Der Ort selbst, die Ruinen und Statuen aus der antiken Zeit, die Paläste und Gemälde aus dem Mittelalter, die südliche Natur, das Volk, die Menge fremder Künstler und Reisender, die blühenden Weiber, Alles vereinigt sich, um Rom interessant zu machen. Aber man muß das Alterthum und die Kunst lieben, wenn man sich hier recht unterhalten soll; denn Rom hat nur wenig von den Vergnügungen einer Hauptstadt, die Carnevalszeit ausgenommen, und die war vorüber.


In Rom; Thorwaldsen. — Die Gebrüder Riepenhausen.

Wir hatten in den ersten Wochen schlechtes Wetter und der Scirocco blies oft heiß. Ich suchte gleich meinen Freund Koës auf, der hier ein ganzes Jahr gewesen war und ging mit ihm nach Thorwaldsen's Werkstatt. Wie froh erstaunte ich nicht, als ich seinen Jason und alle die herrlichen Werke sah. Ich kannte bisher Nichts von seinen Arbeiten und hatte ihn selbst nie gesehen. Wie ich nun vertieft in der Betrachtung dastand und endlich das Auge nach der Seite hinrichtete, bemerkte ich einen ziemlich schlecht gekleideten Mann mit einem regelmäßigen, geistvollen Gesichte, schönen blauen Augen, mit thonbespritzten Stiefeln, der neben mir stand und mich aufmerksam betrachtete. „Thorwaldsen!“ rief ich. „„Oehlenschläger!““ rief er. Wir umarmten und küßten einander und von dem Augenblicke an war die Brüderschaft geschlossen. Ein unbeschreibliches Gefühl durchströmte mich. Ich dachte an unsere barbarischen Voreltern, welche früher ohne Kunstsinn Rom so oft zerstört hatten. Nun umarmten zwei dänische Künstler sich, deren Einer mit den edelsten Griechen sich messen konnte; und in der Brust des Jüngern brannte wenigstens eine kräftige, liebevolle Flamme und jugendlicher Muth, um etwas mehr als das Gewöhnliche zu versuchen. Thorwaldsen und ich gingen seitdem täglich um, und damit wir uns um so seltener zu trennen brauchten, gaben wir uns bei den Malern Riepenhausen in Kost, welche versprachen, uns für billige Bezahlung das Mittagessen zu besorgen. In den Brüdern Riepenhausen fand ich Männer von Talent, besonders in Christel, dem Jüngeren. Sie führten jedes Werk in brüderlicher Vereinigung aus. Damals malten sie eigentlich nicht, sie zeichneten mit schwarzer und weißer Kreide ihre eigenen Compositionen. Sie hatten viele Copieen von alten italienischen Bildern gemacht und man durfte sich nicht darüber wundern, wenn sich zuweilen in ihre Ideen einige Reminiscenzen mischten. Uebrigens waren sie Anhänger der neuen Schule und wir stimmten also nicht immer in unseren Ansichten überein. Thorwaldsen achtete ihr Talent, ohne gerade mit ihnen zu sympathisiren. Einmal als er Mittags mit mir hinkam, lag eine neue Zeichnung von ihnen auf dem Tische. Thorwaldsen betrachtete sie aufmerksam. „Wie findest Du es, Thorwaldsen?“ fragte Christel bescheiden — „„Es ist sehr hübsch.““ — „Findest Du keinen Fehler darin?“ — „„Hm!““ — Christel gab ihm die schwarze Kreide in die Hand; und nun markirte er mit ein paar kühnen Strichen Beine, Kniee, Füße, Ellenbogen und Hände der Figuren, und dadurch hatten sie in einem Augenblick, ehe die Suppe auf den Tisch kam, viel gewonnen.

Ihre Bedeutung als Maler.

Thorwaldsen hatte seinem Vaterlande zu danken, daß er bereits als Knabe unter dem ausgezeichneten Abildgaard vortrefflich zeichnen gelernt hatte, der nicht viel productives Genie besaß, aber das Technische verstand. Später brachte der Meister selbst es zur Vollkommenheit sowohl in der wahren, als in der schönen Natur. Riepenhausen's hatten nie richtig zeichnen gelernt und gewöhnten sich erst nach und nach durch practische Uebung daran, ohne es darin doch weit zu bringen. Sie hatten auch nie malen gelernt. Aber Christel hatte Genie, und das weiß immer trotz Hindernissen und Mängeln durchzudringen. Wenn man eine gerade Linie durch die Bilder der Brüder zog, welche sie in einen obern und untern Theil trennte, so war der obere Theil stets ungleich besser, als der untere, denn die Köpfe konnten sie zeichnen und in diese legten sie den poetischen und characteristischen Ausdruck, der die Verdienste ihrer Bilder ausmachte. An die Köpfe schlossen sich die Schultern und Oberkörper einigermaßen gut an, aber das Untere war oft ganz verzeichnet und die Figuren standen gewöhnlich schlecht auf ihren Füßen. Einmal saß ich bei Christel, als er eine weibliche Figur malte. „Den Fuß müssen Sie kleiner und hübscher machen,“ sagte ich. — „„So?““ — „Noch mehr!“ — Endlich wurde der Fuß nach meinem Wunsch, und Christel mußte gestehen, daß ich Recht hatte. Ich wunderte mich darüber, daß er sich so hatte verzeichnen können; denn mir schien, als ob Das, was ich bemerkt hatte, Jedem auffallen mußte, der einen Blick für schöne, edle Formen hatte.

Thorwaldsen zeigte mir viele Kunstwerke, und es freute mich, daß er mir in meinen Ansichten über diese Recht gab, indem er mich zugleich lehrte, das Technische besser zu verstehen. Ich las ihm mehrere meiner Gedichte vor und sie gefielen ihm.


Zusammentreffen mit der Dichterin Brun.

Die Dichterin Frau Brun traf ich mit ihren Töchtern Ida und Auguste und ihrem Sohne Carl wieder in Rom. Dieser Letztere verließ uns bald nach meiner Ankunft, und reiste wieder nach Hause. Ich fuhr oft mit den dänischen Freundinnen aus und sah die Merkwürdigkeiten der Stadt. Die gute Frau Brun lebte ganz mit Leib und Seele in der antiken Welt, kannte jeden alten Steinhaufen, jede Ruine, und es war mir außerordentlich lieb, durch ihren beredten Mund Vieles auf leichte, angenehme Weise zu lernen. Ich selbst hatte, wie der Leser weiß, keine sonderliche Lust, in der Mittagshitze nach allen Sehenswürdigkeiten umher zu laufen. Thorwaldsen ging es ebenso. Wenn die Rede auf dergleichen Dinge kam, pflegte er zu sagen: „In dem ersten Jahre, in dem ich hier war (also vor 20 Jahren) besah ich auch Alles; jetzt kann ich Dir keinen ordentlichen Bescheid darüber geben.“ In den großen schönen Kirchen, im Vatican und in der Bildergalerie ging ich oft umher, wenn ich es in der Kühle und Ruhe thun konnte. Nun fuhr ich auch mit Frau Brun aus und bekam dadurch Vieles zu sehen, was sonst wohl nicht geschehen wäre. Aber ich war ihr nicht eifrig genug in meiner Liebe zu den alten Steinhaufen, und deßhalb neckte mich meine Freundin oft scherzend, und ich sie wieder, wenn sie mir zu begeistert vorkam.