In Frau von Staël's Hause war, wie gesagt, ewige Lustigkeit, wenn auch nicht eben immer Freude. Fast jeden Tag waren da prächtige Diners und am Abend Soupers. Ich habe kein Haus gekannt, in dem es so flott zuging. Sie war ungeheuer reich, bekam außerdem ein außerordentlich großes Honorar für ihre Schriften, liebte selbst das gute Leben, und fühlte sich sehr wohl am Ende des Tisches, mit dem Mandelzweige Aaron's in der Hand, der sich am besten dazu eignete, die Tafeln des Testamentes zu schreiben; das war das Katheder, auf dem sie Vorlesungen hielt, und ihre politischen und ästhetischen Verordnungen für eine Schaar ausgezeichneter Männer ausgab, welche — wenn auch nicht immer schwiegen und zugaben — doch wenigstens schwiegen und einnahmen.
Ich konnte jedoch dieses Leben nicht aushalten. Mittags ließ ich es gelten; aber an dem Nachspiele am Abend in die Nacht hinein mochte ich nicht mehr Theil nehmen; ich sehnte mich darnach, allein zu sein, zu lesen. (Des Morgens früh schrieb und dichtete ich, oder ging spazieren.) Ich blieb also in meinem Logis zu Hause, obgleich mir angesagt wurde, mich in den Soirée'n einzufinden. Aber mein eigenes Local war nun natürlich sehr verschieden von den brillanten Salons der Baronesse. Ihr Haushofmeister hatte es mir in größter Eile ohne weitere Rücksicht auf meine Bequemlichkeit verschafft, als wir in die Stadt zogen. Es war ein großes, zugiges Zimmer mit einem Kamin und einem offenen Alkoven. Die Winter können in dem kalten Genf, wo der Wind beständig von den Bergen weht, sehr kalt sein, und dieser Winter war besonders hart. So viel ich auch in den ungeheuren Kamin hineinfeuerte, es half doch Nichts. Endlich fiel es mir ein, mir eine große spanische Wand anzuschaffen. Mit dieser hegte ich einen kleinen Platz vor dem Kamin ein, so wie Robinson Crusoë eine hohe Hecke vor seiner Höhle machte; und wenn ich so fast mit den Füßen und dem halben Körper im Kamin bei dem großen Feuer saß, konnte ich es aushalten. Ich hatte bereits einen Theil des Plutarch, und die ganze Jung-Stilling'sche Gespenstertheorie mit belegenden Spukgeschichten gelesen, ehe ich die Folgen dieser meiner Situation erkannte. Aber als ich am Morgen die Strümpfe anziehen wollte und meine beiden Schienbeine ansah, waren sie voll großer brauner Flecke, und ich hatte die Haut, ohne es zu merken, am Kamin verbrannt. Ich kann also in Wahrheit sagen, daß ich gebraten wurde, ohne warm zu werden.
Das gesellschaftliche Leben in Genf.
Wie ich mir später half, weiß ich nicht mehr; dagegen entsinne ich mich, einer andern schnurrigen Begebenheit, die mir in diesem Orte begegnete. Ich war auf einem Ball gewesen, wo Genfs ganze — wahrscheinlich vornehme Jugend versammelt war. Wenn auch gleich Genf eine Bürgerstadt ist, so giebt es doch wohl wenige Städte, in denen das hochmüthige Kastenwesen lange Zeit hindurch mit größerer Pedanterie beobachtet wurde, als hier. Als Fremder, als Dichter, als ein Freund der Frau von Staël wurde ich natürlich überall eingeladen. Aber es ging mir hier so, wie in Berlin mit Reichardt; ich begleitete die Baronesse Staël und bekümmerte mich nicht weiter darum, zu wem ich kam. Ich machte keine Visiten, und außer dem Namen Pictet habe ich alle die übrigen vergessen. Auf diesem Balle wunderten die jungen Damen sich darüber, daß ich nicht tanze, und wollten mir gar nicht glauben, als ich versicherte, ich könne nicht tanzen. Es wurde sehr rasch gewalzt. Dieser Tanz schien mir leicht zu erlernen zu sein; ein Bekannter versicherte mir, daß Nichts leichter sei, und versprach mir einen vortrefflichen Tanzmeister zu senden, der mir in wenigen Stunden die nöthigen Pas beibringen würde, so daß ich bei dem nächsten Balle an dem allgemeinen Vergnügen Theil nehmen könne.
Der Tanzmeister.
Der Tanzmeister kam am nächsten Morgen. Hoffmann hatte damals noch nicht seine berühmten Berliner-Thee-Pumpernicker-satanischen Gespenstergeschichten geschrieben; aber man hätte glauben sollen, daß dieser kleine, magere, braune, spitznäsige, leichtfüßige Piemonteser bei dem Urtypus Modell gestanden hätte, der sich als Triebrad in Hoffmann's Schriften bewegt. Mit der Violine unterm Arm, machte er mir die bekannten dämonischen, ironischen Verbeugungen und forderte mich gleich auf, den Walzer anzufangen, nachdem er mir die Pas gezeigt hatte. Kaum hatte ich angefangen, als ich zu meinem Schreck, indem ich über die Straße hinüberblickte, eine Menge Mädchenköpfe in den Fenstern des gegenüberliegenden Hauses entdeckte. Daselbst war nämlich ein Mädcheninstitut, und nun eilten diese lieben Kinder natürlich, um das Wunder, den nordischen Bären, oder Dichter, was er war, in seinem dreißigsten Jahre tanzen lernen zu sehen. Ich kann darauf schwören, daß es dunkel vor meinen Augen wurde. Das Erste was ich that, als ich wieder zur Besinnung kam, war, daß ich den großen Schirm vornahm, und dadurch mit Hülfe des Tanzmeisters die Fenster verschanzte. Hierdurch entstand ein künstliches Halbdunkel, in dem der Hofmann'sche Dämon mit der Violine am Kinn und der grinsenden Miene sich noch diabolischer ausnahm. Kaum hatte ich ein paar Wendungen gemacht, so wurde mir schwindlich (ich kann es durchaus nicht vertragen, mich so zu drehen). Die Angst, mich vor den Mädchen drüben lächerlich zu machen, trug gewiß auch ihr Theil dazu bei, — und da dies Alles nun noch von dem maliciösen Bogenstrich meines Paganini begleitet wurde, so prallte ich gegen die Kante des Kamines an, und hätte mir beinahe die Hirnschale eingeschlagen. — Kaum war ich gerettet und wieder zu mir selbst gekommen, so griff ich in die Tasche und nahm den Louisd'or heraus, um den wir für den Unterricht eines Monats einig geworden waren, reichte ihn ihm, dankte für gütige Unterweisung, und versicherte auf das Bestimmteste, das hiermit unsere Lehrstunden vorüber seien. Ohne die geringsten Einwendungen zu machen, nahm der Kobold das Goldstück mit seinen schwärzlichen magern Fingern, verbeugte sich tief und verschwand.
Gedenkblätter von der Staël, Sismondi und Constant.
Als der Frühling kam, und die Vögel wieder umherflatterten, breitete auch ich meine Fittige aus, um über die Alpen zu fliegen. Die Jungfrau, jenseits des Genfersee's, hatte bereits, gleich einer schönen, kalten Blondine, lange mit mir aus der Ferne coquettirt, und trotz ihres geheimen Pflegmas, Oel ins Feuer gegossen; denn wenn ich sie liebevoll ansah, war es mir immer, als ob sie ebenso auf mich blickte. Ich nahm Abschied von Frau von Staël-Holstein, und sie schrieb in mein Stammbuch: