Ich kann es nie lange aushalten, Gemälde und Statuen zu sehen; aber ich sehe sie gern jeden Tag wieder. Ich habe mich oft über Menschen gewundert, die mit ununterbrochener Aufmerksamkeit dergleichen mehrere Stunden lang hinter einander betrachteten. Im Anfange glaubte ich, es sei Mangel an Sinn für das Schöne, der mich müde werden ließ; aber später, als ich oft Aehnliches bei Leuten gesehen habe, die gerade ihres Schönheitsgefühls wegen geachtet waren, tröstete ich mich. So viele Gemälde und Statuen auf einmal zu sehen, kommt mir vor, als wenn man viele Gedichte auf einmal liest. Der eine Eindruck verdrängt den andern. Es ist als ob man in einen Raritätenkasten, oder in eine Laterna magica blickt. Das Gefühl wird gezwungen, uns treulos zu werden. Die Phantasie muß ihr Bild fahren lassen, gerade in dem Augenblicke, wo sie es genießen wollte; vor lauter Lust, Alles zu sehen, sieht man zuletzt gar Nichts und verläßt die Sammlung mit leerem Herzen. — Meine Seele wird von solchem Anblicke befruchtet, und wenn der Geist Gedanken und Bilder in sich aufgenommen hat, sucht er die Einsamkeit, um selbst zu schaffen.
Bertouch, der kein großes Vergnügen daran findet, Kunstwerke zu sehen, war jüngst mit mir in der Galerie; als er ganz gleichgültig vor Raphael's heiligem Georg stand, wollte ich doch versuchen ihm zu imponiren und sagte: „Wissen Sie wohl, daß dieses Bild vielleicht ebenso viel, als ihre Baronie gekostet hat?“ — „„Möglich,““ antwortete er gleichgültig, „„die Liebhabereien sind verschieden.““ Ich lachte und gab ihm vollkommen Recht.
Das Ballet. — Galeotti.
Das Ballet nähert sich hier bei Weitem nicht so sehr der eigentlichen Mimik, wie die Composition unsers Galeotti, ist aber viel mehr mit Tanz verbunden. Galeotti war eigentlich ein Dichter. Die Compositionen seiner Fabeln, die, wenn auch anderen Stücken entnommen, doch ganz umgearbeitet waren, können als Entwürfe zu guten Schauspielen dienen. Jede Kunst hat ihre Eigenthümlichkeit, in der sie vollkommen werden muß; sie kann sich unmöglich über sich selbst erheben, unmöglich ihre Vorzüge von einer andern Kunst entlehnen. In den Ausdrücken der Leidenschaft, in der Entwickelung der Charactere kann das Ballet sich nicht mit einem guten Schauspiele messen; denn das Wichtigste, das Wort fehlt. Das Ballet ist die Kunst der äußern Bewegung. Seine Hauptaufgabe ist, den Menschen in allen schönen Formen der Bewegung darzustellen. Hier kommen also Tanz, Gruppen, anmuthige Verwickelungen, die sich in Harmonie auflösen u. s. w. in Betracht[2]. So wie das Singspiel die Stimme des Menschen, als Ausdruck für seine Gefühle und Leidenschaften behandelt, so behandelt das Ballet seine Körperbewegungen. Die Pantomime stellt eine Handlung in so weiter Entfernung gesehen dar, daß man nicht mehr die Worte vernehmen, sondern sie sich nur durch die Bewegungen versinnlichen kann. Da es nun bloß sehr wenige Stimmungen giebt, welche diese äußere Bewegung gestatten, wenn sie nicht der Deutlichkeit wegen unschön übertrieben werden sollen, so sehen wir ein, daß der Kreis der Pantomime sehr beschränkt ist. Einzelne Gedanken kann sie nur selten ganz deutlich ausdrücken. Unser Galeotti handelte deshalb sehr klug, indem er Stoffe wählte, die bereits durch die Poesie bekannt waren, sodaß die Erinnerung an die Worte des Gedichts den mimischen Vortrag unterstützen konnten. Will die Pantomime dagegen auf ihren eigenen Füßen stehen und tanzen, so muß sie sich in ihrer Sphäre halten. In dem Tragischen sind nur einzelne pathetische und erotische Gegenstände für dieselbe geeignet; dagegen ist der Tanz ein Ausdruck jugendlichen Lebens und jugendlicher Munterkeit, und wir sehen also deutlich, daß jugendlicher Scherz in anmuthigen Bewegungen ihre Hauptsache ist. Das fühlen die Franzosen als geborene Tänzer und suchen, indem sie keinen großen Werth auf die Balletcomposition legen, den Zweck durch die richtigste Wahl des Stoffes und durch die vollkommenste Darstellung zu erreichen.
Das Ballet.
Ich habe zwei Ballete dieser Art hier ganz vortrefflich gesehen: Zephyr und Flora und der Carneval in Venedig. Wenn Zephyr überhaupt menschlich verkörpert werden könnte, so wäre es hier durch die anmuthigsten Bewegungen und Wendungen geschehen. Die blühende Flora tanzte in holder Grazie mit ihrem Geliebten: es war wie die Frühlingsluft in einer Rose. Der Carneval ist ein amüsanter Wirrwarr der verschiedenartigsten Masken: italienische Phantasie und Munterkeit, verbunden mit französischer Leichtigkeit und Grazie. Alles unterstützte diese Vorstellungen: Costüme und Decorationen waren vollkommen schön; das Wasser rieselte, die Böte segelten dahin, die Bäume warfen ihren Schatten, die Blumen schmückten Alles, wie in der schönen Natur.
Welche Menge schöner, junger Menschen beider Geschlechter! Einer verdrängt den Andern. Alles geschieht ohne Prätension, und das Schwierigste mit einer so nachlässigen Leichtigkeit, daß man glauben sollte, man könne es selbst machen. So muß alle Kunst sein: wo man die Schwierigkeit bemerkt, da ist Anstrengung; Anstrengung setzt Mühe, ja wohl selbst Schmerz voraus, und die Folge davon ist, daß man mit dem Leidenden Mitleid oder gegen den Schwachen Verachtung empfindet, anstatt sich mit über das Blühende zu freuen und den Starken zu bewundern.
Man frage mich nicht nach den Namen dieser Phantome! Worte scheinen mir nichts mit ihnen zu thun zu haben, und ein Name ist ein Wort. Ich betrachte sie wie die Blumen im Winde: die Linné'schen Bezeichnungen sind für mich von geringer Bedeutung. Es erfreut mich stets, sie gleichsam jedesmal aufs Neue zu entdecken. Aber wenn man durchaus einen Namen haben will, so diene zur Nachricht, daß Mademoiselle Bigottini eine der vorzüglichsten Tänzerinnen ist.