Der Oberhofmarschall Hauch.
Aber der Oberhofmarschall hatte indessen mit vieler Mühe, wie solch' eine Arbeit sie immer macht, ein weitläufiges Ceremoniel darüber ausgearbeitet, wie der Aufzug und die Einrichtung beim Krönungsfest sein sollte. Was das Ganze hier schwieriger machte, war die Lage des Schlosses mitten in einem See, wodurch der Platz sehr beschränkt wurde, da der Hof nur sehr enge Eingänge hatte. Wenn nun alle königlichen Personen, Minister und die Beamten der drei ersten Rangklassen, zugleich mit der Garde zu Pferde und zu Fuß Platz haben sollten, so blieb natürlich kein Platz für die Studenten übrig; und es wäre in dem engen Raume sehr schwierig gewesen, sie hin- und zurückgehen zu lassen. Hierin hatte nun der Oberhofmarschall vollkommen Recht; er hatte auch Ursache, ärgerlich zu werden, wenn er sahe, daß man seine mühevolle Arbeit verderben wolle, und da er heftiger Natur war, so war es natürlich, daß er böse wurde. Er hatte nur Unrecht, diesem Zorne Luft zu machen, und ihm einem Manne gegenüber zu äußern, der auch böse werden konnte. Hätte er freundlich geschrieben, mit ein paar Worten erklärt, weshalb er den Aufschub wünsche, und mich um denselben gebeten, bis der König nach Friedrichsberg zurückkehrte, so hätte ich mich gleich mit Vergnügen darein gefunden. Nun aber bekam ich ein paar schroffe Zeilen, in denen nur stand, „daß es sich auf keine Weise thun ließe, da kein Platz sei,“ mit der Unterschrift: „Pflichtschuldigst Hauch.“ Eine halbe Stunde darauf hatte er eine Antwort von mir, in welcher stand: „Se. Majestät haben uns zu kommen erlaubt und wir kommen. Pflichtschuldigst Oehlenschläger.“ Mit dieser Antwort ging er zum Könige, der aber sagte: „Er solle zu mir gehen und die Sache in Güte abmachen.“ Ich lag am nächsten Morgen noch im Bette, als das Mädchen hereinkam und sagte: „Der Oberhofmarschall sei da, und wünsche mit mir zu sprechen.“ Ich eilte in die Kleider. Die Einleitungsrepliken waren ziemlich warm und ich sprach endlich mit so lauter Stimme, daß er mich fragte: „ob ich nicht die Fenster nach der Straße hin öffnen wollte, damit die Leute uns hören könnten.“ Aber was war das Ende des Gesprächs? daß der edle Hauch mich umarmte, küßte und mir sagte: „Wenn man am Hofe lebt, so legt sich endlich eine harte Kruste wie eine Schale um das Herz. Wenn wir in der Zukunft Etwas mit einander abzumachen haben, so wollen wir zusammen sprechen. Die Buchstaben sind schwarz.“ — „Nun können Ew. Excellenz gewiß sein, in mir stets einen Freund und Bewunderer zu haben,“ antwortete ich. So schieden wir freundlich von einander, und dieses Verhältniß hat sich bis zum Tode des edeln Mannes viele Jahre darauf nicht verändert, wo ich ihm einen Grabgesang dichtete, und ihn zu seiner letzten Ruhestätte begleitete.
Aussöhnung mit Thaarup.
Bei dem prächtigen Krönungsfeste war ich auf dem Schlosse Zuschauer, und sah wie der König und die Königin vom Bischof Münter gesalbt wurden. Zu Mittag hatte Thaarup mich eingeladen. Wir hatten kurz vorher unsere alte Bekanntschaft erneuert. Er hatte seit mehrern Jahren Nichts von Bedeutung geschrieben. An die zwölf Studenten, die Baggesen auf gut Latein herausforderten, hatte er dagegen kurz vorher auch auf gut Latein in dem Tageblatt eine Ermahnung zu Mäßigkeit und Bescheidenheit gerichtet. Die Ermahnung setzte Viele, besonders der Sprache wegen, in Erstaunen, da Thaarup wahrscheinlich, seitdem er vor einigen dreißig Jahren seine Examenarbeiten geschrieben, seine lateinische Feder nicht eingetaucht hatte; und man weiß doch, daß es, — wie bei den Battemens im Tanz und den Solfeggien im Gesang, — steter Uebung bedarf, um gut Latein zu schreiben. Ich hatte mich mit diesem ehrwürdigen Veteran ausgesöhnt; sein schneeweißes, dichtes Haar, seine schönen, blauen Augen, sein römisches Gesicht und sein männlicher Ausdruck, in dem trotz des satyrischen Lächelns die Freundlichkeit strahlte, ließen mich in ihm noch den Dichter des „Erntefestes“ lieben. Aber was ihn mir bei dieser Gelegenheit noch lieber machte, war der verletzte Stolz mit dem er die Einladung zu dem Festessen abgewiesen hatte, das den Sängern und den Mitgliedern der Kapelle gegeben wurde. Thaarup fühlte, daß er wohl einen Ehrenplatz verdiene; aber da ihm der Titel des Etatsraths (den Prahm hatte) fehlte, so hatte er selbst für Proviant gesorgt. Er hatte auf einem Bauernwagen Schinken, Braten, Kuchen und Wein mitgenommen, sowie wenn man in früheren Zeiten von Kopenhagen aus in den Wald fuhr. Eine kleine Bauernstube hatte er gemiethet. Hier gebrauchte er selbst sehr fleißig den Propfenzieher, als der alte und der junge Dichter nicht fern von dem Treiben des Hofes auf das Wohl des Königs und der Königin tranken. Der kräftige Greis rührte mich durch seinen edeln Stolz; die Gedichte, welche er zum Fest geschrieben hatte, waren ziemlich matt; hier aber fühlte ich noch die Seele wieder in ihrer vollen Kraft blühen.
