In Florenz hielt ich mich 14 Tage auf und hatte also Gelegenheit, die Merkwürdigkeiten dieser schönen Stadt zu sehen, besonders da ich ohne Gesellschaft war und mich vom Morgen bis Abend damit beschäftigte, Alles von Wichtigkeit kennen zu lernen. Freilich regnete es mehrere Tage stark, dies verhinderte mich aber nicht daran, nach Bruneleschi's großer Domkirche zu gehen und das Basrelief auf den erzenen Thüren des Battisterio zu betrachten. In meiner Romanze, die Rosenbäume, habe ich eine alte Legende mit meinen Erinnerungen an die alte Domkirche vereinigt. Da ich Niemand in Florenz kannte, kurz vorher Benvenuto Cellini's Leben, und vor nicht langer Zeit Boccaccio's Novellen gelesen hatte, so lebte ich hier wie im 5. oder 6. Jahrhundert. Ich ging an jedem Tage an dem Palazzo vecchio vorüber, besuchte die Logen, wo Benvenuto's Perseus steht; ebenso Cosimo de Medicis Statue von Giovanni Bologna; und nichts konnte mich aus dem Traume erwecken. Alles deutete auf die alte Zeit hin. — Ich besuchte die Mönche im Kloster und sah sie in ihrem Laboratorium Heilmittel zubereiten; ich hörte Musik in den Kirchen. Zuweilen begegnete ich einem Leichenzuge mit dem Todten auf offener Bahre; die Priester gingen mit angezündeten Lichtern und die Straßenjungen mit kleinen Düten nebenher, indem sie das herabtröpfelnde Wachs auffingen. Ich sah Michel Angelo's David vor dem Palaste und in den Galerien die langen Büstenreihen der Mediceer, so wie die Büsten der römischen Kaiser, wo Nero's fettes, gemeines Gesicht, und Caligula's unverschämter, spitznasiger Wolfskopf mir so ähnlich schienen, daß sie mich zu einem sonderbaren Einfall verführten. Ich sah mich erst um und als ich mich allein fand, spuckte ich ihnen beiden ins Gesicht. Ich ging oft in dem schönen Hain außerhalb der Stadt spazieren, wo ein Denkmal des Narciß an der Quelle errichtet ist, und hörte die Nachtigall schlagen, was mich sehr erfreute; es war die erste die ich hörte, seitdem ich den Friedrichsberger Garten verlassen hatte. — An dem Sonnabend zwischen Charfreitag und dem Ostertage sah ich den Aufzug mit dem Feuerwagen vor der Domkirche, den ich später in meiner Novelle die Glücksritter benutzt habe. — Das Einzige, was mich aus der alten in die neue Zeit versetzte, war die moderne Opernmusik; denn die Gegenstände selbst: Gerusaleme distrutta und Judith hätten es nicht gethan. Mit meinem Wirth in Aquila nera hatte ich ein Abenteuer, das sich eben so gut in der alten wie in der neuen Zeit hätte zutragen können; denn er betrog mich um Geld.
Man hatte mir sein Haus als das vorzüglichste gelobt, obgleich ich hörte, daß das von Schneider viel besser sei. Der Wirth in Aquila nera kam mir sehr galant, aber auch vornehm entgegen, und erzählte von allen Dänen, die bei ihm gewohnt hatten, besonders von der Dichterin Frau Brun und dem Minister Baron Schubart, der einmal die von Livorno nach Hause reisenden dänischen Matrosen bewirthet hatte, die während der Mahlzeit Hurrah riefen, daß es eine Lust war.
Ein Gaunerstreich.
In den ersten paar Tagen war ich recht zufrieden in Aquila nera. Am dritten Morgen, während ich noch halbwach im Bette lag, hörte ich den Wirth, gleich Jakob von Tyboe auf dem Gange lärmen; er trat sehr geschäftig bei mir ein und bat mich, ihm rasch 5 Louisd'or zu geben; er solle gerade in diesem Augenblicke etwas Gold auszahlen und die Juden hätten wegen des Sabbaths ihre Boutiquen geschlossen. — Ich betrachtete es als eine große Ehre, holte meine kleine Börse und hätte ihm gern mehr gegeben. Solch' ein Mann! der über 30 Jahre der vornehmste Gastwirth in Florenz gewesen war! — Aber er wollte nur 5 Louisd'or haben, das lohne ihm Gott! Sonst wäre ich nicht nach Rom gekommen.
Den Tag darauf wurde das Essen schlechter; ich äußerte mein Mißvergnügen darüber und sagte dem Aufwärter, daß ich mich bei seinem Herrn beklagen werde. „Ah!“ entgegnete dieser und machte mit dem Daumen eine jener ausdrucksvollen Bewegungen, deren die Italiener so viele haben, „il padrono va via!“ — Und nun hörte ich, daß der Mann gerade Bankerott gemacht habe und ein Anderer ihn ablösen solle. — Dieser Andere fing eine neue Rechnung mit mir an und von meinen 5 Louisd'or bekam ich nichts zurück. Freilich begegnete ich einmal dem früheren Wirthe auf der Treppe und erinnerte ihn; aber in seinem vorigen vornehmen Ton sagte er, ohne sich verblüffen zu lassen: „Ach mein Herr! ich habe Sie nicht vergessen; aber ich habe hier viel Geschäfte; das Haus ist groß; die Reihe wird auch an Sie kommen!“ Darauf hatte ich nun keine Zeit zu warten und reiste um 5 Louisd'or leichter ab.
Das Wetter war in der letzten Zeit immer noch schlecht. Um drei Uhr des Morgens fuhr ich am 6. April von Florenz fort. Mein alter französischer Kaufmann, den ich 14 Tage lang nicht gesehen hatte, saß wieder im Wagen und schimpfte auf das italienische Wetter. In einem Hohlwege, ziemlich fern von allen menschlichen Wohnungen, stürzte das eine Maulthier; glücklicherweise kam es wieder auf die Beine. Wir hätten hier wirklich singen können: „Das Maulthier sucht in Nebeln seinen Weg;“ aber wir waren gar nicht aufgelegt zu singen und das hätte uns auch nicht getröstet.
In Siena sah ich die schöne alte Kirche. Unser Kutscher war ein Grobian und ein verrückter Kerl; aber ich nannte ihn doch nicht Schlingel. Außerhalb der Stadt lag ein großer Stein, über den er bald unsern Wagen umgeworfen hätte. Blaß wie eine Leiche im Gesicht und mit funkelnden Augen fing er nun an mit entsetzlichen Flüchen nicht allein alle Einwohner der Stadt, sondern auch ihre Großeltern und Urväter in die tiefste Hölle zu verwünschen.
Der Lago di Bolsena. Schneefall.