In Kassel hielten wir uns ein paar Tage auf. Ich ging gleich, um die Bekanntschaft der Gebrüder Grimm, der Uebersetzer unserer alten dänischen Kämpeweisen, und der Herausgeber vieler deutschen Sagen, zu machen. Ich mußte lange mit einem Lohndiener umhergehen, ehe ich sie fand. Endlich kamen wir in ein Haus, von dem man uns sagte, daß Grimm hier wohne. Ich klopfte. „Herein!“ Ich trete ein, finde einen alten hübschen Priester an seinem Schreibtische, und frage, ob ich die Ehre habe, mit Herrn Grimm zu sprechen. „Ja, ganz richtig.“ — Ich hatte mir Grimms als junge Männer vorgestellt, die, sowie Riepenhausens in Rom, unzertrennlich in einem Zimmer arbeiteten. Nachdem ich Etwas mit dem Mann gesprochen hatte, merkte ich endlich, daß er Prediger in der Stadt und ein entfernter Verwandter meiner Grimms sei. Ich bat um Verzeihung; aber der Prediger war sehr freundlich und zeigte mir den rechten Weg. Ich war in der ganzen Stadt umhergelaufen, und nun traf es sich, daß sie gerade unserm Gasthofe gegenüber wohnten. Ich fand sie zusammen auf der Bibliothek. Sie zeigten mir verschiedene merkwürdige Manuscripte. Ich ging mit dem jüngsten Grimm gestern Nachmittag in einem Garten spazieren, der Aehnlichkeit mit dem Südfelde hatte. Wir eilten leicht hin über die gefrorene weiße Erde; die hohen Lindenalleen standen zwar blätterlos; aber wir brauchten auch keinen Schatten. Wir sprachen vom Mittelalter und der Gegenwart, und die ganze Situation in dem schönen Winterwald mitten in einer unbekannten Gegend an der Seite des Mährchenfreundes Grimm, schien mir selbst ein schönes Mährchen. — Plötzlich standen wir an einem breiten Deiche, über dessen spiegelklare Fläche mehrere Schlittschuhläufer wie Schatten dahinschwebten. In einem Augenblick hatte unser Norweger, der mit uns ging, sich ein paar Schlittschuhe gemiethet, und freute sich, indem er auf dem Eise große Bogen beschrieb, wie eine wilde Ente, die nach einer langen Flucht durch die Luft, endlich wieder das Wasser erreicht hat. Sein Beispiel steckte mich an. Zum ersten Mal seit sechzehn Jahren lief ich Schlittschuh.


Interessante Bekanntschaften.

Wir haben durch Grimm die Bekanntschaft des Fräulein von Kahlenberg und der Frau von Malzburg, zweier gebildeten Damen, gemacht. Ich bin ein paar Abende bei ihnen gewesen und habe ihnen einige kleine Gedichte vorgelesen. In einem ziemlich großen Kreise haben wir einmal die Rollen des Correggio vertheilt, und so die beiden ersten Acte gelesen. Den dritten Act las ich allein, um ihnen eine rechte Idee davon zu geben, wie ich ihn mir gedacht hatte. Es war da ein junger Dichter in der Familie, der denselben Namen hatte. Den fünften Act von Hagbarth und Signe habe ich auch vorgelesen.

