Das römische Volk.
Damit man doch nicht glauben solle, daß ich, wie ein Archenholz, nur Italiens Schattenseite gesehen habe, will ich gern gestehen, daß das römische Volk mir im Ganzen genommen gut gefallen hat, das heißt, nicht die Vornehmen; denn diese sind verblüht (obgleich die Frauen noch körperlich schön blühen), sondern das Volk, in dem noch Kraft, Munterkeit, Naivetät und eine glückliche Anlage, Alles leicht aufzufassen, wohnt. Der gewöhnliche Mann ist lustig, gutmüthig und durchaus nicht falsch. Viele kalte Ultramontanen sind bedeutend falscher. Aber rachsüchtig ist der Italiener, größtentheils aus eifersüchtiger Liebe; und da kann er sogar böse und heimtückisch werden, wie ein toller Hund, der im gesunden Zustande treu und freundlich ist. Der Zorn brennt heftiger in dem warmen Blute dort, als bei uns. In Marino sah ich in einem Kruge zwei junge Bauerburschen im Kampf mit einander. Sie waren beim Weine uneins geworden, sprangen von den Bänken auf, zogen ihre Jacken ab, wickelten sie wie ein Schild um den linken Arm, und nun suchten sie, mit langen Messern bewaffnet, einander zu verwunden. Der Eine wurde in die Hand gestochen und blutete. Ein Bildhauer oder Maler würde in diesen schönen, zornigen Antlitzen, in diesen edlen Bewegungen schöne Motive zu einer Composition gefunden haben. Endlich sollte Frieden gestiftet werden. Man reichte ihnen gefüllte Gläser. Mit zitternden Händen und todtenbleich stießen sie an. Ein Italiener, der neben mir stand, flüsterte: „Das geht nie gut aus. Einer von Diesen macht den Andern kalt, ehe das Jahr um ist.“
Diese Blutrache ist ein häßlicher Zug den die Italiener mit den schottischen Hochländern gemein haben; aber um wieviel munterer, gutmüthiger, angenehmer sind doch jene, wenn sie nicht gereizt werden.
Frau Brun erzeigte mir viele Gastfreundschaft; in ihrem Hause lernte ich die beiden Barone Rennenkampf kennen. Ich verdankte meiner Landsmännin noch die Bekanntschaft der Frau v. Humboldt. Wie gern hätte ich auch den Minister, ihren Mann, einen der tüchtigsten Aesthetiker Deutschlands kennen gelernt.
Der fünfte Act meines Correggio.
In Rom und in Grotta ferrata dichtete ich meinen Correggio. Ich war bis zum fünften Acte gekommen, als ich in den Wasserfall bei Tivoli stürzte. Wäre ich dort liegen geblieben, so hätte ich den Wienern nicht die Mühe gemacht, diesen Act bei der Aufführung wegzustreichen. Die Erinnerung an diesen Fall gab mir den Stoff zu Lauretta's Liede.
Als der Sommer nicht mehr so heiß, der Himmel kühl und klar geworden war, so daß ich wieder frei athmen konnte, genoß ich auch die Schönheiten Roms und der Umgegend. Acht Tage lang war ich bei Frau Brun in Albano; dort ritten wir am Abend auf Eseln und machten kleine Wallfahrten. Unter Anderm entsinne ich mich eines Besuchs bei den alten Mönchen im Kloster auf dem Berge. Als wir nach Hause ritten und mein Esel ziemlich rasch den Berg hinab lief, hörte ich meine Freundin hart hinter mir hergallopiren; sie rief: „Oehlenschläger! reiten Sie um Gotteswillen nicht so rasch!“ — „„Weßhalb?““ fragte ich — „Wenn Sie rasch reiten, muß ich es auch; denn mein Esel folgt dem ihrigen immer auf den Fersen.“ Ich versuchte nun langsam zu reiten; aber wenn ich und mein Esel in Gedanken verfielen, trabten wir wieder rasch den steilen Bergweg hinab, bis der Ruf der Dichterin oder das Lachen der reizenden Ida uns in der Fahrt anhielten.
Von welch wunderbarem Gefühle wird man erfüllt, wenn man die Gegend dort unten überschaut! An einem kleinen See lag Alba longa. Weiter hin landete Aeneas, ein abenteuerlicher Schiffer, mit einer handvoll trojanischer Matrosen, auf einer fremden Küste, wo sie eine unbedeutende Colonie anlegten. Und aus diesem Funken entstand die große Weltenflamme.