Es war eine schneidende Kälte, als ich am nächsten Morgen bei Tagesgrauen Bertouch aus seinem Bett heraussteigen (wir lagen alle Drei in einem Zimmer), und mit nackten Füßen im bloßen Hemde mit listiger Miene sich in der ziemlich großen Stube nach Flood's Bett hinschleichen sah. Hier stand er einen Augenblick und betrachtete seinen Gegner lächelnd mit einer überlegenen, mitleidigen Miene, so wie Einer, der seines Sieges gewiß ist. Darauf rüttelte er ihn am Arm, und als Flood erwachte und die Augen aufschlug, rief Bertouch triumphirend: „Philine!“ Flood starrte ihn, verdrießlich darüber, aus seinem guten Schlafe geweckt zu sein, an, aber als er Bertouch sah, und nun verstand, was er wollte, sagte er ganz verdrießlich, indem er ihm den Rücken zukehrte: „Vielliebchen!“ Bertouch hatte also die Wette verloren, da er den falschen Namen genannt hatte. Philine in Wilhelm Meister hatte ihn irre gemacht, und er mußte mit nackten Füßen über den kalten Fußboden unverrichteter Sache zurückkehren. Das Wunderlichste war, daß, als ich später beim Kaffeetische mit ihm über Göthe's Wilhelm Meister sprach, er diesen gar nicht kannte.


Ein verlorenes Vielliebchen.

Heute Morgen um halb sechs Uhr standen wir in Marburg auf. Gerade wie wir an dem frühen, kalten, finstern Morgen bei einer Laterne in den Wagen steigen und weiter fahren wollten, kamen zwei andere, gleichfalls eingehüllte Reisende von der entgegengesetzten Treppe in gleicher Absicht herab. Das schwache Licht bestrahlte mein Antlitz. Eine der fremden Personen stutzt, sieht mir ins Gesicht, tritt näher und ruft: „Ollanslakkero!“ Ich sehe ihn an — „Olinto dal Borgo di Primo!“ der italienische Uebersetzer meines Correggio. Ist es möglich? — Wir umarmen einander, beklagen, daß wir von dieser Zusammenkunft nicht früher gewußt hatten. Ich bitte ihn, meine Frau, meine Kinder und Schimmelmann's zu grüßen. Darauf steigen wir beide in unsere Wagen, werfen uns Kußhände zu, und setzen, wie zwei in einem Augenblicke einander begegnende Planeten, unsere entgegengesetzten Bahnen fort.


Frankfurt a. M. Friedrich Schlegel.

Wir wohnen nun in Frankfurt in einem sehr guten Hôtel: „Zum römischen Kaiser!“

Heute aßen wir mit unserer kopenhagener Freundin Frau Pauli bei einem Kaufmanne, Herrn Pätsch, zu Mittag. Hier war ein merkwürdiges Eßzimmer. Es besteht nämlich aus einem uralten Stadtgefängnisse, welches nun mit einem schönen Hause verbunden ist. Die Wölbung ist blau wie die Luft gemalt, an den Wänden winden sich grüne Büsche und Zweige hinauf. So treten die beengenden Mauern zurück, und verlieren sich in einer leichten Luftperspective, und an demselben Orte, wo vor ein paar hundert Jahren mancher Unglückliche an seiner Kette nagte, und mit seinen Nägeln an den rauchgeschwärzten Mauern kratzte, während der Henkerstod seiner wartete, sitzen nun hübsche, lustige und wohlhabende Leute bei hellem Kerzenscheine und werden in Herrlichkeit und Freude tractirt.


Nach der Komödie war ich bei Friedrich Schlegel. Er ist als österreichischer Legationsrath hier. Seine Frau ist eine Tochter von Moses Mendelssohn und wahrscheinlich die Verfasserin des Romans Florentin, in dem viel Schönes ist, obgleich sie selbst jetzt das Buch als einen Jugendversuch betrachtet. Obwohl ich wußte, daß Schlegel nun ganz Politiker geworden war, und obgleich ich in vielen Beziehungen, sowohl in historischen und religiösen, wie in ästhetischen Ansichten mit ihm differire, so konnte ich mir doch nicht das Vergnügen versagen, einen so ausgezeichneten, talentvollen und kenntnißreichen Mann wieder zu sehen und zu sprechen, dessen Schriften eine so wichtige Rolle in meiner frühern Jugend gespielt und theils dazu beigetragen haben, mich irre zu leiten, theils mich zu belehren und zu bilden. — Ich fand auch sein Aeußeres sehr verändert, denn ich erkannte ihn nicht wieder, obgleich er mitten im Zimmer stand und mit entgegen lächelte; so dick und fett war er geworden. Er war sehr freundlich, und mein Herz öffnete sich ihm, wie einem Manne, mit dem ich in einem gewissen Grade sympathisirte, und von dem ich in andrer Beziehung ganz verschieden war. So ging es ihm gewiß auch mit mir. Wir sprachen über viele Dinge zusammen, von denen wir ungefähr wußten, daß wir in ihnen übereinstimmen könnten. Ich las ihm einige meiner kleinen deutschen Gedichte vor, die ihm zu gefallen schienen.