Zwischen Hamburg und Welle hatten wir am Nachmittag Schneegestöber, dazu kam, daß der Schwager betrunken war. Wir segelten kreuz und quer über Acker und Wiesen, über Stock und Stein, wie Columbus, als er Amerika entdecken wollte. Endlich wurden wir dessen müde, und wollten den Betrunknen vom Pferde herunter haben. Aber er wollte nicht. „Lassen Sie mich ruhig sitzen, meine Herren“, sagte er mit schläfrigen Augen und lallender Zunge, indem er taumelte; „lassen Sie mich nur dafür sorgen, den Weg zu finden; damit hat's gute Wege; nun finden wir gleich das Gleis wieder!“ — Wir blieben mitten auf dem Felde stehen, das Schneegestöber war dicht, der Abend näherte sich, und es wurde dunkel. Es war kein Spaß; er war nahe daran, uns jeden Augenblick umzuwerfen. „Du bist besoffen,“ rief ich, „Du kannst nicht fahren, nicht sehen! Laß den Diener fahren, der ist Kutscher gewesen, der versteht es, er ist nüchtern!“ — „„Nein, das ist er nicht, mein Herr!““ sagte der Schwager, „„lassen Sie mich nur fahren. Ich verlasse meine Pferde nicht. Wir sind nicht betrunken! Wir werden schon wieder in Gang kommen! daran sind wir gewöhnt.““ Was war zu thun? Wir kannten den Weg nicht; wir mußten ihn also langsam fahren lassen, während Christian nebenher ging und bald die Pferde, bald den Kutscher schlug, wie gerade der Augenblick es erforderte. Endlich kamen wir mitten in der Nacht in ein Dorf, wo der Schwager die Wagenstange zerbrach, gerade als wir hineinfuhren. Nun mußten wir eine von den Bauern kaufen. Sie kamen mit einer Laterne, einer Axt, Nägeln und Hämmern heraus, und wirthschafteten, während wir ungeduldig dastanden und uns nach Abendbrod und Nachtlager sehnten. Endlich kamen wir fort; aber nun ging ein Wagestock entzwei, und wir mußten eine Latte von einem Zaume nehmen und ihn selbst wieder in Stand setzen. Endlich erblickten wir doch das Ziel unsrer Reise, und um zwei Uhr in der Nacht kamen wir erst in eine Herberge, nachdem wir acht Stunden auf vier Meilen zugebracht hatten.


In Brügge zerbrach ein Rad, weil unser Wagen nicht die Spur in dem gefrornen Geleise halten konnte. „Ein Rad kann leicht geknickt werden, wer sieht es voraus?“ sagt Giulio Romano. Eine schöne Gegend! Wir spielten des Abends vor langer Weile Karten zusammen, das erste, und wie ich glaube das letzte Mal auf dieser Reise, aßen gut, tranken die Gesundheit des Herrn Lazarus, wünschten ihn zu dem reichen Mann im Evangelium und fuhren am nächsten Morgen weiter. Nun haben wir bald einen nagelneuen Wagen; die Federn am alten sind gut und verantwortlich gemacht, und wir haben es schwarz auf weiß, daß sie bis Paris halten sollten. Vorwärts!

Das Celler Schloß.

In Celle pilgerten wir nach dem für alle Dänen merkwürdigen Schlosse. Es ist jetzt sehr verfallen. Die Franzosen haben es in der Kriegszeit zerstört. Hier sieht es sehr traurig aus. In diesen finstern Hof rollte die blühende zwanzigjährige Fürstin hinein. Schnell, wie eine Sternschnuppe hatte sie ihre kurze, glänzende Bahn geendet, und verschwand hier im Dunkel. Wir sahen ihren Speisetisch, wo sie täglich einige Gäste hatte. Auch ein Theater war hier auf dem Schlosse, wo sie zuweilen dem Schauspiele beiwohnte. Der große Schröder spielte vor ihr. Ein hübsches Zimmer mit hellgrünem Dammast, mit gebohntem Boden, und der herrlichsten Aussicht war ihr gewöhnlicher Aufenthalt, hier hatte sie ihre kleine Bibliothek und die Bilder ihrer Kinder. In einem finstern Zimmer daneben hatte sie nach drei Tagen einer plötzlichen Krankheit ihren Geist aufgegeben. Sie liegt in der großen Kirche der Stadt begraben.

In Hannover hielten wir uns nur einen Tag auf. Ich hatte nicht Lust länger in einem Orte zu bleiben, wo deutscher Adelshochmuth in seinem ganzen Flor blühen soll, obgleich ich vielleicht für meine Person Nichts davon gefühlt hätte. Hier wird adliger Thee getrunken, und man muß die nothwendigen Ahnen haben, um ihn genießen zu dürfen. Das wichtigste Staatsamt, die ausgezeichnetsten persönlichen Eigenschaften helfen Nichts, wenn das Von fehlt.

Herrn Holbein und Madame Renner besuchte ich auf dem Theater bei der Probe, im Dunkel, das nur durch eine einzige Lampe erhellt wurde. Am Abend sah ich in strenger Kälte ein Lustspiel von Holbein: „Die treue Witwe.“ Bertouch und ich waren des Abends bei Herrn und Madame Renner. Sie gedachten mit Vergnügen des Beifalls, den sie in Kopenhagen gefunden hatten und sangen uns einige hübsche Lieder zur Guitarre vor.

In Göttingen ging ich zu unsrem Freund, Professor Welcker. Er brachte mich zum Hofrath Heeren, dem berühmten Gelehrten, der mit Heyne's Tochter verheirathet ist. Wir besuchten auch Frau Rodde-Schlösser, die in ihrer Jugend die Doctorpromotion gemacht hat. Im reifern Alter ist die Gelehrtheit in echte weibliche Bildung übergegangen.

Kassel. Die Gebrüder Grimm.