Eines Abends spät war er bei mir und erzählte mir von seinen Schuljahren, wie er einmal, seiner Versicherung nach ganz unschuldig, eine harte Strafe hatte erdulden müssen. Dies schilderte er so lebendig und mit so rührenden Zügen, das ich zuletzt höchst erbittert ausrief: „Ich wollte wünschen, ich hätte den alten grausamen Rector hier, ich wollte ihm mores lehren!“ — Indessen wurde es spät. — „Baggesen!“ sagte ich, „willst Du die Nacht über hierbleiben, so werde ich Dir ein Zimmer verschaffen, denn mein Bett ist für zwei zu klein.“ — „„Nein, das ist unmöglich,““ sagte er, „„ich muß durchaus noch heute Abend nach Marly.““ Darauf fuhr er wieder zu erzählen fort, bis es so spät ward, daß er nothwendig bei mir bleiben mußte. Wir stopften uns in das schmale Bett, wie Anchiovis in einem Fäßchen; und da wir nicht schlafen konnten, lagen wir die halbe Nacht und sprachen in Reimen mit einander bis wir endlich von Müdigkeit und Mattigkeit mehr betäubt wurden, als daß wir einschliefen. Früh am Morgen erwachte ich wieder und wunderte mich über das große, fahle, pockennarbige aber doch höchst interessante Gesicht, das neben mir war. Als er erwachte, war er wieder eben so munter. Wir tranken unsern Kaffee zusammen und sprachen lustig und freundlich mit einander.

Eines Tages fand er Holberg's dänische Geschichte bei mir und nahm sie nach Marly mit. Als wir uns das nächste Mal sahen, sagte er: „Nun habe ich auch ein Sujet zu einer nordischen Tragödie gefunden.“ — „„Na, das ist recht,““ antwortete ich. — „Eigentlich werden es drei Tragödien!“ — „Und ich habe auch ein Sujet gefunden und will eine Tragödie schreiben!“ (Axel und Valborg). — „Hm!“ — sagte er, launig lächelnd, indem er eine starke Prise Tabak nahm, und sich selbst zum besten hatte, was er oft mit vieler Grazie that. — „Mir ist bange, daß Du mit Deiner einen Tragödie früher fertig wirst, als ich mit allen Dreien!“ — Ich lud Baggesen ein, zu Mittag bei mir zu essen, er nahm die Einladung an und wir gingen zu meiner Wirthin, Madame Gautier, hinunter, die eine sehr gute table d'hôte hat. Obgleich etwa zwanzig französische Gäste da waren, so genirte uns dies doch nicht, da wir beide Dänisch zusammen sprachen, was kein anderer verstand.

Als wir ein Paar Glas Wein getrunken hatten, sagte ich: „Höre Baggesen, nun sollst Du mir den Plan zu Deinen drei Tragödien mittheilen.“ — „„Ja,““ entgegnete er, „„es liegt mir noch zu konfus im Kopf; ich muß es erst ordnen.““ — „Etwas davon mußt Du doch erzählen können,“ fuhr ich fort. — „„Das erste Stück soll Schiffer Clement heißen,““ sagte er, „„aber damit bin ich noch am Allerwenigsten im Reinen.““ — „Dann wollen wir mit dem Ende anfangen,“ sagte ich, „und gleich zu Christian II. kommen.“ — „„Ja,““ sagte er nach einigem Weigern verlegen, „„ich will Dir eine Hauptsituation erzählen. Christian II. geht in den Rath. Dort stehen zwei Becher auf dem Tisch, der eine mit Blut, der andere mit Milch. Es ist bekannt, daß er bald gut, bald böse war. Nun fingire ich, daß er zuweilen, wenn er Milch trank, gut wurde, daß er aber zuweilen von dem Blute trank und dann böse ward. Er ergreift die Mich und alle rufen froh: „Der Gute!“ — Aber er wirft sie verächtlich fort, trinkt von dem Blute und ruft mit finsterm Grimme: „Der Böse!““ —

„Ja,“ sagte ich lachend, „das wird eine treffliche Wirkung thun, besonders wenn die Milch am Boden dahin fließt. Aber höre, mein guter Baggesen“, fuhr ich ernster fort, „was soll denn das sein? ich kann doch nicht voraussetzen, daß Du diese Geschichte erfunden hast, um Dich über den Dichter des Hakon und Palnatoke, der Dich freundlich zu Gast geladen hat, zum Narren zu machen; ich muß also annehmen, daß es eine Phantasterei ist, die Dir einfällt, da Du in Verlegenheit geräthst einen Plan zu erzählen, an den Du nie vorher gedacht hast.“ — „„Ja,““ sagte er verlegen, „„ich gestehe, daß ich nicht viel darüber nachgedacht habe““ — „das Komischste ist,“ fuhr ich fort, „daß Du, der mich in unsern Gesprächen so oft wegen der Einmischung des Uebernatürlichen in ein Mährchen wie Aladdin getadelt hast, es nun selbst in ein ganz historisches Thema hinein bringst, so daß die Sünde des menschlichen freien Willens — dessen Schilderung gerade hier das Poetische sein sollte — zu einer lächerlichen Marionette des übernatürlichen Zwanges wird.“

Er suchte nun so gut er konnte los zu kommen und ich machte ihm die Flucht leicht. Ich zweifle nicht daran, daß es Vergötterer von Baggesen giebt, die in dieser Scene eine hohe Ironie finden werden, welche meine Einfalt nicht zu begreifen im Stande war. Aber ähnliche Geschmacklosigkeit und Unvernunft findet man oft in Baggesen's dramatischen Arbeiten: „Holger Danske“ und „Erik der Gute.“ Ich habe keine dieser Werke bei der Hand, will aber nur zwei Stellen aus dem letzten Stücke unter vielen andern anführen:

Thora wird während der Belagerung Jomsburg's von Thorald in eine Höhle hingewiesen, wo er ihr zu ihrer Beruhigung sagt:

„Du findest alles Nöth'ge hier,“

worauf sie seufzend antwortet:

„Doch meinen Erik nicht!“