Auch Schiller fand ich nicht mehr. Aber ich fand seine Frau und Kinder und die hübsche kleine Wohnung in der Allée dicht beim Schauspielhause, wo er die unsterblichen Tragödien gedichtet hatte. Ich war dort bald zu Hause, und es freute mich, daß Frau Schiller fand, ich gleiche ihrem Mann etwas; nicht im Aeußern, sondern im Wesen und gewissen Bewegungen.

Nicht ohne inniges Mitleid konnte ich auf die lieben Kinder sehen, die so früh den großen, seltenen Vater verloren hatten. Wie gern hätte er noch mit ihnen gelebt! Wie wehmüthig betrachtete er die Züge der armen Kleinen zum letzten Male, als er fühlte, daß sein Herz brechen würde; dieses himmlische Herz, das hohe Begeisterung mit durchdringendem Verstande vereinigte.

Göthe über meine Danismen.

Auch Göthe war, obgleich er allzu oft Gefallen an einem gewissen hochmüthigen, zurückhaltenden Wesen fand, im Grunde gut, und wirkt in seinen vortrefflichen Werken durch die Phantasie hauptsächlich auf das Herz; in seinen Liedern, in Werthers Schwärmerei, in Götz' Edelmuth, Faust's Tiefsinn, Gretchen's und Klärchen's Liebe, in Tasso's Feinheit, in Iphigenie's Seelenadel, in den muntern Naivetäten, in Mignon, im Harfenspieler; und ganz besonders in Hermann und Dorothea, worin er der Humanität des achtzehnten Jahrhunderts das schönste Denkmal errichtete. Deßhalb freute es mich auch, wenn Schleiermacher von ihm sagte: „Der Göthe ist doch im Grunde eine gute Haut!“

Er empfing mich väterlich, ich war oft zu Mittag bei ihm und mußte ihm meinen ganzen Aladdin und Hakon Jarl aus dem Dänischen deutsch vorlesen. Da machte ich mich nun vieler Danismen schuldig; aber er verwarf sie nicht alle; er meinte, daß beide verwandten Sprachen, einer Wurzel entsprungen, einander geschwisterliche Geschenke machen dürften. „Hm! das ist hübsch!“ sagte er zuweilen, wenn ich einen gewagten fremden Ausdruck gebrauchte. „„Sagt man das auf Deutsch?““ fragte ich. — „Nein,“ entgegnete er, „man sagt es nicht, aber man könnte es sagen.“ — „„Soll ich es wieder ausstreichen?““ — „Nein, keineswegs.“ — Reichardt, der nach Weimar kam, wurde von Göthe gefragt: „Kennen Sie Etwas von Oehlenschläger's Gedichten?“ — „„Nein,““ entgegnete dieser, „„aufrichtig gesprochen, es amüsirt mich nicht, die deutsche Sprache radebrechen zu hören.““ — „Und mich,“ antwortete Göthe mit imposantem Feuer, „amüsirt es sehr, die deutsche Sprache in einem poetischen Geiste entstehen zu sehen.“

Verkehrte Urtheile über Göthe.

Doch was rede ich von Göthe's Meinungen über die Sprache? Es giebt ja Leute, welche glauben, daß er auch nicht Deutsch schreiben könne! Es gab ja Landsleute von mir, und giebt derer wohl noch, welche behaupten, daß ich nicht richtig Dänisch zu schreiben verstünde. Aber ich entsinne mich auch der Anecdote von einem Franzosen, der seinen Landsmann fragte: „Les allemands, est ce qu'ils ont une langue?“ — „„Non,““ entgegnete dieser, „ils parles seulement un patois; mais ils se comprennent entre eux.“

Die letzte Zuflucht, die eine feindliche Spitzfindigkeit annimmt, besteht darin, die Sprache eines Verfassers zu tadeln. Man braucht nur eine Periode aus ihrer Verbindung herauszureißen, um sie zu einem Gallimathias zu machen. So behandelte Baggesen mich stets mehrere Jahre darauf in seinen Kritiken. Und Menschen, die nicht halb so gut Deutsch verstehen, wie Göthe, geschweige denn gleich ihm in der Sprache denken und fühlen können, haben es gewagt, ihn eingebildet zu tadeln, weil er — der echte Dichter — der die reichen Schätze der Volkssprache in die Rede der gebildeten Welt hinüber führte, zuweilen aus Laune oder Eigensinn Ausdrücke gebrauchte, die nicht gang und gäbe im Munde der feinen Welt waren; oft wohl sogar polemisch, um einer kleinlichen Aengstlichkeit zu trotzen, und sie zu strafen, die nur Pedanterie zeigte, indem sie sich den Schein der Correctheit gab. So giebt es Leute, die in ihrer Thorheit z. B. die Sprache in Sophie's Reise von Memel nach Sachsen über die Sprache in Werther und Wilhelm Meister stellen! Aber Göthe ging stets seinen eigenen Weg; und das muß jedes originelle Genie thun.

Zuweilen können selbst tiefe und schöne Geister einander mißverstehen und verkennen; und deshalb bleibt für die kräftig Wirkenden nichts Anderes übrig, als sich mit allem Vermögen nach den Besten zu bilden und dann selbstständig zu handeln. Jede ungewöhnliche That ist eine Usurpation, eine Eigenmächtigkeit, die ihre Vertheidigung in ihrer Wirkung finden muß; und wollte sowohl ein Dichter, wie ein Feldherr stets zweifelnd erst Andere um Rath fragen, was er im entscheidenden Augenblicke thun soll; so würde kein Dichterwerk vollendet und keine Schlacht gewonnen werden. Darum darf man es auch nicht Einbildung oder übertriebene Eigenliebe nennen, wenn ein tüchtiger Künstler mit Rücksicht auf sein Werk, das meiste Zutrauen auf seine eigene Meinung hat. Wie sollte er sonst jemals Meister werden? Und wie sollte er sich sonst in dem Wirrwarr der literarischen Welt zurecht finden, wo die Ansichten sich jeden Augenblick auf das Lächerlichste widersprechen?

Als ich meinen Aladdin zu schreiben anfing, und meiner Schwester und einigen andern guten Freunden die ersten Scenen vorlas, fand er keinen Beifall. Ich ging mit meinem Manuscript in der Tasche betrübt nach Hause; und hätte meine eigene Ueberzeugung, daß er gut sei, nicht gesiegt, so wäre Aladdin nie erschienen und ich hätte nicht den Triumph gehabt, mit der Zeit selbst bei Denen Beifall zu ernten, die im Anfang die Arbeit verschmähten. — So ging es mir auch hier bei Göthe mit dem Hakon Jarl. Aladdin hatten wir in kleinen Portionen zusammengelesen, und er hatte ihn aufmerksam gehört und aufgefaßt; Hakon Jarl las ich ihm auf ein Mal nach Tisch vor. Er verlor den Faden, der Gang des Stückes verwirrte ihn; und er äußerte nach beendigter Lectüre, daß Einiges in der Composition des Stückes geändert werden müsse. Ich wurde ganz niedergeschlagen und wanderte in meinen finstern Gedanken in dem schönen herzoglichen Lustgarten umher. „Wenn der,“ dachte ich, „verfehlt ist, so weiß ich nicht, wie ich richtig dichten soll.“ In diesem Gedanken stand ich vor einem Sculpturwerke im Garten, wo eine Schlange in einen Knäuel beißt. Ich habe die allegorische Bedeutung desselben vergessen; aber es schien mir in jenem Momente, als ob es das Unglück sei, das in mein Herz biß. Da hörte ich in demselben Augenblick Etwas in meiner Nähe rieseln. Ich ging dahin, von wo der Laut herkam; es war eine Quelle, die sehr anmuthig aus der Felswand in den Fluß hinabstürzte, und in einem Steine eingegraben stand der schöne Vers von Göthe: