Ein Wassertanz.
Bei Riepenhausen's versammelte sich nach und nach eine größere Anzahl junger deutscher Künstler und Gelehrter: Beaulieu, Kestner, Mayer aus Hannover und Schlosser aus Frankfurt. Mit Einigen von diesen und mit Koës machte ich eine Lustfahrt nach Tivoli, um die Ueberreste von Horaz'-Bad, die Hadrianische Villa und besonders — den berühmten Wasserfall zu sehen.
Zu diesem Wasserfalle muß man über einen schmalen Fußsteig ohne Geländer gehen. Linker Hand stürzt der Strom in einen bodenlosen Abgrund, auf der Rechten ist er ein kleines stillstehendes Wasser. Wenn man hinübergekommen ist, sieht man den unendlichen, schneeweiß schäumenden Fluß sich aus der Höhlung herauswälzen. Ein seltenes, schönes und feierliches Bild!
Als ich meine Augen an diesem herrlichen Schauspiele gesättigt hatte und glücklich über den schmalen Steg zurückgekommen war, entdeckte ich Christel Riepenhausen, der nicht mit uns Andern hinübergegangen, sondern auf dem fernen Ufer zurückgeblieben war, und sich mit dem begnügte, was er von ferne sehen konnte. „Warum stehen Sie da drüben, wie ein Huhn, das mit den Enten nicht ins Wasser gehen darf?“ fragte ich ausgelassen — „„Ich habe es schon so oft gesehen,““ antwortete er, „„ich habe keine Lust, heute hinüber zu gehen.““ — „Nun sollen Sie sehen, daß ich über den schmalen Steg hinübertanze!“ rief ich übermüthig. — Ich tanzte wirklich glücklich hinüber; aber als ich zurück wollte, machte ich (der ich nicht einmal auf der ebenen Erde tanzen konnte) einen Fehltritt, glitt aus — und war im Begriff, in den Wasserfall hinabzustürzen. Mit der Schnelligkeit des Blitzes dachte ich „Du mußt hinab! wirf Dich über den Steg in das ruhige Wasser, da kannst Du vielleicht gerettet werden.“ — Ich stürzte mich fast auf den Kopf hinüber, kam wieder herauf und griff mit beiden Händen um mich. Ein Freund faßte mich am Kragen. Triefend naß stand ich wieder zwischen meinen entsetzten, bleichen Gefährten, und ehe sie sich fassen konnten, rief ich folgende Verse aus Schiller's Taucher:
„Hoch lebe der König! Es freue sich,
Wer da athmet im rosigen Licht;
Da unten aber ist's fürchterlich,
Und der Mensch versuche die Götter nicht.
Und begehre nimmer und nimmer zu schauen,
Was sie gnädig bedecken mit Macht und mit Grauen.“
„Nun wollen wir laufen,“ fuhr ich fort, „damit ich nicht das Fieber bekomme.“ Darauf lief ich, was ich konnte, zum Wirthshaus hinauf, und die Andern folgten schweigend. Christel hatte mich hinuntergleiten sehen, das Antlitz fortgewandt, und ausgerufen: „Ich sehe ihn nie wieder.“ Als ich ins Wirthshaus hinauf kam und mich ausgekleidet hatte, gaben sie mir Jacke und Pantalons von Flanell, welche mir gute Dienste thaten. Nun gingen die Anderen, froh darüber, daß ich gerettet war, zu Tisch, aber ich konnte Nichts essen. Ich legte mich in einem Nebenzimmer aufs Bett, und als ich von dort den entsetzlichen Wasserfall in der Tiefe brausen hörte, faltete ich meine Hände, und dankte Gott für meine Rettung.
Ein Unglückstag.
Am Nachmittag, als wir durch die Stadt gingen, zeigten die Leute mit Fingern auf mich und sagten: „Dort geht der Herr, der in die Cascade gefallen ist, ohne zu ertrinken!“ Es war dies ein unerhörter Zufall und manche Leichtsinnige waren bereits von der Tiefe verschlungen worden.
Aber ich war an demselben Nachmittage wieder in Lebensgefahr; denn als wir auf Eseln den Fels hinaufritten, hätte mich einer der Andern mit seinem Esel beinahe in den Abgrund hinabgestürzt, indem er jubelnd von meiner Rettung beim Wasserfalle sprach. „Laß mich nach Hause!“ rief ich, „es ist heute ein gefährlicher Tag für mich.“ Aber der Abend war schön und ruhig, und als ich in dem alten Garten, der dem Hause Este gehört hatte, unter den großen Cypressen stand, und die Sonne in all' ihrer Herrlichkeit untergehen sah, fühlte ich mich tief ergriffen. Ein Jahr darauf suchte ich das Andenken in einem Gedichte „Rückblick auf Rom,“ auszudrücken, wo ich jene Begebenheit beschrieben habe.