Der Hund kein Dichter.

Man zeigt einen Hund, der schwierige Kopfrechnungen machen und auf diese Weise den Leuten sagen kann, an welche Karte sie gedacht haben. Er erweckt die Aufmerksamkeit der ganzen Stadt durch sein mathematisches Talent. Ich fragte, ob er auch Verse machen könne, und als man: „Nein“ antwortete, freute es mich, daß den Poeten auf diese Weise eine unschuldige Rache über die Mathematiker wurde, die immer so sehr mit ihrem menschlichen Verstand prahlen, und die Phantasie zu den niedrigen Seelenkräften rechnen, die wir mit Thieren theilen. Sehen Sie wohl, meine Herren! Verse konnte der Hund doch nicht machen. „Aber er konnte ebenso wenig rechnen!“ — Das sage ich auch nicht; ich erzähle nur, daß ganz Paris es glaubt. Dagegen hat Paris nie geglaubt, daß ein vierbeiniger Hund Verse machen könne.


Ich gehe oft an den Quais der Seine entlang. Letzthin ging ich über Pont neuf, wo Ravaillac den gefühlvollen, verliebten Ritter, den tapfern Helden und väterlichen König Heinrich IV. ermordete, der, ohne außerordentliche Geistesgaben und Thaten sich durch seine persönliche Liebenswürdigkeit und sein gutes Herz unsterblich gemacht hat. Ich höre nie das Volkslied: „Où peut-on être mieux, qu'au sein de sa famille,“ ohne an ihn zu denken, und mir sein bärtiges lächelndes Antlitz in Rubens' Bild vorzustellen. Auf meiner Wanderung kam ich auch am Café de Voltaire vorüber. Ich hatte die Absicht hineinzugehen, besann mich aber gleich, indem ich zu mir selbst sagte: Du triffst ihn doch nicht. Aber ich hätte viel darum gegeben, wenn er gelebt, und drinnen seinen Witz zwischen seinen Bewunderern bei dem lieben Kaffee hätte spielen lassen, diesem langsamen Gifte, bei dem er über achtzig Jahre gelebt.

Ich kann mich nie den kleinen Inseln mit la Cité in der Seine nähern, ohne an meine Vorväter die Normannen zu denken, welche den Fluß herauf mit ihren kleinen Schiffen kamen, die Stadt belagerten, einnahmen und anzündeten. Der Fluß und die Inseln sind jetzt fast noch so wie damals, die Stadt selbst — welch ein Unterschied! und doch ist es nicht lange her, daß eine viel abscheulichere Barbarei hier unter den seinen, polirten Parisern raste, als unter den barbarischen Normannen. Die Normannen haben niemals wie die Katholiken gegen die Hugenotten, wie die Jakobiner gegen alle ehrlichen Leute gerast. Man folge mir nun noch ein paar Schritt auf den Greveplatz! — Nun stehe ich auf der Stelle, wo das Blut Tausender geflossen ist, wo man täglich Fenster wie Logen zu dem blutigsten Schauspiele miethete. — Aber ich merke Nichts davon, die Erde, auf der ich stehe, war einmal so vom Blut gesättigt, daß sie die rothen Ströme nicht mehr einsaugen wollte, und man war genöthigt, die Richtstätte nach dem Platze Ludwig's XV. hin zu verlegen. Nun aber sitzen die Poissarden hier ganz ruhig und verkaufen Gemüse. Zuweilen stehe ich still und höre sie zanken und dann glaube ich in ihren Schmähworten und wilden Blicken den Funken der Flamme zu sehen, die so fürchterlich ausbrach.


Abschied von Paris.

Ich verlasse Paris nicht ohne Wehmuth. Ich liebe diesen Mittelpunkt europäischen Lebens und Wirkens. Ich habe nun bereits 21 Monate meines Lebens in dieser Stadt zugebracht. Das erste Mal 18, jetzt 3. Ich habe hier meine Tragödien Palnatoke und Axel und Valborg geschrieben; habe Hroar's Sage ausgearbeitet und Aladdin, Hakon Jarl, Palnatoke und mehrere Gedichte ins Deutsche übersetzt. In keiner Stadt, nächst Kopenhagen bin ich so lange gewesen und habe so viel gewirkt; ist es da nicht natürlich, daß die Erinnerung mir lieb sein muß, wenn ich dies zu den eigenen, großen Vorzügen der Stadt hinzurechne? — Es haben sich hier Einige über diese Vorliebe gewundert und gesagt, es sei unconsequent von mir, da ich die Franzosen nicht liebe. Aber sie thaten mir Unrecht. Ich liebe nicht die französische Tragödie, den französischen Hochmuth und die Unwissenheit über Alles, was nicht Französisch ist. Aber die französische Nation finde ich im Ganzen genommen liebenswürdig und angenehm, mit mancherlei Eigenschaften, die den anderen Nationen fehlen. Und sollte ich mir außerhalb Kopenhagen einen Aufenthalt nach meinem Sinne wählen, so wäre es Paris; denn hier findet man Alles, und Jeder kann leben wie er will. Ich habe eigentlich keine persönlichen Bekanntschaften gemacht; aber oft mit vernünftigen, gebildeten, freundlichen Franzosen an öffentlichen Orten gesprochen. Ich sympathisire mit ihrer raschen, kurzen, witzigen Art, die Dinge zu betrachten. Die Franzosen sind Lebensphilosophen, sind kräftige, thätige Menschen. Auch das Elegante und doch Oekonomische in Allem, was die Bedürfnisse des Lebens betrifft, mag ich gern. Man trifft in Paris viele Fremde aller Nationen. Gute Schauspiele, die die angenehmste Erholung meines Lebens, nächst Verwandten und Freunden ausmachen, finden sich hier ganz besonders. Und deshalb schaue ich fortreisend mit einem schwermüthigen Blick auf das Gewimmel der Boulevards, indem ich zum letzten Mal an ihnen vorüber fahre. Das Auge haftet an der porte St. Martin, so lange es vermag; ich denke: siehst Du nun Paris nie mehr? und tröste mich mit dem alten Sprichwort: Alle guten Dinge sind drei!