Ihm ragete von dem Herzen eine Speerstange lang!“ wiederholte er erstaunt, indem er die Worte stark in seinem Frankfurter Dialekte betonte: „das ist capital!“

Ein Mal bei Tisch sprach er so eifrig und mit so viel Achtung und Kraft für Bürgerrecht und Bürgerehre, einem kalten Herrn gegenüber, der die Handlungsweise eines wackern Mannes verdrehen und verspotten wollte, daß ich's nicht lassen konnte, als der Fremde fortgegangen war, ihm um den Hals zu fallen und ihn zu küssen, was er herzlich erwiderte, indem er mit Wärme sagte: „Ja, ja, lieber Däne! Ihr meint's auch treu und gut in der Welt.“ — Er sagte gern „Ihr“ in vertrauter Rede zu Leuten, die er lieb hatte. Joh. Heinr. Voß (der Jüngere) erzählte mir, daß Göthe, als einmal die Rede auf mich kam, mit ungewöhnlicher Wärme und Freundlichkeit gesagt habe: „O, das ist mir ein herzlieber Junge!“ — Ich hätte kaum geglaubt, daß er nach der Trennung so bald sein Herz von mir wenden würde.

Die weimarische Fürstenfamilie.

Die alte Herzogin Amalie erwies mir die Ehre, mich zur Tafel zu laden; Reichardt war nach Weimar gekommen und wir fuhren zusammen nach Tieffurt. Sie war sehr gnädig, geistreich und trotz ihres Alters lebhaft und munter. Ich traf daselbst außerdem Wieland, Herrn v. Knebel, Göthe's Jugendfreund, und ihren Marschall, Herrn v. Einsiedel, der eine Uebersetzung des Terenz herausgegeben hat. Göthe hatte eins dieser römischen Lustspiele, ganz in alter Manier mit Masken, auf die Bühne gebracht; aber es blieb bei dieser einen Vorstellung, denn die Leute in Weimar wollten sich nicht um 2000 Jahre in der Zeit zurückversetzen lassen. — Nach der Mahlzeit bei der Herzogin ging Wieland in den Garten hinab und hielt unter einem großen, schattigen Baum sein Mittagsschläfchen. „Das thut er hier gewöhnlich im Sommer, wenn er bei mir speist!“ sagte die gute Fürstin. Wir gingen im Garten spazieren. Zur Theezeit kamen der Herzog, der Erbprinz, die Großfürstin und die Prinzessin von Weimar. Reichardt spielte ihnen vor, und ich mußte der Aufforderung zufolge einige alte dänische Kämpeweisen singen, die ihnen gefielen. — Sie waren Alle sehr freundlich, und Frau Schiller erzählte mir einige Tage darauf, daß die schöne, edle Großfürstin mit großer Gewogenheit von mir gesprochen habe. So hatte ich da die Freude, die Fürstenfamilie zu sehen und mit ihr zu sprechen, die so viele schöne Talente geehrt und belohnt, und zur Entwickelung der deutschen Literatur beigetragen hatte.

Frau v. Wollzogen, Frau Schiller's Schwester, die Verfasserin des geistreichen Romanes Agnes v. Lilien, und Frau v. Schardt, geb. Bernstorf, erwiesen mir auch viel Freundlichkeit.

Als ich fortreiste schrieb ich dem jungen Göthe meine dänische Uebersetzung von Göthe's Erlkönig in das Stammbuch und fügte zum Schluß die deutschen Verse hinzu:

Erinnern Sie sich, wenn längst ich schied,
Bei der Uebersetzung des Vaters Lied,
Des Dichters vom Lande, wo Nacht und Wind,
Und Elf und Schauder zu Hause sind.
In Weimar weht es schon mehr gelind;
Gott segne den Vater mit seinem Kind.

Denkblätter für mein Stammbuch.

„Ja, ja,“ sagte Göthe, als er es gelesen hatte, indem er mir freundlich ins Auge sah, und die Hand auf meine Schulter legte: „Ihr seid ein Poete!“ In mein Stammbuch schrieb er: