Ich las dem Voß meinen Correggio vor. Als die Vorlesung geendet war, umarmte er mich und sagte: „Ich wollte wünschen, daß Lessing heute Abend hier gewesen wäre!“ — Ich brachte einige sehr angenehme Stunden in seinem häuslichen Kreise zu. „Die gute, verständige Hausfrau“, Ernestine, bereitete uns Stahlpunsch, womit sie Göthe oft tractirt hatte; im Voß fand ich im Schooße seiner Familie ganz den Verfasser der Luise wieder. Er schrieb in mein Stammbuch:

Quod sis, esse velis, nihilque malis.

In Weimar. — Göthe's Benehmen.

Nun hatte ich in Deutschland nichts weiter zu thun, als Göthe in Weimar aufzusuchen und mein Andenken in seiner freundlichen Erinnerung aufzufrischen, ihm meinen Correggio vorzulesen, einige aufmunternde Worte von ihm zu hören und dann in Gottes Namen nach Hause zu reisen. Wie gerne machte ich seinetwegen nicht den Umweg von 20 Meilen.

Aber unglücklicherweise konnte ich nur ein Paar Tage in Weimar bleiben, da ich mit einem Andern reiste, und bei Göthe muß man auf gute Laune warten, wie der Schiffer am Strande auf guten Wind, wenn er eine glückliche Fahrt machen will. — Ich hatte ihm meinen Aladdin dedicirt, meinen deutschen Hakon Jarl und Palnatoke hatte ich ihm mit einem liebevollen Briefe gesandt, ich rechnete auf einen väterlichen Empfang wie ein Lehrling von seinem Meister. Göthe aber empfing mich höflich, doch kalt und beinahe fremd. Hatten so viele andere spätere Begebenheiten die Erinnerung an „die guten Stunden“, die ich so schön und angenehm bei ihm verlebte, aus seinem Gedächtnisse verwischt? Oder — schlummerten diese Erinnerungen nur und wollten sie wieder geweckt werden? War ich zu ungeduldig, da der Sohn den Vater nicht sogleich fand? Ich weiß es nicht! Erst suchte ich den Kummer zu unterdrücken und hoffte, daß später, wenn ich ihm meinen Correggio vorgelesen, das alte Verhältniß wieder eintreten werde. Aber es wurde nichts daraus. — Als ich ihm durch Riemer hatte wissen lassen, daß ich eine neue Tragödie geschrieben hätte, die ich ihm vorzulesen wünschte, ließ er um das Manuscript bitten, er wolle sie am liebsten selbst lesen. — Ich antwortete: Er könne sie nicht selbst lesen, ich habe nur ein schlecht geschriebenes Brouillon bei mir, das voller Aenderungen sei. Doch gab ich Riemer das Manuscript. Er brachte es mir zurück und sagte: Göthe könne es freilich nicht lesen, aber ich möchte das Stück nur drucken lassen, dann würde er es lesen. — Dies schmerzte und ärgerte mich und ich machte meinem Mißvergnügen darüber gegen Riemer Luft. Er wunderte sich fast, daß es Jemand wagte auf Göthe böse zu werden, doch sagte er: „Du hast wohl recht, aber wir Anderen sind so daran gewöhnt, uns Alles von ihm gefallen zu lassen, daß es uns nie einfällt, darüber böse zu werden oder zu zürnen.“ „„Das mag sein, aber Göthe würde es in seiner Jugend schwerlich geduldet haben, so behandelt zu werden.““ Ich entsinne mich eines Zuges aus seinem früheren Leben, der hierher paßt. Als er nach Weimar kam, spielte er einmal Sprüchwörter in einer Gesellschaft. Er bat um die Erlaubniß, mit Wieland (der sich wahrscheinlich ein Air über ihn gab) ein Sprüchwort aufführen zu dürfen, zeichnete mit Kreide auf eine spanische Wand einen Berg, trat dahinter, bat Wieland zu rathen, und da dieser es nicht konnte, trat Göthe hervor, verbeugte sich und sagte: „Mein Herr Hofrath! hinter dem Berge sind auch Leute!“ Dies kann auch hier angewendet werden, nur daß wir statt „hinter dem Berge“ setzen „jenseits des Meeres.“

Göthe lud mich zweimal höflich zu sich zu Tisch, und da war ich keck und satyrisch, weil ich nicht herzlich und kindlich sein konnte. Unter Anderm recitirte ich ein paar Epigramme, die ich auf Schlegels gemacht hatte. Göthe sagte hier wieder gutmüthig: „Das ist ganz gut; aber so Etwas sollten Sie nicht machen; wer Wein pressen kann, soll keinen Essig brauen.“ — Ich: „„Haben Sie denn keinen Essig gebraut, Herr Geheimerath?““ Göthe: „Zum Teufel! Ist es denn Recht, weil ich es gemacht habe?“ — „„Nein! aber wo Wein gepreßt wird, da fallen auch eine Menge Trauben ab, die zum Wein nicht taugen; die können dann noch einen guten Weinessig geben; und der Essig ist ein sicheres Mittel gegen die Fäulniß.““

Abschied von Göthe.

Ich mußte leider bald fort; und so nahmen wir einen kalten Abschied von einander. — Dies war mir in meinem innersten Herzen zuwider; denn keinen Mann in der Welt achtete und liebte ich mehr als Göthe; und nun sollte ich ihn vielleicht in meinem Leben nie wieder sehen. — Die Postpferde waren auf den nächsten Morgen um 5 Uhr bestellt. — Es war bereits 11 Uhr Abends, ich saß allein auf meinem Zimmer im Elephanten, das Haupt auf die Hand gestützt und Thränen in den Augen. Da bemächtigte sich meiner eine unbeschreibliche Sehnsucht, ihn zum letzten Mal an meine Brust zu drücken; aber zugleich rührte sich auch der Stolz in meinem Herzen und ich wollte mich nicht vor ihm demüthigen.

Ich lief nach Göthe's Hause, sah noch Licht in seiner Wohnung, ging zu Riemer auf sein Zimmer und sagte: „Lieber Freund, kann ich nicht Göthe noch einen Augenblick sprechen? Ich wollte ihm doch gern ein letztes Lebewohl sagen.“ Riemer war erstaunt, aber da er meine Gemüthsbewegung sah und Alles wußte, antwortete er: „„Ich werde es ihm sagen, ich will sehen, ob er noch nicht zu Bett gegangen ist.““ Er kam zurück und bat mich einzutreten, indem er selbst ging. Da stand Götz von Berlichingen's und Hermann und Dorothea's Verfasser in der Nachtjacke und zog seine Uhr auf, um zu Bett zu gehen. Als er mich sah, sagte er freundlich: „Nun, mein Bester! Sie kommen ja wie Nikodemus!“ — „„Herr Geheimrath,““ sagte ich, indem ich ihn umarmte, „„erlauben Sie mir, dem Dichter Göthe auf ewig Lebewohl zu sagen!““ — „Leben Sie recht wohl, mein liebes Kind!“ sagte er herzlich. „„Nichts mehr, nichts mehr!““ rief ich gerührt und verließ schnell das Zimmer.

Ich hoffte bei der Abreise, daß wenn Göthe einmal meinen Correggio lesen würde, er Riemer gegenüber, (den ich damals noch für meinen ehrlichen Freund hielt) sich vortheilhaft über das Stück aussprechen würde, wo ich dann mit meiner ganzen kindlichen Liebe wieder zu Göthe zurückkehren und ihm einen langen Brief schreiben wollte. Aber es geschah nicht, und erst 32 Jahre nachher, als Herr Riemer sein Buch über Göthe nach dem Tode des Dichters herausgab, sah ich, welch ein jämmerlicher schwacher Character Riemer sei, der sich zu Göthe verhielt, wie in Wessels „Liebe ohne Strümpfe“ Mette zu Grethe, und gleich ihr sagte: