„Die ihr Felsen und Bäume bewohnt, o heilsame Nymphen!
Gebet Jeglichem gern, was er im Stillen begehrt!
Schaffet dem Traurigen Trost, dem Zweifelhaften Belehrung,
Und dem Liebenden gönnt, daß ihm begegne sein Glück!
Denn euch gaben die Götter, was sie den Menschen versagten:
Jeglichem, der euch vertraut, tröstlich und hülflich zu sein.“
Göthe über Hakon Jarl.
Die schöne Natur, der herrliche Tag und das humane milde Gedicht gaben mit wieder Muth und ich dachte: „Der Verfasser dieser Strophen kann Hakon Jarl nicht verwerfen.“ — Göthe hatte mich gebeten, ihm den kurzen Inhalt des ganzen Stückes aufzuschreiben. Ich brachte ihm das Verlangte, und nachdem er es gelesen hatte, billigte er durchaus den Gang des Stückes und fand nichts daran auszusetzen.
Die Bühne Weimars.
Ich erzähle dies damit man sehen soll, wie selbst Aladdin und Hakon Jarl augenblicklich von ausgezeichneten poetischen Männern verkannt wurden. Die Erinnerung an dieses Verkennen hat mich seitdem oft getröstet, wenn spätere Werke wieder auf Kosten jener verkannt wurden; und ich habe oft die Freude gehabt, solche Nebel verschwinden zu sehen. Göthe munterte mich selbst dazu auf, das Stück schriftlich zu übersetzen (denn ich hatte es bei ihm nur mündlich übersetzt), damit es in Weimar gespielt werden könne, was doch nicht geschah, da der Krieg dies verhinderte.
Es erfreute mich oft, das Schauspielhaus zu besuchen, und die Schauspieler zu sehen, wo und durch welche Göthe und Schiller so viel gewirkt hatten. Ich lernte das Künstlerpaar Wolf kennen und schätzen. Ich sah eine würdige Vorstellung von Göthe's Egmont; Becker, der den Parasiten in Lauchstädt gespielt hatte, war hier ein vorzüglicher Vansen. Die Transparentscene im letzten Acte wurde jetzt wieder gegeben. Während Schiller lebte, hatte Göthe gutmüthig sich darein gefunden, daß sie wegblieb, weil Schiller sie nicht leiden konnte. Nun ließ er das Stück wieder wie in alten Tagen aufführen und es war von guter Wirkung. Die Musik und das Bild wirken, nach dem langen Gespräch zwischen Egmont und Ferdinand, belebend und angenehm auf die Phantasie ein; und es erfreut den Zuschauer, sich die holde Clara glücklich, selig als einen Engel, als den Genius der Freiheit in Egmont's Traum vorzustellen. Doctor Riemer, Göthe's Freund und Secretair, und Joh. Heinr. Voß, der Jüngere, waren mein täglicher Umgang in Weimar und wurden mit mir innig vertraut. Göthe konnte den jungen Voß gut leiden und dieser war sein großer Bewunderer. Voß erzählte mir einen characteristischen Zug von Göthe. Dieser hatte ihm einmal, als Hermann und Dorothea in neuer Auflage erscheinen sollte, das Gedicht zur Durchsicht gegeben; denn alle Voß's hatten es vom Vater gelernt, Hexameter correct zu schreiben, und selbst „die alte verständige Hausfrau“ hatte ein Mal Göthe in sehr classischen Spondeen und Dactylen eingeladen, Stahlpunsch bei ihr zu trinken. Göthe schrieb schönere, leichtere, naivere, kernigere Hexameter, als Voß; aber er war nicht immer correct und deshalb ließ er sich gern bescheidene Bemerkungen gefallen. Aber ein Mal kam der gute Heinrich Voß mit einem gar zu vergnügten Gesicht und sagte mit triumphirender Demuth: „Herr Geheimerath! da habe ich einen Hexameter mit sieben Füßen gefunden.“ — Göthe betrachtete die Zeile aufmerksamer und rief: „Ja, weiß Gott!“ und Voß wollte ihm bereits den Bleistift reichen, als der Dichter ruhig das Buch zurückgab und sagte: „Die Bestie soll stehen bleiben!“
Eigenthümlichkeiten Göthe's.
Das Niebelungenlied war kurz vorher erschienen, und Göthe las uns einige Gesänge daraus vor. Da nun das Altdeutsche sehr verwandt mit unserm Altdänischen ist, so kannte ich viele Worte, die die Andern nicht gleich verstanden. — „Sieh' mal,“ rief dann Göthe lustig, „da haben wir den verfluchten Dänen wieder!“ — „Nein, Däne,“ sagte er einmal in demselben Ton, „hier kommt Etwas, was Du doch nicht verstehen kannst:
„Es war der große Siegfried, er aus dem Grase sprang,
Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang,“