Ein eigensinniger Kutscher.
Ein Ausflug nach St. Cloud.
Als es heute Ein Uhr war und ich nicht mehr schreiben mochte, schien mir die Sonne ins Zimmer, als ob sie fragen wollte: Willst du nicht auch etwas ausgehen? — Ja, antwortete ich, nahm meinen Hut und ging bei den Tuilerien vorüber nach dem Pont neuf, wo die kleinen Equipagen halten, denen man in dem geschmackvollen Paris einen sehr unanständigen Namen giebt. Es sind Karren auf zwei Rädern, in denen aber sechs Menschen sitzen können. In einem solchen Wagen kann man für dreißig Sous nach Versailles fahren. Kaum war ich dort hingekommen, als zehn Kutscher, wie Hornissen auf eine Birne, auf mich losstürzten, und Alle mit lauter Stimme, indem sie mich bei den Rockschößen faßten, riefen, ob ich nach Versailles hinausfahren wollte? Ich antwortete, daß ich wohl Lust dazu hätte, aber weder taub geschrieen noch lebendig zerrissen werden möchte. Darauf stieg ich, um jeder weitern Unannehmlichkeit zu entgehen, in eins dieser Fuhrwerke, nachdem der Kutscher mir versichert hatte, daß wir im Augenblick abfahren würden. Aber wir waren, wie ich merkte, erst unserer Drei und sollten Sechs sein. Es half Nichts, daß bald noch Zwei hinzukamen. Der Kutscher wollte noch Einen haben. Wir versicherten, daß wir nicht drinnen blieben, wenn noch Einer käme, und fragten: „Was gewinnst Du dabei, wenn Du Einen bekommst und Fünfe verlierst?“ Aber er hatte es sich nun einmal in den Kopf gesetzt, wurde ärgerlich und war thöricht genug, uns wieder aussteigen zu lassen. Hierdurch gewannen wir sehr; denn wir kamen in einen viel bessern Wagen, hatten bessere Pferde und einen anständigeren Kutscher und nun fuhren wir von dannen. Aber — o Wunder! — wir waren noch nicht weit gefahren, als die ganze Umgegend von Paris sich in einen großen See verwandelte. Die Seine hatte nämlich ihre Ufer überstiegen. Wir fuhren lange im Wasser und begegneten auf dem Wege mehreren Booten, sodaß mir anfing bange zu werden, und ich an den Kutscher Kühleborn in Fouqué's Undine dachte. Indessen währte es doch nicht lange, so kamen wir auf das höhere Hügelland, wo es ganz trocken war. Es ist ein großes Glück, daß bei solchen Flüssen Anhöhen sind; und läge der größte Theil von Paris nicht ziemlich hoch, so würde es oft schlimmer aussehen, als dies nun der Fall ist. — Es ist ein noch größeres Glück für uns in Kopenhagen, daß die Ostsee nicht ähnliche Launen hat. Sie brauchte nur einige Ellen über die Zollbude zu steigen, so wäre der größte Theil von Kopenhagen überschwemmt. Es war schönes Wetter, aber die Uhr war bereits Zwei, ich fand es etwas zu spät, um nach Versailles hinauszufahren, und ließ deshalb den Kutscher an einem bequemen Orte halten, von wo aus ich nach St. Cloud gehen konnte. Im Garten standen die niedrigsten Partieen auch unter Wasser. Ich sah ein kleines Mädchen, die unter einem Baume saß, von wo aus zwei Wege abführten. Ich fragte sie: „Welcher Weg ist der beste?“ Sie antwortete: „„Es ist gleich, welchen Weg Sie gehen, mein Herr, sie sind beide gleich gut; aber auf diesem hier werden Sie des Wassers wegen wohl nicht fortkommen, deshalb ist es wohl besser, Sie gehen auf dem andern.““ — Ich dankte ihr und befand mich wohl dabei. Es war noch kein Laub an den Bäumen, aber das Gras begann hier und da hervorzugucken. Das Schloß wollte ich nicht sehen; ich war früher dort gewesen, und es war mir nicht um schön decorirte Zimmer, sondern um einen herrlichen, blauen, sonnenwarmen Frühlingstag zu thun. Nachdem ich umherspaziert war, ging ich in ein Wirthshaus, das in der Sonne lag, und hielt dort eine einfache Mahlzeit. Ich hatte Rousseau's Heloise mitgenommen, war müde, und setzte mich mit dem Buche in die Sonne. Aber es schmeckte mir nicht so gut, als da ich sie das erste Mal las, obgleich mir schon damals Viel daran mißfallen hatte.