Einige Tage darauf wurde es den Studenten gestattet, am Nachmittage hinauszukommen, und das von mir verfaßte Lied auf dem Platze an der Steintreppe gerade über den Terassen zu singen. Die Stunde war, glaube ich, auf sieben Uhr festgestellt. Nun hatte ich die Dreistigkeit, am selben Tage den Mittag bei meinem Freunde Bech auf einem Gute vor dem Osterthore zuzubringen. Als es Zeit war, fuhr ich nach Friedrichsberg; der Wagen rollte rasch dahin; aber ich hatte vergessen, daß ich, wenn ich nach Friedrichsberg kam, erst seidene Strümpfe anziehen und die Stiefeln gegen Schuhe auswechseln mußte. Ich fürchtete, zu spät zu kommen, und bat den Kutscher, aus allen Leibeskräften zu fahren. Das that er denn auch; aber so langsam die Uhr ging, kam mir's doch vor, als ob sie rascher ginge, als die Pferde. Als wir an das Rondel vor dem Friedrichsberger Garten kamen, hatten wir Mühe, uns mit dem Wagen durch den breiten Menschenstrom zu drängen, der sich von der Allee aus bis in den Garten hinbewegte, um Zuschauer des Festes zu sein. Der Oberhofmarschall hatte mich mit Ungeduld erwartet, und als er hörte, daß es noch „Liebe ohne Strümpfe“ sei, und daß ich zu meinem Vater hinuntergehen wolle, um Toilette zu machen, bot er mir gleich ein Zimmer und seinen Diener zur Hülfe an, indem er mit dem Kopfe schüttelte, als ob er sagen wollte: „Die Poeten sind doch ein verdammtes Volk.“ Nun beeilte ich mich und kam auch noch zeitig genug zu den Majestäten, die uns sehr gnädig empfingen. Es war ein ungeheures Menschengewimmel da, und die Studenten sangen das Lied vortrefflich.
Ernennung zum Ritter des Dannebrogordens.
Der Dichter frühere Geltung.
Am Krönungsfeste wurde ich Ritter des Dannebrogordens, wofür ich wohl zum Theil meinen Krönungsgedichten zu danken hatte. König Friedrich VI. war aus der alten Zeit, und wenn ich von ihm sage, daß er mit allen seinen übrigen guten und vortrefflichen Eigenschaften sich nicht auf Poesie verstand und sie nicht genug achtete, so sage ich nur, was auf viele andere brave, ausgezeichnete Männer seiner Zeit paßt. Das Uebel, die Poesie gering zu achten, war ein alter Schaden, der sich besonders in den protestantischen Ländern gleich nach der Reformation zeigte, die trotz ihres großen Fortschrittes in der menschlichen Kulturgeschichte den Fehler hatte, das Schöne und die Werke der Phantasie zu wenig zu schätzen. Bei den Griechen genossen die Dichter die höchsten Ehren; die Römer ahmten ihnen nach und Augustus und Mäcen ehrten Horaz und Virgil auf gleiche Weise. In dem alten heidnischen Norden war der Skalde der Freund und Vertraute des Königs; in Italien, Spanien und Portugal traf es sich oft, daß Adelige Dichter waren; aber in der Periode, welche der Reformation voranging, war das Herz erschlafft, es herrschten keine ausgezeichneten Fürsten, große politische Unruhen hatten vorher Dante verfolgt; Petrarca schwärmte in seiner Einsamkeit; Ariost und Tasso waren in unsicherer Stellung; Cervantes lebte von Privatunterstützung; Camoëns starb fast Hungers. Die Königin Elisabeth von England war trotz ihrer großen Eigenschaften kein Schöngeist, hatte ein kaltes Herz, und die Mörderin der Maria Stuart ahnte nicht, welchen Schatz sie und England im Shakespeare besaß. Walter Scott hat in Kenilworth mit historischer Wahrheit den großen Dichter dargestellt, der beim Feste mit den anderen Domestiken in der Speisekammer ißt. Ludwig XIV. liebte die Poesie als zum höhern Luxus gehörig, und ein gewisses, geistiges Element, wenn es übrigens sclavisch seiner Allmacht und dem herrschenden Vorurtheil huldigte, gefiel ihm. Ludwig XV. hatte für nichts Anderes Sinn, als für Sinnlichkeit. Er hielt Diamanten und Glasperlen in der Kunst für Eins und Dasselbe. Wenn von Poeten die Rede war, so zählte er mehrere Dutzend an den Fingern auf, wobei Madame Pompadour ihm half. „Wie könnte man sie alle ehren und belohnen?