Endlich kamen wir nach dem Lago di Bolsena, wo die Menschen alle gelb wie Leder im Gesicht sind, dicke wassersüchtige Wänste tragen, und gezwungen gewesen waren, der schlechten Luft wegen ihre Stadt San Laurento niederzureißen und eine andere weiter oben zu bauen, um nicht vollständig zu crepiren. — Wir fuhren an vielen natürlichen Höhlen vorüber, die mich an Polyphem, Ulysses und Circe, Aeneas und Dido, David und Saul erinnerten. Der beständige Regen verwandelte sich zuletzt in einen Schnee, der fingerdick auf Erde und Bäume fiel. Ich glaubte nun wirklich, daß der Weg nach Tobolsk hinführt und konnte gar nicht fassen, daß wir zwischen Florenz und Rom seien. Aber mein alter Franzose wurde immer froher und froher, weil er nun mit Recht auf Italien schimpfen konnte. Auf unserer ersten Reise in den schönen Tagen, wo Alles lächelte und blühte, war er ganz ärgerlich und verstimmt; er hatte sich damals an nichts Anderes, als an die schlechte Bewirthung und an die großen Ochsenhörner halten können; nun dagegen konnte er aus Herzenslust über „le beau sol d'Italie“ spotten, und dies erleichterte und tröstete ihn unendlich.
In Montefiascone wurde wieder magro gegessen. Wir fragten, ob wir denn gar nicht etwas grasso erhalten könnten? Ein junger Römer, der in der Küche stand und sehr eifrig Eier aß, sagte: „Wir sind hier in einem christlichen Lande, in einem christlichen Lande ißt man am Sonnabend kein Fleisch.“ Mein alter Franzose fragte ihn: „ob er denn glaube, daß wir Juden seien? er solle seine Eier essen und sich nicht um die Diät anderer Leute kümmern.“ Der Italiener sagte, er hätte nur generalmente gesprochen. Ich antwortete: „er würde am besten thun specialmente bescheiden zu sein und generalmente andere Leute essen zu lassen, was sie wollten.“ Darauf ging er sehr höflich rasch seines Weges.
Johannes de Fugger's Grabschrift.
Während wir bei der schlechten Mahlzeit und bei dem noch schlechteren Weine saßen, kam ein deutscher Reisender von der Kirche, wo er das Grab eines berühmten Landsmannes gesehen hatte. Andere Zeiten, andere Sitten und hier wahrscheinlich anderer Wein. Jener deutsche Prälat reiste früher in diesen Gegenden umher, gerade um guten Wein zu finden. Wo er ihn fand, weilte er eine Zeitlang und schrieb an seine Thüre: „Est.“ Besonders in Montefiascone mußte ihm der Traubensaft geschmeckt haben; denn er hatte sich dort zu Tode getrunken und sein Diener setzte ihm folgendes Epitaph:
„Est, est, est!
Propter nimium est
Hic Johannes Fugger,
Dominus meus, mortuus est.“
Hätten wir viel von dem jetzigen Wein getrunken, so wäre es uns wahrscheinlich ebenso gegangen wie dem seligen de Fugger bei dem Baron von Montefiascone.
Ein Ehepaar.
In Ronziglione ging der Wagen entzwei; wir dankten Gott, daß es nicht mitten auf der Landstraße geschehen war. Während der Kutscher ihn wieder mit Stricken zusammen band, suchte ich in einem kleinen Stalle Schutz vor dem Platzregen, wo ich ein Schaf und einen Esel an die Krippe gebunden fand. Meine müßige Phantasie, von Göttern und Menschen verlassen, ließ mich in diesen Thieren ein altes ehrwürdiges Ehepaar sehen. Der Esel schien mir der Mann, etwas bejahrt, mit vieler Menschenkenntniß, aber zurückhaltend und wenig sprechend, obgleich seine philosophische Miene zeigte, daß es ihm nicht an Nachdenken mangelte. Das Schaf, seine Frau, schien in ihren jungen Jahren eine hübsche Blondine gewesen zu sein; nun hatte aber ihr Teint sehr gelitten und war etwas ins Gelbliche gefallen. Sie schien nicht viel Geist zu besitzen, hatte aber ein gutmüthiges Wesen. Ich fragte den Mann, ob er die neuesten Zeitungen gelesen habe? — Ob es wahr wäre, daß der König von Schweden abgesetzt sei? — Er schwieg. — Ich verdachte es ihm nicht; wer mochte wohl damals, wo das Spionirwesen so stark im Schwunge war, sich mit einem wildfremden Menschen in einen politischen Discurs einlassen? Ich gab dem Gespräch eine andere Wendung, näherte mich der Frau und lobte die italienischen Naturschönheiten. — Sie schwieg — vielleicht aus Bescheidenheit: vielleicht glaubte sie, es sei Spott, weil wir armen Ultramontanen so lange Zeit hindurch das elendste Wetter in Italien gehabt hatten. Darauf fing ich ein galantes Gespräch mit ihr an, lobte ihren blonden Teint und sagte: sie gliche mehr einer Nordländerin als einer Italienerin; ohne Zweifel flösse lombardisches Blut in ihren Adern. — Sie lächelte gerührt. — Gerne hätte ich noch länger bei diesen braven Eheleuten geweilt, die mir so durchaus die Geschichte von „Philemon und Baucis“ ins Gedächtniß zurückriefen; aber — der Wagen war mit Stricken zusammengebunden und wir mußten fort. — Das ist das Unangenehme bei Reisen; kaum ist ein angenehmes Freundschaftsband geknüpft, so wird es bald wieder zerrissen.