich, den Geist dieses freundlichen Greises, wie die Schneeblumen in dem Wintergarten zu finden, wo er so viele Sommer hindurch als Rose geblüht hatte. Ich hatte mit großem Vergnügen seinen Oberon gelesen. In seinem Geron der Adlige hat er gezeigt, daß er auch ernst und herzlich dichten konnte. In vielen muntern Erzählungen hat dieser deutsche Ariost Humor und schalkhafte Grazie an den Tag gelegt. Als Kritiker und Gelehrter haben seine Schriften großen Einfluß auf den Geschmack in Deutschland ausgeübt. Ich besuchte ihn mit Ehrfurcht, obgleich es damals nicht Mode war, Wieland zu achten; er war sehr mittheilend und lobte die dänische Regierung, daß sie den Dichter ins Ausland reisen ließe. In mein Stammbuch schrieb er:
Fuimus Troes.
Herder war nicht mehr; dieses große denkende Herz! das mit tugendkräftiger Menschenliebe und poetischer Begeisterung die ganze Erde umfaßte. Seine spätern polemischen Schriften, in denen Gereiztheit ihn unbillig machte, kannte ich nicht und habe sie später nicht kennen lernen wollen. Aber wie herrlich sind nicht seine Abhandlungen über die hebräische Dichtkunst, seine Ideen zur Geschichte des Menschengeschlechts, seine Sammlungen und Uebersetzungen von Volksliedern und Legenden, sein Cid und seine Predigten.