Der August sagt: „Mein Bruder und ich!“
„Ich und mein Bruder!“ sagt Friederich.

In mein Stammbuch schrieb Friedrich:

„Nur der Sehnsucht fließt der Sehnsucht Quell
Nur der Demuth scheint die Wahrheit hell.“

Auf diese Weise wäre der gute Friedrich niemals zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen; denn Demuth drückte ihn, wie bekannt, nicht sehr.


Frau Staël-Holstein wohnte in der Nähe von Paris in Auberge en ville; denn Napoleon wollte ihr nicht gestatten, näher zu treten. Ich besuchte sie dort und fand A. W. Schlegel und Benjamin Constant de Rebecque dort, der später eine so wichtige politische Rolle gespielt hat. Die geistreiche Dichterin empfing mich sehr freundlich, obgleich ich nur mittelmäßig Französisch sprach, und bat mich, sie in Coppet zu besuchen, wenn ich nach der Schweiz käme. Ich werde später mehr von diesen merkwürdigen Menschen sprechen.


Ueber Rousseau's Heloise.

Ich legte mich nun mit Eifer auf das Französische und las zum ersten Male Rousseau's Heloise. Dieses Buch rührte mich eben so sehr, wie Werther's Leiden, flößte mir aber bei Weitem nicht die Achtung vor dem Verfasser ein. Die Beredtheit ist darin eben so groß; die Leidenschaften und die Scenen sind eben so kräftig und schön geschildert; aber der neckende Eigensinn, die Jagd nach Paradoxen und etwas Unwürdiges (um nicht zu sagen Niederträchtiges) in dem Character des Verfassers, das zuweilen auf seine Personen übergeht, ärgerte mich oft so, daß ich das Buch auf die Erde warf und mit den Füßen darauf trat. Aber dann konnten wieder ein herrlicher Gedankenreichthum, ein reines edles Gefühl, und echte poetische Schilderungen des menschlichen Herzens, der Natur, des Unglücks und der Wehmuth mich innig rühren und hinreißen. — Wahrlich, Rousseau war ein Genie und ein höchst merkwürdiger Mann. Als ich kurz darauf seine Bekenntnisse las, wurde mir Vieles klar, was ich in der Heloise nicht verstanden hatte. Er hatte keine Erziehung gehabt und seine Gesundheit in der Jugend geschwächt. Sein stolzer Eigensinn kämpfte unaufhörlich mit seinem guten Herzen; und seine allzu krankhafte Empfindlichkeit verhinderte ihn trotz seines Verstandes, sich über die Verhältnisse zu erheben, und sie mit Ruhe und Besonnenheit zu überschauen. Die stete Gewohnheit, gegen so viel Schlechtes und Schiefes zu opponiren, verleitete ihn auch oft, dem Guten und Wahren zu widersprechen. Und so verstand man erst, wie dieser geniale Kopf zuletzt in Fehler und Tollheiten verfallen konnte, vor denen die größten Dummköpfe sich mit Leichtigkeit hätten schützen können.