Potage à la turc.

In meinen Briefen gehe ich zuweilen den Krebsgang. So will ich nun erzählen, wie ich am Gründonnerstage beinahe gefastet hätte, und zwar aus lauter Heidenthum. Ich war nämlich im Long-champ — so wird der vorher erwähnte Zug genannt — so lange, daß ich nicht mehr zu Very ins Palais royal kommen konnte. — Bertouch ißt in einem Hôtel zu Mittag, wo eine geschlossene Gesellschaft ist, und da bin ich zuweilen auch; aber da es mich mehr amüsirte, umherzugehen, ihn aber Bekanntschaften fortzusetzen, so bleibt er noch dort und ging auch mit einigen Freunden vom Hause spazieren. — Da die Uhr über Fünf Uhr war, ging ich in eine Restauration am Boulevard zu Monsieur le Riche. Bei den Reichen pflegt man gut zu diniren, und ich kann auch im Ganzen nicht klagen. Aber man höre! Das Erste, auf das meine Augen auf der großen Speisekarte fielen, war potage à la turc. — Potage à la turc? das klang mir so kräftig. Ich verlange also potage à la turc. Der Garçon sagt: bien, Monsieur! — Es kommen andere Gäste, welche potage à la julienne, aux choux, aux ris, aux vermicelles etc. verlangen. — Sie bekamen Alle ihre Suppen früher als ich die meinige. Endlich kommt der Diener mit einem silbernen Teller, auf dem eine in einer Obertasse befindliche Portion gekochten gelben Reißes ganz trocken wie ein harter Kuchen steht. Ich dachte: das kommt wohl in die Suppe. Ich warte. Nichts mehr! Endlich werde ich ungeduldig und rufe: „Eh bien? le potage?“ — Garçon: „Le voilà, Monsieur!“ Ich: „Comment, c'est du potage ça?“ Garçon: „Oui, Monsieur!“ —


Das Museum.

Vor der Thüre zum Museum steht ein Schweizer, und ich hatte im Anfange immer Mühe, an ihm vorüberzukommen. Bald war es nicht geöffnet, bald sollte man seinen Paß vorzeigen. Einmal, als ich den Paß bei mir hatte, sagte er: „Monsieur le chevalier, ce n'est pas nécessaire, mais la galérie n'est pas ouverte aujourd'hui.“ — Ein anderes Mal, wo ich den Paß in der Hand hielt, wollte er ihn lesen, und ich trat endlich ungehindert in die Wunderwerke der Kunst ein, ohne daß Cerberus mich ferner daran gehindert hätte.

Die Galerie hat viele ihrer Krähenfedern verloren. Das Geschwätz: daß es schade sei, daß sich nicht Alles mehr auf einer Stelle finde, und daß dies die Möglichkeit zu studiren, sowohl für Künstler, als für Kunstverständige erschwere, hat mich oft verdrossen. Als ob Kunstwerke nur für die Künstler da wären! Im Gegentheil: die Künstler sind für die Kunstwerke da. Wenn man Alles nur in Bezug auf das Bedürfniß der Künstler einrichten will, so kommt mir das so vor, als ob man die Speise in der Küche stehen ließe, wenn der Koch sie fertig gemacht, damit die Küchenjungen am nächsten Tage daraus lernen, eine ähnliche Speise zu bereiten.

Die Werke sollen gerade in die Welt hinausgebracht und vertheilt werden, damit Alle Etwas haben können. Jede irgend wichtige Stadt hatte früher ein einigermaßen bedeutendes Kabinet, so ist es jetzt wieder. Hier war Alles zu einem Haufen zusammengefegt. Erstens war es ein gemeiner Raub; aber es war auch ohne Nutzen: es machte die früheren Kunstsammlungen leer, und die außerordentliche Menge auf einem Punkte stumpfte den Sinn ab und zerstreute, sodaß man auch hier die Kunstwerke nicht recht genoß. Das Seltenste erschien alltäglich, wenn man an der Masse vorüberging.

Während früher ein Altarbild die Kirche feierlich und schön machte, und oft gerade in Bezug und berechnet auf den Ort gemalt war, hingen sie nun oft in einem Winkel hoch oben im Schatten, wie in einer Rumpelkammer. Eine Statue, welche dazu bestimmt war, frei zu stehen, sodaß man rund um sie umhergehen, und sie von allen Seiten betrachten konnte, mußte sich hier oft damit begnügen, an einer Wand und in unvortheilhafter Beleuchtung zu stehen. Weßhalb soll man auch so Vieles sehen? Es verbreitet den Geschmack für das Schöne weit mehr, wenn Alle Etwas, als wenn Einige Alles sehen. Und was kommt überhaupt bei diesem ewigen Besehen und Copiren heraus? Davon haben wir traurige Beweise!