Als ich erwachte und mich in dem ungeheuren Raum des teatro della scala statt in meinem engen Bett befand, stand ich auf, um nach Hause zu gehen und den Schlaf auf bequemere Art fortzusetzen. — Ein junger Mensch, der gar kein italienisches Gesicht hatte, stand etwas fern von mir, sah mich fest an, und als ich ihm nahte, fragte er mich bescheiden auf Dänisch, ob mein Name nicht Oehlenschläger sei? — „Ja, mein Herr! — es freut mich, hier einen Landsmann zu treffen! Darf ich auch um Ihren Name bitten?“ — „„Ich heiße Peter Saabye, Sohn des Etatsrath Saabye in Kopenhagen, Ryberg's Associé.““ — „Es freut mich sehr, Sie hier zu treffen, leider reise ich aber morgen bereits wieder fort.“ — „„Das thue ich auch.““ — „Vielleicht nach Rom?“ — „„Nein, nach Kopenhagen.““ „Nach Kopenhagen? Da reise ich auch hin.“ — „„Da können wir vielleicht zusammen reisen?““ — „Das wäre herrlich! aber ich muß erst nach Tübingen, Heidelberg und Weimar.“ — „„Das muß ich auch!““ — „Ah, denn geht es ja ganz schön. Schade, daß wir uns nicht früher getroffen haben, ich bin heute hier angekommen.“ — „„Ich auch.““ — „Von Rom?“ — „„Nein, von Genua.““ — „Hätten wir das gewußt, so hätten wir in demselben Gasthof zusammenwohnen können.“ — „„Wo wohnen Sie?““ — „In der Albergo della Cita!“ — „„Ich auch.““ — Wir gingen nun zusammen nach Hause und da traf es sich denn so, daß unsere Kammern dicht an einander stießen, so daß wir nur die Zwischenthüren zu öffnen brauchten, um Contubernalen zu sein.
Das Hazardspiel.
Wir blieben ein paar Tage in Mailand und hatte noch ein anderes Abenteuer, das ich in meiner Novelle, die Glücksritter, poetisch erzählt habe. Es ging mir nämlich ungefähr wie Xaver, nur daß das Glück, welches ich machte, unendlich geringer war. Ich verirrte mich einmal ebensowie er in den Spielsaal, verstand das Spiel ebensowenig wie er, spielte jedoch, wie ich einen alten Officier spielen sah und gewann. Ich brauchte gerade einen neuen Frack; da ich nun stets das Hazardspiel für etwas des Verführendsten und Verderblichsten in der Welt angesehen hatte, so beschloß ich, einen einzigen Louisd'or zu wagen und gleich aufzuhören, wenn er verloren sei. Gewann ich dagegen, so beschloß ich, mich gar nicht von dem trügerischen Glücke verlocken zu lassen, sondern aufzuhören, so bald ich das Geld für meinen Frack gewonnen hätte. Ich gewann 5 Louisd'or, hörte auf, ging nach Hause, ließ am nächsten Tage den Schneider rufen, und Tags darauf rollte ich in einem hübschen dunkelgrünen Frack mit Saabye in einem bequemen Reisewagen aus Mailand heraus.
Er war ein sehr angenehmer Gesellschafter, besorgte alle Reisekosten bis nach Kopenhagen und als wir dort ankamen, wollte er kein Wort von Abrechnung wissen.
Abschied von Italien. — Simplon.
Wir besuchten in dem schönen Wetter die Borromäischen Inseln im Lago maggiore. Nun litt ich nicht mehr von der Hitze und konnte mich recht amüsiren. In der klaren Luft schien es, als ob wir den Inseln bereits ganz nahe seien, obgleich wir noch ein gutes Stück davon entfernt waren. Wir zogen über den Simplon. Als man mir die Grenze zwischen Italien und der Schweiz zeigte, machte ich einen langen Sprung über sie, wandte mich übermüthig gegen Italien, zeigte mit dem Finger nach Süden und rief: „Nun sieh zu, wie Du mich wieder kriegst.“ — Denn der Gedanke, daß ich in Italien sterben müsse, war oft in mir entstanden, doch drängte ich ihn stets wieder zurück! In einem Liede, das ich auf den Alpen dichtete, sprach ich meine Gefühle aus. Es findet sich in meinen gesammelten Gedichten mit der Ueberschrift: „Simplon.“
Wenn ich Göthe's große Liebe für Italien bedenke, so scheint mir mein Gefühl seltsam, da ich doch in so vielen andern Dingen mit ihm sympathisire. Aber er machte seine Reise auf die angenehmste Art in der besten Jahreszeit. Sein plastischer Geist trieb ihn nach dem Süden hin; und mein nordisches Herz sehnte sich nach der Heimath, zu der ich (gleich den Römern) Germanien zähle; denn sollte ich mir nach meiner Neigung einen Aufenthaltsort außerhalb des Vaterlandes wählen, so würde es das südliche Deutschland sein.
In Heidelberg. — Der alte Voß.
Deshalb freute es mich auch sehr, nach dem schönen Heidelberg zu kommen, wo ich den alten Voß besuchte, zum Theil weil ich wußte, daß ich seinen Sohn, meinen weimarischen Freund, bei ihm treffen würde. — Der Vater sah gerade aus, wie ich mir ihn vorgestellt hatte, lang, hager, steif und gravitätisch, aber verständig, ehrlich, gemüthlich in seinem Hause. Damals hatte er noch nicht sein Buch über Stolberg geschrieben, sonst würde ich ihn kaum besucht haben; denn ich liebte Stolberg immer als einen edlen Mann, mit hohem Dichterfluge. Wenn es auch seinem Schiffe etwas an dem Ballast des ruhigen Verstandes fehlte, wenn auch die Vernunft nicht immer als Steuermann am Ruder saß, so wurden doch die reinen, schneeweißen Segel durch die schönsten Gefühle geschwellt; und in dem Passatwinde der Begeisterung legte Stolberg wie ein Adler doch große Strecken zurück. Erst als er sein Dichterschiff zu einem mystischen Luftballon umbaute, um dem Himmel noch näher zu kommen, konnte und wollte ich ihm nicht mehr folgen. — Was Stolberg zu viel hatte, hatte Voß zu wenig, zu schweren Ballast und zu kleine Segel. Aber ein vortrefflicher, fleißiger Frachtschiffer war er zwischen der alten und der neuen Welt. Auch ein guter idyllischer Gärtner; und wie hoch ich seinen poetischen Landsitz Luisenlund schätze, habe ich bereits gesagt. Etwas intolerant und beißend ist Voß immer gewesen; dies zeigte sich bereits in seinem Verhältniß zu Heyne. In seinen alten Tagen ärgerte ihn die Uebertreibung der Romantiker, und die Verachtung, die sie ihm immer zeigten, verdroß ihn. Er glaubte, Stolberg hätte die erste Veranlassung zu diesem Wesen durch seinen Uebergang zur katholischen Religion gegeben, darüber wurde Voß unbillig und unedelmüthig, und, obgleich er in seinem Buche über Stolberg viel Wahres mit Rücksicht auf Aristokratie und Mönchswesen sagt, so hatte er doch im höchsten Grade Unrecht, seinen Jugendfreund zu beleidigen und sich an ihm durchs kleinliche Erzählen von Anecdoten zu rächen.
Voß freute sich, in mir einen jungen Dichter zu finden, der kein Ultraromantiker sein wollte und darnach strebte, seine Liebe zur Poesie mit Billigkeit und Vielseitigkeit zu verbinden. Auch der Dichterkreis in Göttingen, auch die Musenalmanache die Boie und Voß in ihrer Jugend herausgegeben hatten, waren mir lieb. Hatte ich durch sie nicht zuerst den naiven, warmen Claudius, den sanften Hölty, die feurigen Stolbergs, den merkwürdigen Bürger kennen gelernt? Ich nenne Bürger merkwürdig; denn das bleibt er mir stets durch die seltsame Mischung von wahrem Dichtergenie und einer unruhigen, krankhaften und unpoetischen Persönlichkeit. Freilich erquickten seine Gedichte mich im Ganzen genommen nicht, gerade dieser Mischung wegen, und ich finde echte Wahrheit nur in seiner Leonore, wo der todte Ritter, der wirklich kein anderer ist, als Bürger's eigner poetisch-melancholischer Gespenstergeist, in wilder Laune nach dem Grabe hin galloppirt.