In dem Theater war ich auch, aber hier lag noch Alles in größter Unordnung. Alte Gemälde und Portraits waren hineingeschleppt, und wie in einer Rumpelkammer übereinander geschichtet; und mitten zwischen diesen stand ich. — Es schien mir wie eine satyrische Scene, die absichtlich von dem Schloßverwalter veranstaltet sei. Ich wandte mich deshalb zu ihm und sagte: „Ja, es ist schrecklich, wie der Geschmack zurückgegangen ist.“ — „„Nein, mein Herr,““ sagte er, „„diese alten Gemälde und Portraits gehören nicht hier her; wir haben sie nur ad interim hierher gesetzt.““ — „Lassen Sie sie nur stehen,“ antwortete ich; „es wird mit ihrem Theater doch nicht gut, bevor sie nicht diese Helden auf die Bühne bringen.“ — Durch das viele Umhergehen war ich warm geworden, und nun sollten wir in die Orangerie. Dies ist ein langes Gewölbe in dem untersten Seitengebäude. Die Fenster waren geschlossen; wir gingen durch einen langen finstern Keller, wo gerade soviel Licht war, daß ich die Orangenbäume in viereckigen Holzkasten entdecken konnte; sie hatten rundgeschnittene Kronen, welche freilich alle grün waren. — Es schwebte mir die Frage auf der Zunge: „Was haben diese Bäume verbrochen?“ denn es schien mir, als ob ich durch die Bastille oder die französische Academie ging, wo die Natur unter der Zuchtruthe gehalten wird. Zugleich dachte ich aber daran, wie schön es im Sommer aussehe, wenn sie draußen in der Luft ständen, und Früchte trügen. So hatte ich sie im Jahre 1807–1808 gesehen. Nun versöhnte ich mich mit der Einrichtung, und dachte: das ist eine Art Winterschlaf; man muß diese Orangen wie eine Truppe Schauspieler betrachten, die ihre Rollen in dem Lustspiele durchlesen, das sie am Geburtstage der Sommerwärme aufführen sollen.


Versailles. — St. Denis.

Das war nun die Versailler Tour. Einige Tage darauf dachte ich: Du hast keine der Majestäten auf dem Lustschlosse gefunden, Du mußt sie einmal auf ihrer Winterwohnung aufsuchen, da sind sie gewiß zu Hause. — Mit diesem Gedanken stieg ich in einen Wagen, und fuhr eines schönen Tages nach St. Denis hinaus. Als ich nun an dem Kirchhofe von Paris vorüberfuhr, wo Alles auf Das hindeutete, was gewesen war, erhob sich nach und nach der ehrwürdige Thurm von St. Denis, und erinnerte mich an unser altes Roeskilde.

Die Gräber von St. Denis.

