Kurz darauf kam Baggesen nach Paris; er hatte fast ein ganzes Jahr in dem Hause meines Schwagers, A. S. Oersted gelebt; seinen halberwachsenen Sohn August hatte mein Vater zu sich genommen, und ein Paar Jahre wie sein eignes Kind gepflegt; Ursachen genug für Baggesen, günstig gegen Sophien's Bruder, gegen den Sohn des alten Oehlenschläger und gegen den jungen Dichter gestimmt zu sein, der kurz vorher zu seiner Ehre ein Fest veranstaltet und ein Lied geschrieben hatte. Aber ich sehnte mich doch nicht nach ihm. Er hatte mir vorher einen gedruckten Reimbrief nach Paris gesandt, dem voran geschrieben stand:
„In dem Zimmer meiner besten, verehrten und inniggeliebten dänischen Freundin, Deiner göttlichen Schwester — nachdem ich mit ihr, ihrem Manne, Schwager Christian und Tine Deinen Geburtstag gefeiert hatte.“
Und am Schlusse:
„Ich würde zuviel zu erzählen haben, mein Oehlenschläger, wenn ich davon sprechen sollte, wo und wie ich die drei letzten Monate zugebracht habe. Davon muß Alles oder gar nichts erzählt werden. Ich erspare es mir auf eine Reihe mündlicher Unterhaltungen.
Wunderbar genug sind unsere wirklichen Ereignisse, nachdem sie lange, fast ins Unendliche hinaus auseinander gegangen waren, zusammengetroffen. Ich weiß nicht weshalb; aber ich habe die eigenthümliche, innere Ueberzeugung, daß nicht allein ich zu dem sympathetischen Punkt zurückgekehrt bin, von dem wir Beide ausgingen.
Ich beabsichtige von hier am 1. December fortzureisen und vor Neujahr in Paris zu sein.
Meine Sehnsucht nach meiner Fanny und meinem Paul und meinem und Sophien's Bruder ist unbeschreiblich. Ich habe viel Angst und Unruhe in dieser Zeit ausgestanden, weil ich nicht reisen konnte. Du wirst vielleicht meiner Frau die bisherige Unmöglichkeit erklären können; selbst mein Leben und nicht nur meine Freiheit war in Gefahr.
Ich bitte Dich innig, meine Frau in Marly zu besuchen (Marly la machine — le village sur la hauteur — près St. Germain). Erzähle ihr das Entsetzen, das wir hier ausgestanden haben, meinen heftigen Rückfall und Deutschlands Zerstörung. Küsse und drücke ihre Hand für mich, und sage ihr, wie ungeduldig ich mich darnach sehne, an Deiner Stelle zu sein. Sage ihr, daß ich es nie wagen durfte, ihr die reine Wahrheit in meinem Briefe zu schreiben.
Warum bin ich nicht bereits in Paris, um Dir den raschesten Genuß alles Dessen zu erleichtern, was daselbst Deines Geistes und Deines Herzens werth ist!