Gestern Vormittag war ich mit meinen Landsleuten auf der Gemäldegalerie. Stelle Dir meinen Zustand vor; nachdem ich in strenger Kälte die Bibliothek und die ganze Gemäldegalerie gesehen hatte, und nun endlich nach Hause gehen wollte, um Etwas aufzuthauen, begegne ich der Frau von Malzburg und ihrem ganzen Gefolge in der Thür. Die Höflichkeit gebot mir, mit ihnen zurückzugehen. Wie sehr würde es mich bei einer milderen Temperatur erfreut haben, die Werke der Kunst mit dieser interessanten Dame zu betrachten. Aber nun! Meine Füße waren Eis, meine Fingerspitzen erfroren. So mußte ich umhergehen und Ruisdal, Holbein, Albrecht Dürer, Ostade, Teniers, Caracci und van der Werft sehen. Dieser Letztere machte mich noch mehr frieren. Die Schönheiten der großen Meister, die ich nun nicht genießen konnte, erschienen mir wie ein fein erdachter Höllenspott in dem wahren Nistheim. Auf all' das Richtige und Treffende, das Frau von Malzburg sagte, hörte ich fast wie ein ganz dummer Mensch. Das Einzige, womit ich sympathisirte, waren die geflochtenen Babouchen, die der Gallerieverwalter über seine Stiefeln gezogen hatte. Er betrachtete uns mit einer Art von mitleidigem Ausdruck, weil wir uns freiwillig das schlechte Vergnügen bereiteten, all' die Bilder anzusehen, deren er schon so lange müde war. Ich las deutlich in seinen Zügen die Worte: „Wenn ich nicht dazu gezwungen wäre, so sollte der Teufel hier stehen, da ging ich lieber in meine warme Stube.“ Ich gab ihm in meinem Herzen Recht. Und wenn Jemand aus der Gesellschaft sagte: „Ach wie ist das schön! wie ist das herrlich!“ so ließ ich die Blicke sehnsuchtsvoll auf die geflochtenen Babouchen des Verwalters herabsinken und sagte seufzend: „Ja wohl, es herrscht ein sehr warmer Ton darin.“ So verschieden war mein Gefühl und meine Stimmung, als ich ein und Dasselbe an einem Vormittage sah. Ich dankte Gott, daß Alle in der Gesellschaft meinen Correggio kannten, denn sonst hätten sie mich in Bezug auf Gemälde für einen Eiszapfen halten müssen. Man darf nicht physische Schmerzen leiden, wenn man sich einem geistigen Genuß hingeben soll. Als es anging, nahm ich Abschied von der Gesellschaft und Frau von Malzburg neckte mich freundlich am Abend, indem sie sagte, daß sie recht gut gemerkt habe, wie erfroren ich gewesen sei.


Wir sollen vierspännig fahren.

Wenn wir des schlechten Wetters wegen bisher langsam gereist waren, so beschlossen wir, nun um so rascher dahin zu rollen. Aber im Anfange kamen wir auch nicht weit. Denn obgleich wir mit drei Pferden eingetroffen waren, wollte der Wagenmeister uns nicht mit weniger, als mit vieren weiter ziehen lassen, obgleich wir um eine Person und einen Koffer weniger geworden waren. Dies wollte ich nun durchaus nicht dulden. Ich suchte ihm erst das Ungerechte und Unsinnige seines Entschlusses zu beweisen; aber als dies nichts half, als er ärgerlich wurde und sagte, wenn wir nicht wollten, so ließe er das vierte Pferd wieder abspannen, und so müßten wir nachher doppelt bezahlen, versicherte ich ihm, daß daraus Nichts werden würde, und daß er uns doch noch mit drei Pferden fahren müsse. Dies konnte er wahrscheinlich nicht begreifen, und ging in der Meinung fort, daß wir als Fremde uns doch zuletzt seinem Willen fügen müßten. Aber ich lief in die Stadt, wo der Oberpostdirector wohnte und ließ mich melden. Es war ziemlich früh am Morgen, und er stand noch im Schlafzimmer in seiner Nachtjacke. Ich bat um Entschuldigung, sagte ihm meinen Namen, und bat ihn, in dieser Sache zu entscheiden. Er war sehr artig, schrieb mir einen kleinen Zettel und äußerte seine Freude darüber, meine Bekanntschaft gemacht zu haben. Als ich auf die Straße hinaus kam, und den Zettel las, stand auf demselben, — „daß der Herr Professor Ehlers mit drei Pferden fahren sollte.“ Der Kerl wollte seinen eigenen Augen nicht trauen, als er den Zettel sah. Aber als er gelesen hatte, rief er dem Schwager: „Vorwärts!“ zu, lüftete den Hut und ging ins Haus. So zogen wir im Triumph aus Kassel heraus und ich reiste vier Meilen incognito als Professor Ehlers.

Aber wir waren doch ganz traurig, und die Munterkeit im Wagen war verschwunden; denn wir hatten unsern lieben Norweger Flood in Kassel zurückgelassen. Seine Freundlichkeit und sein muntrer Sinn hatten uns auf dem Wege sehr erheitert. Auf dem langen Wege von Hamburg nach Kassel hatte er mich aus bloßer Freundschaft begleitet. Aber nun mußte er über Amsterdam nach seinem Norwegen zurück, wo ihm die Liebe winkte. Eine amüsante Geschichte, die in einem Wirthshause eintraf, ehe wir uns trennten, darf ich nicht vergessen.

Wir hatten zusammen Abendbrot gespeist; zum Dessert gab es Rosinen und Mandeln; Bertouch hatte eine Zwillings-Mandel gefunden, die er Flood hinreichte, und so sollte Der, welcher zuerst Vielliebchen sagen würde, wenn sie sich das nächste Mal sähen, ein Geschenk vom Andern erhalten.