„Baggesen besitzt gewiß alle die Talente, die zu einem ausgezeichneten Dichter erforderlich sind; aber es fehlt ihm die innere Einheit, die viele Talente zu einem Genie macht. Deßhalb sieht man auch, wie sich alle Dichterelemente in seinen Arbeiten jagen, Alles in einer unaufhörlichen Bewegung, einem poetischen Chaos, dem der verbindende Geist fehlt, so daß es nie zu einer wahren Organisation gelangt. Wenn der Zusammenstoß der Atome hie und da in dem großen Meere, seinen Gedichten, es zu einer kleinen, schwachen Organisation gebracht hat, so weiß er doch stets durch Verbesserung in einer neuen Ausgabe sie wieder aufzulösen, daß daraus die Einheit wieder herausgebracht wird. Dies hat er z. B. in dem kleinen Gedichte, der Trost, gemacht, das in der ersten Ausgabe damit anfängt, in der ganzen Natur ein Symbol des Todes und des Grabes zu sehen; darauf steigt er in das Grab selbst hinab, und schließt mit Himmel, Seligkeit, Ewigkeit. In der zweiten Ausgabe verschwindet der feine Faden, der Alles verband, und der ganze kleine wehmüthige Erguß wird — Wasser. Es ist meine volle Ueberzeugung, daß die Natur Keinem Genie verleiht; sie rüstet den Menschen mit mehreren oder wenigeren Talenten aus; aber selbst die größten werden nur Talente, wenn nicht künstlerisches Rechtsgefühl, wahre Liebe für Kunst und Wissenschaft hinzutritt, so daß man ohne Rücksicht der Vortheile und Verbindungen, oder etwas noch Niedrigeres, stets in seiner Kunst und Wissenschaft lebt. —
Ich muß Dir erzählen, daß Baggesen einen Sohn hat, der ein vortrefflicher Knabe ist und so viel Character und Verstand besitzt, daß der Vater oft von Herzen wünschen müßte, zu haben, was er hat. Er gleicht ihm indessen sehr, doch ist es wohl die Schweizernatur der Mutter, die ihm die Kraft verliehen hat. Er ist ganz entschlossen Krieger zu werden, und ich habe ihn mit bewundernswürdigem Verstande auf die Einwendungen antworten hören, die man ihm gegen die Wahl dieses Standes machte.“
So wurde Baggesen beurtheilt, nicht allein im Kreise meiner Freunde (der aus einigen der ausgezeichnetsten Männer der dänischen Literatur bestand), sondern von den meisten geistvollen, gebildeten Menschen. Indessen hatte er doch meine Schwester zu gewinnen gewußt. Und war dies ein Wunder? Er gewann ja kurz darauf in Paris, trotz Dem, was ich von ihm wußte, auch mich. Es war fast nicht möglich, kalt gegen ihn zu bleiben, wenn er es recht darauf anlegte, einen Menschen zu gewinnen, so liebenswürdig konnte er sein. War es daher nicht natürlich, daß er auch sie gewann, die er bis in die Wolken erhob und in deren Umgang er damals seine größte Glückseligkeit fand? Als ein Frauenzimmer, obgleich sehr gebildet und geistvoll, war sie — nicht (wie Baggesen selbst zu Christiane sagte) „sehr unwissend,“ aber wohl unwissend im Betreff der literarischen Verhältnisse und der Rolle, die Baggesen selbst darin spielte. Wenn sie ihn nun auch oft sehr tadeln hörte und selbst zuweilen seine Schwächen entdeckte, so gefiel und schmeichelte es ihr wohl auf der andern Seite, daß sie so großen Einfluß auf einen so berühmten und talentvollen Mann mit einem so großen Namen hatte, der sich darein fand, oft ganz kindlich und gehorsam bei ihr in die Schule zu gehen, und geduldig ihren Tadel und ihre Winke entgegennahm, und für die Zukunft Besserung versprach. Es währte nicht lange, so öffneten sich auch Sophien die Augen, damals aber ging sie noch, was Baggesen betraf, im Traum, und es gefiel ihr, ihm Geschmack für das Bessere in einer Kunst beibringen zu können, in welcher er sich einen berühmten Namen erworben hatte, ehe sie geboren wurde.