Nach dem Essen war ich wieder im Garten. Zwei freundlichen, alten Männern, welche Gänge kehrten, und mich mit echten unschuldigen Gärtnergesichtern anlächelten, gab ich jedem Etwas. Sie wurden ganz bestürzt, als ich ihnen die kleinen Silberstücke in die Hand drückte, dankten aber herzlich. — Als ich nach St. Cloud kam, war dort kein Wagen zur Abfahrt bereit. Die Uhr war erst Fünf und das Wetter herrlich. Ich beschloß also zu Fuß zu gehen. Als ich bei Passy vorüber kam, fing das Wasser bereits an, mir den Weg zu sperren, und ich wäre nicht hinübergekommen (denn der ganze Weg bildete bereits einen Kanal), wenn nicht einige Männer Bretter gelegt hätten, und mit einem Boot bei den unpassirbaren Stellen übersetzten. Nun sollte ich Trinkgeld geben; hatte aber kein kleines Geld mehr bei mir, mußte also in den Augen dieser Männer wahrscheinlich für einen Geizhals gelten, weil ich den alten Gärtnern meine letzten Sous gegeben hatte. Als ich nach Paris kam, hatte die Seine auch hier einige der niedrigst gelegenen Straßen überschwemmt. Ich mußte einen langen Umweg machen, und war außerordentlich müde. Auf dem Pont neuf standen Leute und sahen nach einem Zeichen unten an den Brückenpfeilern wie hoch die Seine gestiegen war; vor vielen Jahren (1745) hatte sie freilich viel höher gestanden; aber auch diesmal betrachtete man den hohen Wasserstand als ein seltenes Ereigniß.
Besuch des Jardin des plantes.
Gestern war das schönste Wetter und ich war im Jardin des Plantes, nur hier und da guckte ein Blümchen hervor. Die grüne Ceder vom Libanon, die einer Buche mit Tannenblättern gleicht, breitete ihren feierlichen Schatten über den Hügel aus. Wir sahen die spitzschnauzigen Wölfe; die Hyänen mit den gemeinen unbarmherzig dummen Glotzaugen. Der alte Löwe sah wie ein General aus Ludwig's XIV. Zeit mit einer Allongeperücke aus. Braun, der Bär, ging unten in einem tiefen Graben, in dem er einen Baum hatte, um daran hinaufzuklettern. Jüngst stieg ein Mann zu ihm hinab, um einen Thaler zu holen, der darin lag; da kam Braun ihm sehr freundlich entgegen und drückte ihn so innig an seine Brust, daß der Mann den Geist aufgeben mußte. Ich sah einige philosophische Eulen, deren Weisheit gleich der der Sophisten das Licht scheute; einige Adler, die in das Fleisch hackten. Die Papageien hatten ihre Toilette gemacht, und glichen alten Weibern, die ihre unschöne Gestalt mit prächtigen Kleidern behangen und sie ausgeschmückt haben, daß es eine Lust war; sie waren entsetzlich dumm. Es fanden sich da auch herrliche Fasanen. Zu denen flogen die Spatzen hinein, und durch das Gitterwerk wieder hinaus, und es war rührend anzusehen, wie die kleinen Vögel sich immer, wenn sie wollten, wieder frei machen konnten, die großen aber darin bleiben mußten. Bei der Löwin lag ein kleiner Hund, der sehr eitel und prahlerisch aussah, während die Löwin vornehm gähnte und sich langweilte. Wir sahen einen ehrwürdigen Elephanten. Da waren langhalsige Sträuße, Stachelschweine; kurz, es war wie in Noah's Arche und in Aesop's Fabeln. Die Affen spielten die Bajaz- und Harlekinsrollen in einem stinkenden Nachspiele. Sie bilden sich ein, daß sie mit zur Löwen- und Tigerfamilie gehören, weil vor ihnen auch ein Gitterwerk ist.
Versailles.
Ich kam jüngst nach Versailles. Von diesem prächtigen Schlosse war die Vergoldung in der strengsten Bedeutung des Wortes verschwunden; aber nun vergoldet man es wieder thunlichst. Ludwig XIV. hat absichtlich eine Stelle zum Schloß und Garten gewählt, für die der Schöpfer gar nichts gethan, damit er selbst allein die Macht und Ehre davon habe. Die Gegend war ein Morast; — dieser ist nun in den festesten Boden verwandelt. Es war kein Wasser dort; — aber Ludwig verstand es, durch künstliche Leitungen sich Wasser, ebenso wie Poesie, zu verschaffen, und wo man geht, kann nun das Wasser aus mittelmäßig geformten bronzenen Tritonen und Oreaden spritzen. Kein Unterofficier kann die Soldaten zwingen, in geraderen Reihen zu stehen, als die Gärtnerscheere hier die Hecken gezwungen hat. Indessen bekommt das Ganze durch seine Weitläufigkeit und Kostbarkeit, Ordnung und Reinlichkeit, etwas Imposantes und Angenehmes. Im Schlosse selbst sind schöne Hallen, die Plafond's sind köstlich gemalt und es hat etwas Feenhaftes, durch alle die goldenen Säle mit hohen, gewölbten Kuppeln zu wandeln. Ludwig XIV. war, wie die Krähe und Narciß in seinen eigenen Namen und sein eigenes Bild vergafft, wohin man das Auge richtet, in welchen Saal man tritt, steht Ludwig XIV. im Harnisch mit der Allongenperücke. Ja, in dem großen Saal steht er in jeder Wölbung unter der Kuppel. Diese Gemälde enthalten die wichtigsten Momente seiner (d. h. seiner Generale) Siege. Ich stand in dem langen Saale allein, und konnte es mir recht vorstellen, wie es hier von Herren und Damen mit großen Rockschößen, breiten Reifenröcken, Perücken und Toupee's gewimmelt haben muß. — Hier stand der große Racine zitternd und bebend, als Ludwig an ihm vorüber ging, ohne ihn zu grüßen; ging nach Hause und starb; — Gott sei seiner Seele gnädig!