Ich dachte nicht an die Geschichte der Begräbnisse und bildete mir ein, daß ich viele davon sehen würde, wie in Roeskilde oder Westminster. — Mit diesem Gedanken trat ich in die alte gothische Kirchthür; aber statt der Gräber der Todten erblickte ich in dem großen hellgelben Steingewölbe nichts als einen lebenden Todtengräber, der eine Mütze aufhatte, weil es nicht gestattet war, einen Hut in der Kirche aufzubehalten. Er ging auf und ab, und wartete wahrscheinlich auf einige Kunden, d. h. Lebende, welche sich umherführen lassen und ihm Trinkgeld gehen würden. Ich fragte ihn, ob ich die königlichen Gräber sehen könnte; aber er schlug es mir mit vieler Wichtigkeit ab, und sagte: daß sich das nicht ohne besondere Erlaubniß thun ließe. Dies that mir leid, und ich glaubte bereits, die Reise vergebens gemacht zu haben; als er in demselben Augenblicke mein Herz durch den Zusatz erleichterte, daß auch nichts weiter zu sehen sei, als die Särge Ludwigs XIV. und seiner Familie. — „Aber mein Gott,“ rief ich, „wo sind denn alle Merowinger, die Karolinger, die Valois, und die Bourbons geblieben?“ — „„Es ist Nichts mehr an ihnen zu sehen,““ sagte der Todtengräber. — „Das kann ich mir wohl denken,“ entgegnete ich, „aber ihrer Gräber?“ — „„Existiren nicht mehr; denn in der Revolutionszeit wurden sie vernichtet, und Robespierre ließ alle ihre Gebeine herausnehmen und sie auf dem Kirchhofe dort begraben.““ — Hier öffnete er eine Seitenthür zu einem kleinen, grünen Kirchhof. — Ich: Liegen sie da noch? Der Todtengräber: Nein, später hat man sie wieder in die Kirche gebracht. Ich: Das heißt, alle Gebeine zusammen; denn es war wohl nicht leicht, Chlodowigs Gebeine von denen Chilperichs, Merowings von denen Dagoberts, und Chlodions von denen Pharamunnds zu trennen. Der Todtengräber: Sie können sich denken, daß das ein artiger Haufen war. Ich: Und wenn man ihnen auch, wie den Abderiten einen Schlag über die Beine gegeben hätte, so würden sie doch vergessen haben, die Beine an sich zu ziehen. Ja ich möchte wohl solch' eine Schiebkarre voll der Königsasche mehrerer Jahrhunderte sehen! Der Gedanke: „von Erde bist du, zu Erde sollst du werden,“ würde bei einem solchen Anblicke sehr einleuchtend werden. — Nun erzählte der Todtengräber mir mit vieler Routine die Geschichte der Kirche. Der Chor ist in dem elften Jahrhundert mit runden unverhältnißmäßigen Säulen erbaut. Die Kirche selbst hat Ludwig der Heilige errichtet und Thüre und Eingang sind noch aus der Zeit Karls des Großen. Vom Anfange des neunten Jahrhunderts? Unter dem Chor war die alte Kirche, eine niedrige Kapelle, von Dagobert im siebenten Jahrhunderte gebaut. Nun führte der Todtengräber mich in eine Kapelle hinab, welche mehrere Jahrhunderte hindurch von Gerölle und Steinen verschüttet lag, bis man sie endlich wiederfand. Eine Kirche aus dem siebenten Jahrhundert ist nichts Geringes. — Es ist angenehm, in das dunkle Mittelalter einzudringen; aber hier begegnet uns die sonderbare Erscheinung: je tiefer man ins Mittelalter hineinkommt, destomehr nähert man sich wieder der hellern, modernern Römerzeit; und dadurch wird der mysteriöse Eindruck geschwächt. Dagobert's kleine Kirche glich mehr dem verdorbenen Geschmack der antiken Baukunst, als der ersten selbsterfundenen romantischen; und als antik ist sie wieder sehr jung. Indessen hat man nicht viele Denkmäler aus dem siebenten Jahrhunderte außerhalb Italien und Griechenland, und es war mir interessant, in dieser kleinen niedrigen Kapelle umherzugehen, auf der nun die große Kirche stand, und die le bon roi Dagobert hatte bauen lassen. Einige alte Leichensteine aus dem elften und zwölften Jahrhundert lagen umher. Sie sahen älter aus und stellten ein paar Könige vor: Childerichs oder Chilperichs. Es kam mir vor, als ob diese steifen, weißen Steinbilder Leichen wären, und sie glichen den alten Königen. Ein paar gezeichnete Figuren waren auch aus dem siebenten Jahrhunderte da, und zeugten gleichfalls von dem vorbyzantinischen Geschmacke. Später sah ich ein Versammlungszimmer der Geistlichkeit der Kirche, das schön und mit den besten Bildern der neuesten französischen Maler geschmückt ist.


Die stille Woche in Paris.