Zusammenleben mit Baggesen in Paris.
Als Baggesen nach Paris kam, hatte ich mir vorgenommen kalt und zurückhaltend gegen ihn zu sein, aber daraus wurde nichts. Als er zu mir ins Zimmer trat und ich sagte: „Guten Tag, Herr Professor Baggesen!“ rief er weinend: „Nicht so! Du, Du!“ Damit drückte er mich in seine Arme und netzte mein Gesicht mit seinen Thränen indem er mich wiederholt küßte. Es ging mir, wie so vielen Andern; dies schöne augenblickliche Gefühl rührte mich; er hatte mich wiedergewonnen. Wir gingen in Paris fast täglich mit einander um, und der Eine sagte dem Andern nicht ein unangenehmes Wort. Baggesen war ein Chamäleon, das seine Farbe von seiner Umgebung nahm. Er merkte hier bald in unserem Zirkel, daß Einbildung und eine halb französische halb Wieland'sche Aesthetik nichts nützte. — Er wurde also bescheiden, fühlte wohl auch — für den Augenblick, daß ich mich auf Tragödien und Schauspiele besser verstehe, wie er und äußerte selbst einmal: „Ich schäme mich nicht, von Dir zu lernen, obgleich ich der Aeltere bin.“ — Als ich ihm meinen Palnatoke vorlas, warf er sich entzückt vor mir auf die Knie. „Pfui Baggesen!“ sagte ich, „solche Uebertreibung kann ich nicht leiden! Laß das Feuer ruhig, aber stetig brennen.“ — Ein Jahr darauf, als er mich fast wahnsinnig, wie einen Elenden, angriff, der nichts Ordentliches wisse oder könne, hieß es: er sei in Paris vor mir auf die Knie gefallen, um mich zu überreden, die Fehler des Stückes abzuändern.
Da es ihm nun damals darum zu thun war, mich zu gewinnen, so gewann er mich auch, denn ich habe keinen Menschen gekannt, der sich so einzuschmeicheln wußte, wobei ihm sein augenblicklich leichtes Gefühl, sein Witz und seine Beredtsamkeit gut zu statten kamen. Et hatte damals auch noch nicht so stark gesündigt; und wer sähe nicht gern vielen kleinen Schwächen durch die Finger, um einen solchen Gesellschafter zu haben?
Baggesen war eigentlich ein Improvisator; Alles war bei ihm das Kind des Augenblickes und auf die augenblickliche Wirkung berechnet. Ich fühlte selbst, um wieviel unterhaltender er in Gesellschaften sein müsse als ich, der ich nicht mittheilend und laut bin, sondern verlegen schweige, und nur leise mit meinem Nachbar spreche. Erst unter Freunden, eigentlich nur zu Zweien werde ich begeistert und beredt; oder auch als Lehrer vom Katheder, wenn auch noch so Viele zugegen sind. Baggesen war also ein Improvisator, und als solchem durfte man es ihm nicht übelnehmen, daß er einen Haufen Dichtung in seine geselligen historischen Erzählungen einmischte; denn der Gesellschaftssaal war, wie gesagt, größtentheils sein poetisches Arbeitszimmer, wo er häufig die Horazische Regel geltend machte: veris falsa, oder eigentlich: vera falsis remiscet. Hierdurch erlangten seine Erzählungen freilich an Interesse, das wir Andern, die sich an die nüchterne Wirklichkeit hielten, ihnen nicht geben konnten. Was er Schönes und Gutes gedichtet hat, sind, wenn nicht geistvolle Gelegenheitsgedichte, so doch gewöhnlich die Geburten einer kurzen, glücklichen Stimmung. Zu größeren Werken, die Anstrengung und eine anhaltende Begeisterung erforderten, hatte er weder Kraft, noch Fleiß oder Lust. Deshalb sind die meisten derselben nur Fragmente geblieben. In seinen größeren Arbeiten können wir freilich viele einzelne Schönheiten bewundern; wo er aber ernst ohne Humor sein will, ist er größtentheils schwülstig und affectirt.