Ein Brief, den ich meiner Christiane sandte, wird hier am besten zeigen, was ich erlebt hatte und was ich fühlte.
Paris, den 25. October 1807.
Liebste Christiane!
Unser Freund Koës reist übermorgen von Paris nach Dänemark; er hofft, daß die Engländer Kopenhagen werden verlassen haben, ehe er kommt, so daß die Fahrt über den Belt ihm offen steht. Gebe Gott, daß seine Hoffnung gegründet sei. Ich eile bei dieser Gelegenheit mein Herz vor Dir auszugießen, mein gutes Mädchen, und hoffe auch Briefe für unsere Schwestern fertig zu machen. Du hast lange nichts von mir gehört. Mein Schweigen in der letzteren Zeit verlangt keine Entschuldigung; daß ich so lange zwischen „der irrende Ritter“ und „Palnatoke“ schwieg, war Palnatoke's Schuld; ich arbeitete daran, lebte ein friedliches, glückliches Alltagsleben einen Tag wie den andern. Die eignen Gedanken und Ideen, die in meiner Seele erwachten, drückte ich in meinem Gedichte aus, und ich hatte Dir übrigens im strengsten Sinne des Wortes nichts zu sagen, als von meiner Liebe, die Du kennst. Ein kleiner Nebenumstand war vielleicht Ursache daran, daß Du mit dem Palnatoke keine Briefe erhieltest. Dein guter Vater hatte mich vor einiger Zeit durch einen Brief erfreut; er hatte darin ein venetianisches Lexikon und etwas über Flintglas zu hören verlangt. Ich gestehe mein Unrecht; ich schob es von Tag zu Tag auf, und nun wollte ich Dir nicht schreiben, bevor ich nicht ihm auch schreiben könnte. Ich habe später in der Kaiserlichen Bibliothek verschiedene Notizen über Lexika bekommen, aber in diesem Augenblicke, wo sein Haus verbrannt und sein Eigenthum zerstört ist, hat der arme Mann wohl an andere Dinge zu denken.
Liebes Mädchen! Freilich war ich nicht in Kopenhagen, die Gefahren und Schrecken mit Euch zu theilen, aber meine Qual und mein Unglück sind darum nicht geringer gewesen. In langsamen, bitteren Zügen habe ich den Kelch getrunken, den Ihr auf einmal geleert. Während noch Alles ruhig in Dänemark war, hatten wir hier in Paris die wahrscheinlichste Furcht vor dem, was da geschehen würde. Die dunklen Wolken fingen an vor unsern Augen über unser Vaterland aufzuziehen, während man hier in Paris ununterbrochen Friedensfeste feierte. Denke Dir die raffinirte Qual, in einem Theater zu sitzen, muntere Freudenstücke aufführen zu sehen, ein glückliches, siegendes Volk jubeln zu hören, überall Luxus und Ueberfluß; und nun mit dem Auge der Seele durch die Theaterwände nach dem dunklen Horizont gen Norden zu blicken, die englische Flotte auf den Wogen, die französische Armee auf dem Lande zu sehen. Kronburg, als ein Unglücksprophet seinen Scheitel über den Oeresund erhebend — und das arme Kopenhagen! Und Eure gräßliche Ruhe! Grade beim Friedensfeste hier in Paris, als ich in Notredame gewesen war, das Tedeum gehört, die ganze französische Pracht und Herrlichkeit gesehen, Napoleon zum ersten Male in meinem Leben in Rittertracht unter einem Thronhimmel, den Senat und alle Rathspersonen in ihren Staatsuniformen, eine wimmelnde Menge des Pariser Publikums, Bravoruf und Freudengeschrei gehört, meinen poetischen Geist in die Zeit Karl's des Großen hingezaubert — darauf einen Sprung nach Norden, dem alten Norden und seiner verschwundenen Macht gethan hatte — kam ich müde und wehmüthig nach Hause und fand dort den letzten Brief von Rahbek, Karen Margrete und Job. Lauter Freude! Landpartien! Lust und Scherz! Rahbek nennt mich in diesem Briefe einen glücklichen Dichter! Ja wohl ein glücklicher Dichter! glücklich wie der arme Camoëns, der seine Luciade fertig hatte, gerade als sein Vaterland zu Grunde ging. Lebte Camoëns jetzt, so könnte er wirklich glücklich werden; er hätte dann Stoff zu einer schöneren Luciade als die erste — aber ich armer Däne!
Daß ich nun gerade Palnatoke schreiben sollte! gerade die nordische politische Macht zum Stoff meines Gedichtes wenige Minuten vor diesem Augenblicke wählen mußte! That es das Geschick zum Hohn? oder war es um mich zu trösten, indem es mein Auge darauf hinlenkte, was auch wir gewesen waren, und um es mir frisch im Gedächtniß zu erhalten: Jede Blume hat ihre Zeit, aber in der Kunst blüht ein ewiger Frühling? O, wie spielen die Nornen mit dem armen Menschenherzen Ball. Bald fällt, bald steigt es. Daß die Engländer kommen würden, hatten wir voraus gesehen. Die Tüchtigkeit, der Muth und die Vorsichtsmaßregeln, von denen die Zeitungen immer aus Dänemark sprachen, fingen an uns zu trösten und zu stärken. Castenskiold's Heer! die Bürgerschaft in Kopenhagen! die tiefe Verachtung gegen die Engländer! die gute Sache! die Erinnerung an Dänemarks alte Ehre! die Versicherung des Ueberflusses an Lebensmitteln! Die kecken Maßregeln, die man (in den Zeitungen) genommen hatte, indem man die Vorstädte und Friedrichsberg abbrannte. Und mit glühenden Schmerzensthränen sah ich die Westerbrücke und das Schloß brennen. Der Ort, an dem meine Wiege stand, ging zu Grunde, jedes Monument, das die Erinnerungen aus meinem Leben in meinem Herzen auffrischte. Aber ich opferte mit Freude meine Glückseligkeit dem Vaterlande. Am 29. und 30. sollte ein Heldenausfall stattgefunden haben. Die Zeitungen erzählten uns, daß die Studenten an der Spitze gestanden, Granaten auf das Schloß geworfen hätten und fast alle auf dem Wahlplatz geblieben seien. Da weinte ich. Ich sah Rahbek, Oersted und Carl in ihrem Blute schwimmend, meinen alten Vater in der äußersten Lebensgefahr. Aber ich fühlte mich als ein Spartaner, und klagte das Schicksal an, welches mir nicht auch erlaubte, mit meinen Brüdern bei Thermopylä zu fallen. Nach Verlauf einiger Tage kam mir die Nachricht, daß nicht alle Vorstädte abgebrannt seien, nur etwas von der Westerbrücke und daß das Friedrichsberger Schloß noch stehe. Daß das Schloß stand, freute mich unsäglich; wir erfuhren auch, daß die Niederlage der Studenten nicht so groß gewesen sei, wie das Gerücht ging. Ich fing an für mein persönliches Glück zu hoffen, ohne für das Ganze zu fürchten. Fortwährende Nachrichten über den dänischen Widerstand und die englische Eingebildetheit klangen in unsern Ohren. Ich dichtete ein Lied, welches von der Landsmannschaft bei dem Minister Dreyer gesungen wurde, wo wir Dänemarks Wohl im Blute des Feindes (Englisches Bier) tranken. So ging es fort; wir hörten nun nichts von Kopenhagen, aber wir fürchteten nichts. Eines Morgens saß Bröndsted bei mir, wir lachten und scherzten; in demselben Augenblick kommt Koës bleich wie eine Leiche herein und sagt: „Kopenhagen ist genommen!“ Du hast Phantasie und Gefühl genug, um Dir vorzustellen, welche Wirkung das auf uns hervorbrachte. Von der Hoffnung und Munterkeit stürzte es uns plötzlich in die bitterste Verzweiflung hinab. Wir waren zu einem Dr. Klinger im jardin des plantes eingeladen, um das Naturaliencabinet zu sehen. Wir setzten uns in einen Wagen und fuhren hinaus. Bei Klinger kam ich in die tollste Laune, lachte aus vollem Halse und sagte lauter Narrheiten. Er freute sich darüber, mich so munter zu finden. Ich sagte: „Ist es ein Wunder, daß ich ausgelassen bin? Kopenhagen ist eingenommen, meine Familie getödtet, verwundet oder zu Grunde gerichtet, die Hälfte der Stadt verbrannt und Dänemark zum Teufel gegangen.“ Darauf fing ich wieder zu lachen an. Es war dies das Lachen, vor dem ich früher bei Dir so große Furcht hatte, das ein Vorbote Deines Krampfes war. Indessen bekam ich keinen Krampf. Der liebe Gott hat mich aus einem stärkeren Teige geknetet. Wir gingen in's Naturalienkabinet, sahen große Elephantenskelette, Versteinerungen von Thieren aus Asien in Kalkstücken vom Montmartre &c. Bessern Trost hätte ich nicht bekommen können. Die großen Umwälzungen der Natur standen mir lebhaft vor den Blicken, und mein eignes und Dänemarks Schicksal erschienen mir wie die Bewegungen eines Stäubchens in dem unermeßlichen Raum. Ich sah Kinder in Spiritus, deren Herzen weder im Kummer, noch in der Freude geschlagen hatten, und ich dankte der Vorsehung für das meinige, das beides empfunden und zugleich den Ewigen selbst erfaßt hatte. Meine verzweifelte Stimmung verschwand, ich blickte die Verwandlungen der Natur mit von Thränen geblendeten Augen an, meine Seele erhob sich kühn im Unglücke. Das Unglück macht groß: Ich fühlte meine Unsterblichkeit, die religiöse Hoffnung stand wie ein grüner unvergänglicher, gigantischer Smaragd-Anker vor meiner Seele. Meine Liebe zu den Meinigen wuchs, um so mehr, als ich nicht wußte, ob wir diesseits oder jenseits des Grabes sympathisirten, aber dieses Grab erschien mir nun ein unbedeutender Graben zu sein, der leicht zu überspringen war. So kam ich mit einem frommen Herzen nach Hause und betete innig zu Gott. Von diesem Augenblick an war ich ruhiger. Aber von Zeit zu Zeit stand doch das Unglück des Vaterlandes mir vor der Seele. In der Nacht dachte ich an Euch und wünschte innig, daß Ihr leben möchtet. An einem schönen Herbsttage, als ich hier spazieren gegangen war und mich so leicht ums Herz fühlte, ahnte mir etwas Gutes. Als ich nach Hause kam, fand ich einen Brief von H. C. Oersted. Ihr lebtet Alle!! O wie dankte ich Gott; wie freute ich mich! Selbst daß Euer Haus abgebrannt, konnte meine Freude nicht stören. Kurz darauf bekam ich Deinen Brief. O schreibe mir bald mehr. Detaillire mir Alles, liebe Christiane! ich schließe hier nicht. Ich beginne jetzt den Brief an meine Schwester (denn ich bin zwischen Euch getheilt); daraus wirst Du meinen übrigen Zustand erfahren.
Dein
Oehlenschläger.
Ein Brief von Baggesen.