“ fragte er, und Madame Pompadour gab ihm vollkommen Recht. Was damals Etwas dazu beitrug, der Poesie ihren Glanz wiederzuverleihen, war Friedrich's II. Liebe für das Französische und seine Freundschaft zu Voltaire, die, obgleich sie ein tragisches Ende nahm, doch lange Zeit hindurch Viel dazu beitrug, die französische Literatur zur Hof- und Toilettenlectüre zu machen. Merkwürdig ist die allgemeine Hochachtung, welche Klopstock sich erwarb; aber das konnte er zum großen Theil dem Stoffe seines Gedichts: die Messiade, danken; er bewegte mehr das religiöse, als das poetische Gefühl, und mit der Religion war es damals in vielen Herzen Ernst. Aber obgleich er seine Unterstützung von Dänemark erhielt, so merkte man doch lange Zeit nichts von einem Interesse für die dänische Kunst. Das Deutsche hatte bei dem Hof die Ueberhand gewonnen. Holberg, obgleich er für sein eignes Geld Baron wurde, ward von der vornehmen Welt doch nicht als Dichter geachtet; seine vortrefflichen Komödien wurden als Farcen für den Pöbel betrachtet. Unglücklicher Weise hatten Ewald und Wessel nicht Kraft genug, dieser Geistesrichtung entgegen zu arbeiten; sie suchten Trost in der Flasche, und ertränkten in derselben nicht nur ihre Sorgen, sondern zuletzt auch ihr Genie. Ausgezeichnete Gelehrte und Beamte hatten mit ihrer ästhetischen Bornirtheit dazu beigetragen, die schönen Künste in Mißcredit zu setzen. Ebenso wie Gram den Holberg verachtet hatte, so verschmähte Luxdorph den Ewald und fand seinen Balder unter aller Kritik. Friedrich VI. war kein Schöngeist; aber kein ausgezeichneter Beamter in seiner Umgebung war es in viel höherm Grade, als er; und bei den Gelehrten herrschte dasselbe Vorurtheil; sie achteten die Poesie nur in Nachahmung des Griechischen und Lateinischen.
Was in meiner Jugend doch Etwas dazu beitrug, die Poesie zu ehren, war das Glück, welches sie in Weimar gemacht hatte, wo ein junger Mann durch sein Dichtergenie sich zum Minister emporgeschwungen hatte, und wo die herrliche Herzogin Amalie die Schöngeister rund um sich her versammelte und Weimar zu einem Athen machte. Aber Weimar war ein kleines Herzogthum, welches in keiner weitern Berührung mit Dänemark stand; und Göthe war hier lange Zeit durch nichts Anderes bekannt, als durch ein Buch, das man auch nicht kannte, weil seine Uebersetzung von der Polizei, als die Moralität und Sitten verderbend, verboten war. Kein Wunder also, daß eine schöne Kunst verachtet wurde, die selbst ein Plato früher aus seinem idealen Staate ausgeschlossen haben würde. Der armen Poesie ist es immer schwieriger geworden, sich geltend zu machen, als der Sculptur, Architektur, Malerei und Musik, deren Werke die Großen theils kaufen und zu Nutzen, Bequemlichkeit und Pracht selbst behalten, theils sich damit ohne Anstrengung unterhalten konnten. Die Künste sind aristokratisch, aber die Poesie ist demokratisch; sie gehört dem ganzen Volke, ihre Werke können Alle lesen, und was das Schlimmste ist, die Poesie denkt und spricht; sie war stets der Dollmetsch für die edle wahre Freiheit, der sich das Gute und Schöne unterordnet, und alle liberalen Ideen sind erst von ihr ausgegangen. Deshalb haben auch die Alleinherrscher, selbst die guten, welche sich nicht auf sie verstanden, einen heimlichen Abscheu vor ihr gehabt, als ob ein Instinkt sie vor einer Frucht warne, in der sich heimliches Gift befinde.