Abschied von Rom.
Als ich Rom verlassen sollte, besuchte ich wehmüthig und einsam zum letzten Male die Kirchen, den Vatican, das Campo vaccino, mit all' den merkwürdigen Ueberresten, Titus' Ehrenpforte, wo man noch in einem fast verwischten Basrelief den siebenarmigen Leuchter sieht. Durch diese Pforte gehen die Juden nicht, sondern um sie herum, auf einem Fußwege. Ich besuchte noch einmal die Villa Borghese, wo ich so oft umhergewandelt war, und wo ich, als ich Correggio dichtete, die Idee zur Scene mit Cölestine erhielt. Denn als ich an einem kühlen Abende da umher ging und dachte, wie ich Correggio auf eine würdige Weise über die Beleidigung erheben sollte, die Octavio ihm zufügte, hielt mich ein Zweig der Lorbeerhecke freundlich am Knopfloche meines Rockes zurück; und der Gedanke fiel mir plötzlich ein „ein schönes, edles Mädchen soll ihm den Lorbeer winden.“
Es that mit recht leid, mich von meinem Sprachlehrer, einem sehr gebildeten und geistreichen Römer zu trennen, dessen Namen ich vergessen, und mit dem ich das Meiste aus Dante's Hölle gelesen habe. Auch von Confidati, meinem vortrefflichen Gesanglehrer, schied ich ungern. Ich hatte mir eine sehr gute Guitarre gekauft, da ich die Absicht hatte, auf diesem Instrumente spielen zu lernen. Aber die Zeit war zu kurz und ich verehrte sie Franz Riepenhausen. Er und sein Bruder zeichneten mich wieder mit schwarzer Kreide sehr ähnlich, und gaben mir das Bild mit. Nach diesem Bilde ist der Kupferstich in Nyerup's Almanach gemacht.
Zwei junge, italienische Mädchen, Kinder der Leute, in deren Hause Riepenhausen's wohnten, spielten mir zum Abschiede eine Pantomime vor, die die Trennung zwischen zwei Geliebten vorstellen sollte. Die jüngste war der Geliebte, die älteste die Liebhaberin. Als diese nun verzweifelt auf einen Stuhl sinken sollte, und nicht leidenschaftlich und betrübt genug war, rief die Jüngste erbittert: „Fatte le smanie, Bestia!“
Den letzten Abend war bei Thorwaldsen Gesellschaft; unter Anderen befand sich mein Landsmann und Vetter, Historienmaler Lund dort, der meine Schwester als Kind Zeichnen gelehrt hatte, als er als Jüngling meine Eltern auf Friedrichsberg besuchte. Wir waren Alle lustig und munter. Einige sangen, und ich sang unter Anderm „Göthe's Musen und Grazien in der Mark,“ nach einer alten, pathetischen Freimaurermelodie mir Rouladen und Trillern, welche dazu beitrugen, die Ironie des Gedichtes zu verstärken. Ich hatte Göthe selbst dieses Lied vorgesungen, und es hatte ihn sehr amüsirt und machte ihm besonders Spaß, wenn ich zuletzt das deutsche harte B und das weiche T gebrauchte und sang: „Wir sind pieder und nadierlich.“ Er wiederholte es lachend und rief laut: „„Pieder und nadierlich, der verfluchte Däne!““ — Hier gefiel das Lied auch, nur nicht dem Christel Riepenhausen, der sich kalt zu seinem Nachbar wandte indem er sagte: „Mir scheint die Melodie nicht passend. Was meinst Du dazu?“ — Dieß verstimmte mich natürlich. — Ich hatte nicht gesungen, um Beifall einzuernten, sondern um mein Scherflein zu der allgemeinen Munterkeit beizutragen. — Bald sollte ich fortreisen und diesen Kreis vielleicht nie wiedersehen, doch vergab ich ihm gern, als er am nächsten Morgen bei Tagesanbruch mich mit den übrigen Freunden, unter denen Thorwaldsen war, ein Stück Wegs zur Stadt hinaus begleitete. Koës reiste mit mir. — Wir wollten Beide den dänischen Minister Schubart in Livorno auf Montenero besuchen. Der Weg führte durch schöne Berggegenden: Wir sahen den malerischen Wasserfall in Terni, kamen durch Perugia, Pietro Vanucci's (Raphael's Lehrers) Geburtsort, und sahen sein Portrait, welches die Einwohner nicht um eine ungeheure Summe hatten verkaufen wollen, so stolz waren sie auf ihren Künstler; d. h. als er todt war. Darauf kamen wir von Cortona und Arezzo (Petrarca's Geburtsort) wieder nach Italiens Blumenstadt, meinem Lieblings-Aufenthalte jenseits der Alpen.
Sowohl jetzt, als das erste Mal, als ich in Florenz war, bekam ich ein Sonett von einem bettelnden Dichter, in welchem stand, daß die Nymphen des Arnoflusses sich über meine Ankunft freuten. Ein solches Sonett, und wahrscheinlich dasselbe, bekommt jeder Reisende und vergilt die Höflichkeit mit dem Honorare einiger Schillinge.
Ein Unzufriedener.
Hatte ich nun auf meiner Hinreise nach Rom einen französischen Kaufmann zum Reisegefährten, der unzufrieden mit dem italienischen Wesen war, und mich oft durch seine üble Laune gestört hatte, so traf ich auf meiner Reise nach Florenz einen deutschen Dito, der viel amüsanter war. Er schimpfte Italien noch heftiger aus als der Franzose, und brauchte noch viel beleidigendere Redensarten; aber mit viel mehr Berechtigung; es geschah nicht aus Nationalhaß, sondern, weil er kein Wort italienisch wußte, nicht das Geringste von den schönen Künsten verstand, und noch weniger als ich die Hitze ertragen konnte. Als reicher Gourmand fand er natürlich alle Wirthshäuser auf dem Wege abscheulich. Uebrigens war es ein außerordentlich freundlicher Mann, der blos um einem mitreisenden, gelehrten Freunde zu dienen, sich darein gefunden hatte, Wien zu verlassen, wo er wie im Paradiese lebte, von lauter gebackenen Hähndeln und delicaten Mehlspeisen umgeben. Nun zog er über die Alpen und schwärmte allerdings wie eine Fliege, die unversehens in eine leere Flasche gekommen ist. — Wir trafen ihn stets in den Wirthshäusern scheltend und fluchend, indem er mit dem Taschentuche das glänzende Antlitz abwischte; denn er war sehr corpulent. Er hatte es sich allmälig bequemer gemacht; zuletzt kam er in einer dünnen, weißen Piqué-Nachtjacke und leinenen Hosen. Es würde mich gar nicht gewundert haben, wenn wir ihn die letzten Male im bloßen Hemde oder später nackt gesehen hätten. Es ging ihm, wie einem schiffbrüchigen Manne, der nach und nach Alles, und doch vergeblich über Bord wirft. Jedesmal, wo er mich in einem Wirthshause traf, fragte er mich: „was er in Italien solle?“ und stets blieb ich ihm die Antwort schuldig. Man sollte nun glauben, daß, da er unaufhörlich schimpfte und fluchte, die Leute des Hauses auf ihn böse geworden wären: aber glücklicherweise geschah dies auf deutsch; sie verstanden ihn nicht und lachten über sein Benehmen, da die Italiener sehr viel Sinn für das Burleske haben. Selbst wenn er rief: „Cattive gente!“ das einzige Italienisch, dessen er sich bediente, schlugen sie ein lautes Gelächter auf. Einige glaubten, er sei verrückt und hatten inniges Mitleid mit ihm. In Allem, worüber er sonst mit uns sprach, wenn es ihn interessirte, zeigte er einen guten natürlichen Verstand, und er war gewiß ein tüchtiger, einsichtsvoller Kaufmann. Aber er fragte immer wieder: „was soll ich in dem verdammten Lande? etwa die alten Steinbilder sehen, die da gegen allen Anstand, ohne die geringste Bekleidung stehen? in die katholische Kirche gehen, während ich doch ein guter Lutheraner bin, um ihr Lirumlarum mit anzuhören? mich von den Wirthen betrügen, von ihrem Ungeziefer beißen lassen, und ihr Gift essen?“ Der gelehrte Freund suchte ihn zwar zu beruhigen und hielt ihm kleine, populäre Vorlesungen; aber das half Nichts. Erst als wir in Florenz bei Schneider's waren, kam er in guten Humor, lud uns zu einer prächtigen Mahlzeit ein, und zeigte sich nun in seiner ganzen Gutmüthigkeit.