Die stille Woche in Paris entspricht ungefähr der Thiergartenzeit bei uns. Freilich wird die ganze Woche hindurch auf den vier großen Theatern nicht gespielt; und auf den kleinern nicht am Gründonnerstage und dem Charfreitage; aber dafür hat denn auch Lucifer auf andere Weise für das Vergnügen gesorgt. — In alten Tagen befand sich außerhalb der Stadt eine Kapelle der heiligen Jungfrau. Zu dieser Kapelle gingen die Vornehmsten der Stadt, Könige und Königinnen nicht ausgenommen, in Procession, beteten dort fromm und gingen dann wieder zurück. Später meinte man, der Weg sei doch zum Gehen zu lang; man meinte, man könne ebenso gut zur heiligen Jungfrau beten, wenn man hinaus fahre. Endlich verfeinerte man die Idee so weit, daß man meinte, man könnte wohl auch hinausfahren, ohne zu beten. Und dabei blieb es. Am Aschermittwoch, Grünendonnerstag und Charfreitag fährt also Alles hinaus, was Pferde und Wagen hat, oder miethen kann. Der Zug fängt am Boulevard an, geht über den Platz Ludwigs XV., durch die elyseischen Felder, zur Barrière hinaus, nach dem Bois de Boulogne, wo Viele aussteigen und wieder zurückgehen. Alle die prächtigen Equipagen, Schritt vor Schritt fahrend mit schön geschmückten Damen, die dort zur Schau sitzen! Man kann nicht leugnen, daß das Ganze ein elegantes und lebendiges Bild giebt. Nur Eins ist verkehrt, daß es in der stillen Woche geschieht! und Charfreitag ist der brillanteste und lustigste Tag. In diesen Tagen wetteifern die Damen in der Erfindung schöner Toiletten. Künstler, Maler und Schneider sind als Richter zugegen und nun wird gewählt; was man am Schönsten findet, das wird dann die neue Mode, die sich in kurzer Zeit über ganz Europa ausbreitet. Was besonders dazu beiträgt, es unterhaltend zu machen, ist die außerordentlich lächerliche Verschiedenartigkeit, welche dort herrscht. Ein Jeder kann natürlich fahren. Nun kommt bald ein prächtig lackirter Wagen mit geschminkten Damen mit Spitzenhüten und Sonnenschirmen, hinterdrein knarrt ein elender Miethwagen, mit Heubündeln statt der Sitze, voller Poissarden mit Häubchen oder Mützchen; darauf segelt ein englischer Wagen mit einem Kutscher vorüber, dessen spitziger Hut, in Form eines gleichschenkeligen Triangels ihm mit der Krempe gerade über der Nasenspitze sitzt. Dann kommt die Herzogin von Berry mit einer Suite ihrer Garden. Darauf Demoiselle Bourgoin, die Schauspielerin im Théâtre français, verschleiert, aus Devotion damit ja Niemand merke wie alt sie wird. — Man muß gestehen, die französischen Damen kleiden sich mit vielem Geschmack. Sie gehen in prächtiger Toilette auf ihren kleinen, graziösen Füßen mit filirten oder brodirten Seidenstrümpfen, und sie gleichen hierin durchaus nicht dem Pfau, bei dem die Füße die schwächste Seite sind. Eine große Menge von Gensd'armen ist da, um die Ordnung aufrecht zu erhalten. So bringt man hier die stille Woche zu.

Aber es ist auch Gottesdienst da. Ich ging Abends auch in die Kirche St. Roche, und da war es voll. Aber ich fand keine sonderliche Andacht. Ein Prediger heulte auf der Kanzel, schrie, schlug um sich und war sehr aufgebracht. Er sprach nicht wie ein Vater oder Freund zu seinen Kindern und Schülern; sondern wie ein Gefangnenwärter, der Schelme oder Verbrecher ausschilt. Wir wären gern Alle zusammen wieder draußen gewesen; aber die Thüren waren während der Predigt geschlossen, sodaß man bleiben mußte. Es nahm gar kein Ende, und ich war nahe daran, ihn von der Kanzel in die Hölle hinab zu wünschen. Endlich kamen wir hinaus. — Da hast Du ein Bild von einem pariser Charfreitag.